Sven Hillenkamp: "Ständiges Vergleichen macht liebesunfähig"

Wir können lieben wie und wen wir wollen. Und genau das führt zum Ende der Liebe, sagt der Autor Sven Hillenkamp.

Exklusiv für BRIGITTE.de-User: Lesen Sie einen Auszug aus Sven Hillenkamps Buch "Das Ende der Liebe", das am 31. August bei Klett-Cotta erscheint.

Sven Hillenkamp

BRIGITTE.de: Ihr Buch heißt: "Das Ende der Liebe". Wir sitzen hier in einem Hamburger Café, das Paar am Nachbartisch hält Händchen, auf dem Weg hierher habe ich glückliche Paare gesehen. Ich sehe kein Ende der Liebe.

Sven Hillenkamp: Ich sage nicht: Morgen oder im Jahr 2029 wird keiner mehr lieben und jeder, der dann von seiner Cousine erzählt, die sich gerade verliebt hat, hat das Buch widerlegt. Ich glaube aber, dass es Entwicklungen in unserer Gesellschaft gibt, die mit der Liebe unvereinbar sind.

BRIGITTE.de: Nämlich?

Sven Hillenkamp: Die Liebe hat zwei Feinde: den Zwang und die Freiheit. Dass Zwang der Liebe entgegenläuft, wissen wir, davon erzählen Romane, Lieder, klassische Tragödien. Dass aber auch die Freiheit die Liebe bedroht, kommt erst sehr langsam bei uns an. Wir leben in einer Gesellschaft der absoluten Wahlfreiheit. Was heute gewiss ist, kann morgen schon ganz anders sein. Und wir leben in einer Gesellschaft der Vorläufigkeit. Wir sagen uns: Diesen Job, den mache ich ein paar Jahre, mal schauen, was dann kommt. Oder: An diesem Ort lebe ich ein paar Jahre, mal schauen, wohin es mich dann zieht. Dieses Vorläufige funktioniert in allen Bereichen, auch wenn es mit permanenter Angst und Unzufriedenheit verbunden ist. Nur in der Liebe, da funktioniert es nicht: Ich kann nicht vorläufig lieben. Liebe, wie ich sie definiere, ist absolut, sonst ist es keine Liebe. In dem Moment also, in dem ein Mensch denkt: Ich bin zwar mit meinem Partner zusammen, könnte aber noch jemanden finden, der besser zu mir passt, in diesem Moment wird Liebe unmöglich. Und dieses Denken wird in unserer Gesellschaft für immer mehr Menschen unausweichlich. Wir alle wissen: Da draußen laufen unendlich viele mögliche Partner herum. Wir vergleichen ständig, mal bewusst, mal unbewusst.

BRIGITTE.de: Vergleiche und auch Trennungen gehören zu unserem Alltag, das stimmt. Und auch kaum eine Frau ist noch bis an ihr Lebensende mit dem einen Mann zusammen. Aber das heißt doch nicht, dass wir dazwischen keine Liebe empfinden können!

Sven Hillenkamp: Was ich beschreibe, trifft - wie gesagt - nicht auf alle Menschen zu. Ich glaube aber, dass diese Nichtliebe ein Merkmal unserer Epoche ist und ständiges Vergleichen liebesunfähig macht. So vieles ist möglich, dass alles möglich scheint. Wir wissen: Da draußen ist ein Mensch, der nicht mein Partner ist, der aber mein Inneres noch mehr widerspiegeln könnte, als es mein jetziger Partner tut. So tritt - in der Arbeit wie in der Liebe - an die Stelle der Tyrannei der Entfremdung eine Tyrannei des Ichs.

BRIGITTE.de: Also zurück zum Alten, zu Zwängen, Regeln und Moral?

Sven Hillenkamp: Darum geht es mir nicht, und das wäre auch keine Lösung. Die unendliche Freiheit, wie wir sie heute erleben, ist sicherlich das Beste, was der Menschheit je passiert ist. Wir müssen aber begreifen, dass diese sehr positive Entwicklung auch Nachtseiten hat.

BRIGITTE.de: Ein Paar in Ihrem Buch entscheidet sich für die Vernunftehe. Sexy ist etwas Anderes.

Sven Hillenkamp: Mein Buch ist kein Plädoyer für die Vernunftehe. Die Vernunftehe ist nur eine ebenso paradoxe wie logische Folge der unendlichen Liebesfreiheit. Wer ständig mit einer so großen Auswahl konfrontiert ist wie wir freien Menschen, kann gar nicht anders, als sich zu fragen: Wer passt zu mir? Welche Eigenschaften soll er mitbringen? Was tut mir gut? Die neue Vernunftehe ist keine materielle, sondern eine therapeutische.

BRIGITTE.de: Aber das widerspricht doch nicht der Liebe! Mein Mann tut mir auch gut. Eine Vernunftehe führe ich deshalb noch lange nicht.

Sven Hillenkamp: Aber die Liebe richtet sich nun einmal nicht nach einem Katalog guter Gründe, sondern folgt ihrem eigenen Drehbuch, dem der Sehnsucht. Wir verlieben uns selten in den Menschen, der nach Vernunftgründen am besten zu uns passt. Der am besten zuhört, sich gerecht an der Erziehung der Kinder beteiligt. Romantische Liebe und vernünftige Wahl, das sind erst einmal zwei verschiedene Dinge. Das romantische Gefühl, die romantische Liebe, wird in unserer Gesellschaft untergraben, weil die Menschen, die permanent suchen und wählen müssen, permanent darüber nachdenken, was sie suchen und wählen wollen, also ihre Suche rationalisieren. Am Ende suchen sie dann etwas Rationales. Die Wahlmöglichkeit, die ja eine Voraussetzung für die romantische Liebe ist, untergräbt sie also gleichzeitig. Die unendliche Freiheit trifft die Liebe an einem schwachen Punkt: Die Liebe ist darauf angewiesen, dass sie nicht die besten Bedingungen hat.

