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Tinder-Paradoxon Männer, nehmt uns gefälligst, wie wir sind – aber wehe, ihr seid kleiner!

Tinder: Frau küsst Mann auf Leiter
© Hrecheniuk Oleksii / Shutterstock
Wir predigen Body Positivity – und wählen unsere Partner mit dem Maßband aus. Da stimmt doch was nicht, oder?

Wer sich auf gängigen Dating-Portalen herumtreibt, dem bleibt so manches nicht erspart: Männer mit nacktem Oberkörper und Motorrad, die Kind ("nicht meins!") und Hundewelpen kuscheln. Frauen mit Schmollmund, die mit Alpakas spazieren und in Bikini ("keine ONS!") posieren. Und Zahlen. Überall Zahlen. Die reichen von einer simplen Zwei bis in die 180er. Was soll ich damit?

"Bitte nicht unter 180!"

Bevor mich jetzt jemand aufklären will: Mir ist schon klar, dass es sich dabei um Meter bis Zentimeterangaben geht, die die Höhe eines Menschen angeben sollen. Die Körpergröße scheint also ein all umfassendes Dating-Kriterium geworden zu sein. Sie reiht sich an Profilbeschreibungen, wie, dass man ein "Typ zum Pferdestehlen" oder eben "ein bisschen crazy" sei und ist dabei vermutlich der einzig harte Fakt. Das ist okay, weiß man eben schon vorher, ob man beim Date nach oben oder unten gucken muss. Eine Überraschung weniger. 

Problematischer wird es meiner Meinung nach bei fremden Körpermaßen im Profil. Denn sowohl digital als auch analog fallen insbesondere unter Geschlechtsgenossinnen immer öfter die Worte: "Bitte nicht unter 1,80!". Das gängige Traummannmotto unter Frauen lautet: Hauptsache groß. Und das posaunen wir auch noch ganz ungeschämt heraus.

Wie absurd diese Entwicklung ist, wird erst deutlich, wenn wir den Spieß mal umdrehen: Stellen wir uns mal vor, ein Mann würde in sein Profil "bitte nicht unter 90cm" schreiben – und welche Körpermaße er damit meint, bleibt erstmal egal. Würde uns ein Partner von vornherein vorschreiben, wie unser Brust- bis Hüftumfang auszusehen hat, wäre das Geschrei groß. Das sind auch nur Maße.

Spoiler: In den 5 Zentimetern mehr versteckt sich kein Traumtyp, wenn du ihn in den restlichen 175 schon nicht findest

Trotzdem ist es gesellschaftlich vollkommen akzeptiert, dass Männer in heterosexuellen Beziehungen bitteschön größer als Frauen zu sein haben. Dann werden Argumente wie Beschützerinstikt und Anlehnqualitäten ausgepackt. Ich versteh euren Ansatz – nur passt er meiner Ansicht nach absolut nicht zum modernen Frauenbild, für das wir so kämpfen. Und für das wir keinen 2-Meter-Hünen mehr brauchen, weil wir jawohl auf uns selbst aufpassen können und müssen.

Wir predigen Body Positivity, feiern starke Frauen, fordern Gleichberechtigung auf allen Ebenen. Wir sagen uns gegenseitig, dass Kleidergrößen nicht unseren Wert bestimmen, wollen Ecken und Kanten und teilen fleißig, dass Diamanten schließlich auch nicht rund seien. Und lehnen dann einen Mann ab, weil er kleiner ist als wir?

Es ist ja nun auch nicht so, als würden wir Partner unbedingt behalten, nur weil sie unserer Mindestgröße entsprechen. Dann gehen sie uns auf die Nerven oder uns fremd. Teilen nicht die inneren Werte, die wir uns durch ihr Äußeres erhofft haben. Oder aber sie lassen uns wiederum stehen, weil unsere Oberschenkel nicht ihrer inneren Messlatte entsprechen. 

Also, keep in mind: Am Ende verraten die Meterangaben schlichtweg eine Körperhöhe. Die Größe eines Menschen lässt sich aber nicht mit dem Maßband messen.


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