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Toxische Freundschaft Ab wann tut eine Verbindung nicht mehr gut?

Toxische Freundschaft: Zwei Freundinnen sitzen auf einem Sofa und reden nicht miteinander
© nenetus / Adobe Stock
Toxische Freundschaften können uns mental und körperlich belasten. Welche Alarmzeichen weisen auf eine unausgeglichene Verbindung hin und wann sollte man einen Schlussstrich ziehen?

Inhaltsverzeichnis

Auch wenn wir uns manchmal allein durchs Leben kämpfen, sind wir Menschen im Kern unseres Wesens Rudeltiere. Wir mögen es, in Gesellschaft zu sein und brauchen Freund:innen, um zu gedeihen. Freund:innen, die gute Momente mit uns teilen und uns in schlechten Zeiten beistehen. Ein:e gute:r Freund:in kann Freude, Trost und Spaß in unser Leben bringen. Freundschaften können unsere Familie ergänzen und sie manchmal sogar ersetzen. Eine australische Studie hat herausgefunden, dass sich gesunde freundschaftliche Beziehungen positiv auf unsere Lebensdauer auswirken. So sollen Menschen mit einer festen Freundesgruppe eine um 22 Prozent höhere Lebenserwartung haben.

Ähnlich wie in Liebesbeziehungen gibt es in Freundschaften nicht nur rosige Zeiten. Vielleicht, weil sich unsere Lebensumstände ändern. Vielleicht aber auch, weil wir uns als Person weiterentwickeln. Viele Verbindungen können das aushalten und überleben knifflige Situationen. Andere können komplett daran kaputt gehen oder sich in eine toxische Freundschaft verwandeln.

Was ist eine toxische Freundschaft?

Der Begriff "toxisch" ist in den vergangenen Jahren nahezu zum Trendwort mutiert. So reden wir nicht nur von toxischen Freundschaften, sondern auch über die toxische Positivität oder eine toxische Beziehung. Aber was ist eigentlich eine "vergiftete" Freundschaft? Handelt es sich hierbei nur um eine undurchdachte Phrase oder können Freundschaften wirklich gefährlich werden?

Toxische Personen legen regelmäßig Handlungen und Verhaltensweisen an den Tag, die andere verletzen oder sich anderweitig negativ auf das Leben der Menschen in deren Umfeld auswirken. Die Betroffenen behaupten, unsere Freunde zu sein, tun aber Dinge, die unserem Wohlbefinden aktiv schaden. Hier müssen wir allerdings zwischen "toxisch sein" und "toxisch handeln" unterscheiden. Wenn jemand toxisch ist, hat sich das tief in der Persönlichkeit verankert. Die Person genießt es nahezu, andere zu verletzen. Eine solche Person wird auch als Narzisst bezeichnet. Toxisch handeln hingegen bedeutet, dass wir uns hin und wieder toxisch verhalten – meist geschieht das sogar unbewusst und ohne böse Absicht, sondern einfach nur, weil wir es nicht besser wussten. Toxische Freunde müssen also nicht immer insgeheim schreckliche Menschen sein.

Warum ist eine toxische Freundschaft gefährlich?

Bedauerlicherweise neigen wir dazu, die Auswirkungen toxischer Freundschaften zu unterschätzen. Dabei handelt es sich genauso wie bei Partnerschaften um zwischenmenschliche Beziehungen, die psychologisch und physiologisch belastend sein können, wenn sie aufhören, unsere Bedürfnisse zu erfüllen. Forscher:innen der UCLA (University of California, Los Angeles) haben herausgefunden, dass ungesunde Freundschaften zu einer signifikant hohen Konzentration eines Proteins führen, das Entzündungen im Körper verursacht. Diese Proteine werden mit einer Reihe von schweren Krankheiten in Verbindung gebracht. Darunter Herzkrankheiten, Krebs und Depressionen.

Warnzeichen: Woran erkennt man eine toxische Freundschaft? 

Nicht jede unharmonische Freundschaft muss direkt toxisch sein. Manchmal führt ein stressiger Alltag dazu, dass wir uns zurückziehen. Vielleicht sind wir gelegentlich so gestresst, dass wir leicht reizbar sind und unsere schlechte Laune aneinander auslassen. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass wir füreinander da sein wollen. Grundsätzlich lassen sich diese Unstimmigkeiten mit klärenden Gesprächen aus der Welt schaffen.

