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Alles ist super, alles ist toll 3 Anzeichen von toxischer Harmonie

Toxische Harmonie: Wenn der Konflikt nicht ausgetragen wird
Toxische Harmonie: Wenn der Konflikt nicht ausgetragen wird
© VectorRocket / Adobe Stock
Toxische Harmonie gibt es in vielen Beziehungen, doch oftmals fällt sie kaum auf. Auf diese Anzeichen solltest du achten.

Toxische Harmonie – was ist das denn nun wieder? Kann es so etwas überhaupt geben? Schließlich bedeutet Harmonie "ausgewogenes, ausgeglichenes Verhältnis" – wie passt das mit dem Begriff "toxisch" zusammen, der etwas Ungesundes, gar Bedrohliches beschreibt? 

Tatsächlich kann toxische Harmonie genauso existieren, wie es auch toxische Positivität gibt, wenn nämlich das harmonische Verhältnis in jeder Form von Beziehung nur oberflächlich betrachtet "ausgewogen" und "ausgeglichen" wirkt. Besteht toxische Harmonie, braucht es nicht viel, um eine Beziehung für alle Beteiligten sehr unangenehm zu machen – oftmals werden dann allerdings (ob bewusst oder unbewusst) Vorkehrungen getroffen, um das so lange wie möglich (oder erträglich) zu verhindern. Wir haben drei mögliche Anzeichen gesammelt, die auf eine toxische Harmonie in deiner Beziehung hinweisen können.

1. Es gibt keinen Streit

Manche Menschen berichten von ihrer Beziehung – nicht ohne ein gewisses Maß an Stolz – dass sie sich mit ihrem:ihrer Partner:in "niemals streiten". Das klingt erst einmal beneidenswert: Niemand möchte Streit, und bei dem Begriff selbst denken viele auch an wenig konstruktive Auseinandersetzungen, die in Wut und Tränen enden können.

Dabei gibt es nicht "die eine" Form von Streit. Eine Auseinandersetzung mit deinem Lieblingsmenschen bedeutet erst einmal vor allem, dass es einen Reibungspunkt gibt, an dem ihr arbeiten solltet. Und diesen kann man auch ohne laute Stimme, verletzende Worte und knallende Türen aus der Welt schaffen. 

Den größten Fehler, den Partner:innen begehen können, ist die Vermeidung.

Wer eine Beziehung führen möchte, die auf lange Sicht funktioniert und für alle Parteien gesund ist, kommt auch kaum daran vorbei, diese Reibungspunkte zu bearbeiten. "Den größten Fehler, den Partner:innen begehen können, ist die Vermeidung", erklärt Joseph Grenny, Co-Autor des Buchs "Crucial Conversations" (zu Deutsch: "Heikle Gespräche") im Interview mit "The Guardian".

Viele Menschen würden etwas fühlen, aber es nicht aussprechen – "zumindest, bis sie es nicht mehr aushalten". In einer Studie stellten die Autor:innen fest, dass die Partner:innen, die effektiv streiten bzw. diskutieren können, um ein Zehnfaches wahrscheinlicher eine glückliche Beziehung führen als die Menschen, die ihre Probleme unter den Teppich kehren.

2. "Unangenehme" Themen werden vermieden

Besteht die Gefahr, dass es unangenehm wird, meiden viele Menschen bestimmte Themen
Besteht die Gefahr, dass es unangenehm wird, meiden viele Menschen bestimmte Themen.
© Piotr Marcinski / Adobe Stock

Darauf aufbauend, gibt es ein weiteres Zeichen für toxische Harmonie in der Beziehung: Wenn gewisse Themen erst gar nicht auf dem Tisch landen, weil man weiß, dass sie zu einer unangenehmen Situation führen könnten. Das können mannigfaltige sein und der Grund, sie zu meiden, muss nicht unbedingt in der Angst vor einem Streit liegen – sondern eher in der Angst vor den Konsequenzen, die ein ehrliches (und vielleicht auch schmerzhaftes) Gespräch für die Beziehung bedeuten könnten.

Gerade politische Themen und die eigene Gesinnung können zu diesen "unangenehmen" Themen gehören: Corona und der politische Umgang damit, geflüchtete Menschen in Deutschland, queere, diverse und/oder feministische Themen – alles Bereiche, an denen Beziehungen wie auch Familien zerbrochen sind. Eine Studie stellte fest, dass Partner:innen, die politisch ähnlich eingestellt sind, grundsätzlich zufriedener in ihrer Beziehung waren und auch politisch aktiver.

Doch wer weiß, dass die Tante, der Großvater – oder auch der:die Partner:in – bei bestimmten Themen eine gänzlich andere Meinung vertritt, mag dazu neigen, diese Gespräche zu meiden. So etwas ist allerdings einfacher, wenn sich die Treffen mit der Person auf wenige Tage im Jahr beschränken – ein Weihnachtsdinner geht irgendwann einmal vorbei. Ein gemeinsames Leben, vielleicht noch mit Kindern, zieht sich zumeist länger.

Die Frage, die man sich dann über kurz oder lang stellen muss, lautet dann wohl:

Bin ich bereit, meine Prinzipien für den Rest meines Lebens hintenanzustellen? Vor meinen Freund:innen? Vor meinem:meiner Partner:in? Meinen Kindern? Mir selbst?

3. Toxische Harmonie: Es steht etwas zwischen euch, das ihr nicht greifen könnt bzw. wollt

Es gibt diese eine Freundin in deinem Leben. Wenn ihr euch seht, ist es meistens sehr schön, schließlich kennt ihr euch bereits lange. Doch immer mal wieder gibt es einen Kommentar von ihrer Seite, den ihr nicht einordnen könnt: Macht sie gerade nur Spaß? Reagiere ich über? Oder ist da etwas zwischen uns?

Oftmals neigen Menschen dazu "um des lieben Friedens willen" nicht näher auf dieses Gefühl einzugehen – im Grunde handelt es sich dabei allerdings oft um die Vermeidung eines möglichen Konflikts.

Kommunikation ist der Grundstein einer jeden Beziehung, ob sie nun romantisch oder platonisch sein mag. Je zufriedener alle Parteien mit der Kommunikation innerhalb einer Beziehung sind, desto zukunftsträchtiger ist die Beziehung auch – und andersherum verhält es sich ähnlich: Eine Beziehung, in der die Kommunikation unbefriedigend ist, hat schlechte Chancen darauf, langfristig zu funktionieren, wie eine Studie darlegt.

Kommunikation kann allerdings auch unheimlich kompliziert sein: Sender:in und Empfänger:in mögen sich manches Mal auf gänzlich unterschiedlichen Frequenzen bewegen. Was von der einen Seite als (für die Person) offensichtlicher Spaß gemeint war, kann auf der anderen als zutiefst verletzende Beleidigung ankommen.

Und hier muss sich gerade die verletzte Person fragen: Warum verletzt mich der Kommentar von dieser Freundin so? Ist mir die Beziehung so viel wert, dass ich bereit bin, mich einem womöglich kurzzeitig unangenehmen Gespräch zu stellen, damit unsere Beziehung auf lange Sicht wieder angenehmer wird? Lautet die Antwort "Ja", dann sollte das Gefühl von Unsicherheit keinen großen Einfluss auf das Verhalten zueinander haben und das Gespräch gesucht werden. Doch lautet die Antwort "Nein", stellt sich die Frage, ob die Beziehung überhaupt noch aufrechterhalten werden sollte.

Verwendete Quellen: theguardian.com, academic.oup.com, journals.sagepub.com, duden.de

cs Brigitte

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