BRIGITTE.de: Wie kann man sich der beständigen Suche entziehen?

Sven Hillenkamp: Gar nicht. Wir leben nun mal in einer Welt der absoluten Freiheit, darin gibt es keine Nischen und kein Exil. Auch wenn ich entscheide: Ich gehe ins Kloster, nutze ich damit meine Freiheit auf eine extreme Weise. Außerdem kann ich jeden Tag sagen: Ich trete wieder aus. Es gibt keinen Weg aus dieser Welt heraus. Das gilt gerade auch für die Liebe. Es wird immer eine Restsuche, eine Hoffnung bleiben, auch wenn man nicht aktiv sucht.

BRIGITTE.de: Weil die Welt an uns vorüberzieht, auch wenn wir selbst uns nicht bewegen.

Sven Hillenkamp: Genau. Wir müssen gar nicht aktiv suchen, weil wir auch so permanent mit anderen, ständig wechselnden Menschen konfrontiert werden. Die Welt verflüssigt sich. Und es liegt nicht in unserer Macht zu sagen: Das Strömen, das Vorüberziehen soll jetzt aufhören. Wir müssen permanent unser Lebensarrangement mit den Optionen vergleichen, die vorbeiziehen.

BRIGITTE.de: Und ziehen dabei meist den Kürzeren...

Sven Hillenkamp: Das Problem ist, dass der Einzelne nicht mehr unterscheiden kann: Was bin ich und was ist die Welt? Wenn etwas nicht klappt, dann denken wir: Es klappt nicht, weil ich ein Motivationsproblem habe, mich nicht genug angestrengt habe.

BRIGITTE.de: Sollten wir unsere Ansprüche reduzieren?

Sven Hillenkamp: Wer das macht oder sich dazu zwingt, tappt schon wieder in die Falle der unbegrenzten Möglichkeiten: Bei mir klappt es nicht, weil ich meine Ansprüche noch nicht genügend reduziert habe. Ich müsste mehr Yoga machen, mehr meditieren, weniger arbeiten. Ich bin unreif...

BRIGITTE.de: Was ist Ihre Lösung?

Sven Hillenkamp: Eine vorgekaute Lösung kann ich nicht geben. Was ich mir aber wünsche, ist, dass die Menschen durch das Buch ein bisschen Last und Scham von der Schulter genommen bekommen. Wir freien Menschen empfinden ja eine doppelte Scham. Einerseits schämen wir uns, weil wir nicht das Optimale erreicht haben. Und dann schämen wir uns zusätzlich, weil wir ständig versuchen, das Optimum zu erreichen, und uns deswegen als narzisstisch und neurotisch begreifen. Wer sich bewusst macht, dass wir in einer Gesellschaft leben, die alle Menschen mit der Unendlichkeit konfrontiert und dass die unendliche Sehnsucht und Scham kein persönliches Reifeproblem sind, dem ist schon viel geholfen. Wir müssen also die Zwänge der Freiheit wahrnehmen. Es ist doch so: Wenn ich vor einer Mauer stehe, dann sehe ich den Zwang. Die Zwänge der Freiheit aber sind unsichtbar. Zu begreifen, dass es etwas außerhalb von mir gibt, das eine sehr große Kraft entfaltet und nicht meiner Kontrolle untersteht, ist zwar keine Lösung. Aber eine Erleichterung.

BRIGITTE.de: Sie schreiben, dass wir alle eine Beziehung mit allen leben, was ebenfalls die Liebe bedrohe. Wie ist das gemeint?

Sven Hillenkamp: Ich glaube, dass wir freien Menschen nicht nur einen perfekten Partner suchen, sondern, dass wir ein Vielwesen suchen. Wir sind schon so vielen Menschen begegnet: Menschen, die gut küssen können. Gut zuhören. Gut aussehen. Im Kopf entsteht dann ein Vielwesen, das all diese Eigenschaften vereint. Die Bedrohung wächst außerdem aus der Wiederholung. Das Klischee ist ja, dass Menschen, die sich binden und ein bürgerliches Leben führen, sehr viel mehr Wiederholung in ihrem Leben erfahren als Menschen, die sich treiben lassen, die reisen, eine Art Künstlerleben führen. Meine Beobachtung ist eine andere. Die, die sich treiben lassen, erfahren mehr Wiederholung, gerade dann, wenn man es auf die Liebe bezieht. Diese Menschen treffen einen anderen Menschen, haben eine kurze Beziehung. Vier-, fünfmal nehme ich die Fülle meines Gegenübers wahr, erkenne ihn als Individuum. Dann aber setzt das Wiederholungsgefühl ein. Schon wieder ein One-Night-Stand. Schon wieder sitze ich mit Wein in der Kneipe, erzähle jemandem mein Leben. All die Dinge, die für uns zur romantischen Einzigartigkeit einer Begegnung gehören, werden zu Wiederholungen. In diesem Moment gibt es keine romantische Liebe mehr. In dem Moment, in dem wir uns quasi von außen beobachten, merken, ich erzähle schon wieder diesen einen Scherz, den ich schon so oft erzählt habe am Anfang einer Beziehung, in diesem Moment kippt es.

Mehr über Liebe und Partnerschaft erfahren - auf BRIGITTE.de

Interview: Madlen Ottenschläger Foto: Marijan Murat, istockphoto.com

Wer hier schreibt:

Madlen Ottenschläger
Themen in diesem Artikel