Ein toxisches Verhalten ist tiefgreifender. Es schleicht sich in die freundschaftliche Beziehung ein und breitet sich immer weiter aus. Eifersucht, Mikromanipulation, Egoismus, Rivalität und unterschwellige Beleidigungen sind Merkmale einer vergifteten Freundschaft. Die Psychologin Dr. Lalitaa Suglani erstellt regelmäßig auf Instagram Inhalte zu Themen der psychischen Gesundheit. In diesem Rahmen hat sie auch Warnzeichen für toxische Freundschaften veröffentlicht. Überdies hat die Psychologin Sharon Livingston in ihrem Buch "Get Lost, Girlfriend!: How I Found Myself When My Best Friend Dumped Me" Anzeichen für eine toxische Beziehung betitelt. Hier die acht wichtigsten Alarmsignale auf einen Blick:

  1. Wettbewerb: Toxische Freund:innen geben uns gerne das Gefühl, dass wir uns in einem Wettbewerb mit anderen ihrer "besten Freund:innen" befänden. Er oder sie trägt die besseren Klamotten? Oder hat eine schönere Wohnung? Vielleicht gibt er:sie deinem oder deiner toxischen Freund:in mehr? Das alles soll dir ein schlechtes Gefühl geben – ohne Berechtigung. Lass dir nicht einreden, dass du kein guter Freund, beziehungsweise keine gute Freundin bist. Manipulation und Rivalität sollten keinen Platz in einer Freundschaft haben.
  2. Ungleichgewicht: Gibt es ein Ungleichgewicht in euren Gesprächszeiten? Geht es überwiegend um die Probleme der toxischen Person? Das klingt nicht nach einer ausgewogenen und gleichberechtigten Freundschaft. Zudem gibt es immer irgendeine Art von Drama? Die Leichtigkeit in eurer Freundschaft ist abhandengekommen? Schönes und Schwieriges sollten sich immer die Waage halten.
  3. Selbstgerechte Haltung: Ehrlichkeit ist das Wichtigste in einer Freundschaft. Dabei vergessen aber viele – insbesondere toxische Personen ­– ihre Freundlichkeit. Kritik ist wichtig. Sie sollte allerdings nicht belehrend und brutal, sondern aufbauend sein. Wenn du dich schlecht nach eurer gemeinsam verbrachten Zeit fühlst, spricht das für eine toxische Freundschaft. Mache dir bewusst, dass es sich bei den gemeinen Worten um Projektionen handelt – die eher auf die toxische Person zutreffen als auf dich persönlich.
  4. Missgunst: Toxische Persönlichkeiten erkennt man an ihrer Missgunst. Freund:innen sollten sich für uns freuen, wenn uns gute Dinge passieren. Stattdessen reden uns toxische Menschen unser Glück lieber schlecht.
  5. Wer sucht den Kontakt? Bist du mehr an Verabredungen interessiert, als er:sie es ist? Hast du das Gefühl, ein Plan B zu sein? Das kann ein Warnsignal für ein toxisches Verhalten sein. Aber auch das Gegenteil – das Gefühl, von dem:der Freund:in verfolgt zu werden, kann beunruhigend sein. Vielleicht ist er:sie sogar so besitzergreifend, dass er:sie dir deine anderen Freund:innen ständig schlechtredet. Gesünder wäre ein Gleichgewicht.
  6. Du läufst auf Eierschalen: Zu Beginn eurer Freundschaft hattet ihr zusammen so viel Spaß. Ihr habt gelacht, euch bemitleidet und hattet eine angenehme Verbindung. Jetzt kommt ihr leichter in Schwierigkeiten? Du musst auf jedes Wort achten, damit du nicht das Falsche sagst? Klingt nicht nach einer gesunden Freundschaft.
  7. Emotionale Achterbahnfahrt: Du kannst nicht mehr vorhersehen, was dich erwarten wird. Du machst dir ständig Sorgen, dass du nicht ordnungsgemäß reagiert hast oder in ein Fettnäpfchen getreten bist. Dann wiederum wendet sich das Blatt und die toxische Person ist voller Wertschätzung für dich, ehe er:sie dir wieder niederschmetternde Worte beschert.
  8. Körperliche Auswirkungen: Anstatt dich durch die Verbindung gestärkt zu fühlen – denn das ist die eigentliche Aufgabe von Freundschaften – fühlst du dich geschwächt. Dein Körper reagiert auf das toxische Verhalten. Du fühlst dich müde, bekommst vielleicht sogar Rücken- oder Nackenschmerzen. Der Auslöser ist die Anspannung, der du dich ständig ausgesetzt fühlst.

Was kann ich tun, wenn ich in einer toxischen Freundschaft feststecke?

Zu erkennen, dass wir uns in einer toxischen Freundschaft befinden, ist der erste Schritt zur Lösung des Problems. Der zweite Schritt besteht darin, zu kommunizieren und Grenzen zu setzen. Wie eingangs erwähnt, steckt hinter einem toxischen Verhalten nicht immer eine böse Absicht. Manchmal befinden sich die Betroffenen in einer schwierigen Lebensphase und bemerken dabei nicht, dass sie unbewusst Freundschaften zerstören. Möglicherweise braucht er oder sie professionelle Hilfe, um mit den emotionalen und persönlichen Problemen fertig zu werden, die eure Freundschaft plagen. Sprich das an, aber nicht vorwurfsvoll, sondern aus dem Gefühl der Besorgtheit heraus. Nimmt er oder sie deine Bedenken oder sogar deine Grenzen nicht ernst, handelt es sich vielleicht wirklich um einen Narzissten oder eine Narzisstin. Hier liest du genauer: Was ist ein Narzisst?

Warum halten wir an toxischen Freundschaften fest?

Vielen Menschen fällt es schwer, sich aus diesen giftigen Freundschaften zu befreien. Stattdessen lassen sie den Konflikt ungelöst weiter bestehen. Falls du dich jetzt ertappt fühlst, musst du dich nicht schlecht fühlen. Es kann viel schwieriger sein, eine toxische Freundschaft zu beenden, als eine romantische Beziehung aufzulösen. Die Wurzeln in einer Freundschaft können tiefer reichen. Diverse freundschaftliche Verbindungen bestehen seit der Kindheit. Diese zu beenden, kann sich anfühlen, als verkaufe man sein Elternhaus. Solche Freundschaften lassen sich nur schwer ersetzen. Darüber hinaus spielt auch die Angst vor dem Alleinsein und der Einsamkeit eine wichtige Rolle. Was passiert, wenn ich mich von der toxischen Person löse? Habe ich andere Freund:innen, die mir ähnlich nahe stehen? So viel sei trotzdem gesagt: Das Alleinsein kann viel heilender sein, als an einer Verbindung festzuhalten, die uns unseren Selbstwert raubt.

Wie beende ich eine toxische Freundschaft?

Das Beenden einer toxischen Freundschaft kann sehr belastend sein. Insbesondere wenn wir sensible und empathische Menschen sind, machen wir uns Gedanken darüber, inwiefern wir die andere Person verletzen. Falls dies auf dich zutrifft: Denke unbedingt an dich und deine Gesundheit. Dein:e toxische:r Freund:in hat sich in den vergangenen Monaten sicher auch keine Gedanken über deine Gefühle gemacht. Dennoch solltest du dir selbst treu bleiben und die Freundschaft auf eine angemessene, respektvolle Art und Weise beenden. Beginne damit, dich von ihm:ihr zurückzuziehen. Und teile dann der Person mit, warum die Beziehung für dich nicht mehr funktioniert und versuche, dich in gutem Einvernehmen zu trennen. Beim Beenden von Freundschaften ist es hilfreich, gewaltfrei zu kommunizieren. Einfacher gesagt: Zu erklären, dass nicht die Person schuld ist, sondern die Art und Weise wie ihr miteinander umgeht. Hier erfährst du, wie du besser kommunizieren kannst.

Fazit: Toxische Freundschaft – retten oder beenden?

Freunde sollten dafür sorgen, dass wir uns gut, gestärkt und ermutigt fühlen. Es wird immer Zeiten geben, in denen das nicht der Fall ist, weil wir oder die andere Person gerade etwas durchmachen und keinen Kopf für irgendetwas anderes haben. Doch genau diese Zeiten sind ausschlaggebend dafür, wie gesund die Freundschaft ist. Sind wir auch in schwierigen Zeiten respektvoll und auf Augenhöhe füreinander da? Funktioniert die Freundschaft in beide Richtungen oder ist sie eher einseitig? Ist letzteres der Fall, lohnt es sich, die Freundschaft neu zu bewerten. Im Laufe des Lebens kann es immer mal wieder vorkommen, dass wir uns von einem Freund oder einer Freundin trennen müssen. Trennungen sind per se nichts Schlimmes. Das schließt auch Trennungen in Partnerschaften ein. Sie sind kein Zeichen von Versagen. Ja, sie bringen vielleicht das Gefühl von Einsamkeit, Liebeskummer oder Trennungsschmerz mit sich. Doch egal ob es sich ob es sich um die Beendigung einer romantischen oder einer freundschaftlichen Beziehung handelt: Am Ende bringen sie uns ein Stückchen näher zu uns selbst. Wir sollten unsere Lebenszeit niemals für etwas opfern, das uns unglücklich oder gar krank macht.

Verwendete Quellen: 

  • "Effect of social networks on 10 year survival in very old Australians: the Australian longitudinal study of aging", Journal of epidemiol and community health, pubmed.gov, 2005
  • "Negative and competitive social interactions are related to heightened proinflammatory cytokine activity"; University of California, Los Angeles; pnas.org, 2011
  • Instagram, @dr.lalitaa, Stand: Januar 2023
  • "Get Lost, Girlfriend!: How I Found Myself When My Best Friend Dumped Me" von Sharon Livingston, 2016
Brigitte

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