Frau weg: Was nun?

Die Frau ist weg. Was nun? Nehmen die Kinder mehr Schaden, wenn die Mutter oder der Vater geht? Und wie kann man den Trennungsschmerz möglichst gering halten? Antworten von Diplompsychologin Bärbel Bracker.

BRIGITTE: Es ist die Ausnahme, nicht die Regel, dass Frauen ihre Familie verlassen, sich einfach von ihren Kindern trennen...

Bärbel Bracker: Frauen, die so etwas tun, verstoßen gegen ein Tabu in unserer Gesellschaft und werden daher geächtet. Bedenken Sie, dass statistisch gesehen 85 Prozent der Alleinerziehenden immer noch Frauen sind. Im Umkehrschluss bedeutet das: "Normal" ist, dass der Mann geht.

BRIGITTE: Welchen Unterschied macht es denn für die Kinder, ob die Mutter oder der Vater geht?

Bärbel Bracker: Für Kinder ist die emotionale Belastung immer groß, wenn die Eltern sich trennen - egal, wer geht. Im Allgemeinen gilt immer noch die Mutter als die wichtigere Bezugsperson, sie muss und soll bei ihren Kindern bleiben. Da hinkt das traditionelle Denken den realen Möglichkeiten hinterher, Männer und Frauen sind beide daran beteiligt, dass sich da bisher erst wenig geändert hat.

BRIGITTE: Bedeutet das also, dass die Kinder mehr leiden, wenn die Mutter sie verlässt?

Bärbel Bracker: Das hängt vom Einzelfall ab, von der Rolle und Bedeutung des Vaters in dieser Familie. Dass er eine ganz zentrale, wichtige Person im Leben der Kinder ist, das ist lange Zeit eher unter den Tisch gefallen, wurde gar nicht untersucht. Erst jetzt beschäftigen sich Psychologen und Soziologen mit dem Drama des "nicht vorhandenen" Vaters. Denn Fakt ist, und da schüttelt keiner öffentlich den Kopf: Ein Großteil der Väter hat nach zwei Jahren kaum noch Kontakt zu den Kindern. Frauen tauchen selten so ab, im Gegenteil, sie bleiben für ihre Tochter oder ihren Sohn immer erreichbar.

BRIGITTE: Ist die Mutterrolle bisher überschätzt und die Vaterrolle unterschätzt worden?

Bärbel Bracker: Ja. Wir alle leben noch mit der jahrhundertealten Überzeugung im Kopf: Ein Kind gehört zur Mutter. Aber wer sagt denn, dass nicht auch Väter ihre Kinder gut und liebevoll erziehen können?

BRIGITTE: Ja. Wir alle leben noch mit der jahrhundertealten Überzeugung im Kopf: Ein Kind gehört zur Mutter. Aber wer sagt denn, dass nicht auch Väter ihre Kinder gut und liebevoll erziehen können?

Bärbel Bracker: Alles kann man lernen. Ich habe zudem die Erfahrung gemacht, dass alleinerziehende Väter erstens diese Arbeit gut machen und zweitens sowieso viel mehr Untersützung und Lob bekommen als eine alleinerziehende Frau. Bei einer Frau heißt es: Du schaffst das schon, schließlich schaffen das zigtausende von anderen Frauen auch. Hingegen sind die Kollegen und Vorgesetzten bei einem Mann großzügiger, was Arbeitszeit und Arbeitseinsatz angeht. Einerseits wird er für sein Los bedauert, andererseits bekommt er sehr viel Anerkennung. Man sagt: Hut ab vor einem Mann, der zu Hause alles ganz allein managt.

BRIGITTE: Man kann also Männer ruhig mehr in die Pflicht nehmen?

Bärbel Bracker: Der Gesetzgeber denkt ohnehin schon fortschrittlicher. Durch die Erweiterung des gesetzlichen Erziehungsurlaubs in eine Elternzeit, in der sich beide Elternteile die Erziehung der Kinder teilen können, wird ein deutliches Signal gesetzt: Beide, Mutter und Vater, sind für Kinder wichtig. Je mehr die Vaterrolle gesellschaftlich eine Bedeutung bekommt, desto mehr wird es auch akzeptiert werden, wenn eine Frau sagt: Meine Ehe ist am Ende, und jetzt bin ich es, die geht.

BRIGITTE: Und die Kinder nehmen dabei nicht mehr Schaden, als wenn der Vater ginge?

Bärbel Bracker: Frauen lassen meistens ihre Kinder ja nur dann zurück, wenn sie wissen, sie sind beim Vater in genauso guten, vielleicht sogar besseren Händen als bei ihnen. Männer, die aus einer Partnerschaft ausbrechen, machen sich längst nicht so viele Gedanken. Zum Glück ändert sich daran gerade etwas. Im Grunde aber ist es meiner Meinung nach nicht entscheidend, wer geht. Viel einschneidender ist doch, wie eine Trennung verläuft. Wie Eltern das Leid der Kinder so gering wie möglich halten können.

BRIGITTE: Was raten Sie den Familien?

Bärbel Bracker: Ich plädiere für eine professionelle Trennungsberatung und -begleitung. Für alles haben wir mittlerweile einen Coach, für wirtschaftliche Probleme, für persönliches Glück, für bessere Kommunikation - nur für die massenweisen Trennungen in diesem Land nicht. Da murkst jeder allein herum. Dabei würde ein Trennungs-Coaching helfen, Leid zu mildern, Schuldgefühle und Schuldzuweisungen hätten nicht mehr diesen Raum, den sie heute noch bei vielen Ex-Partnern einnehmen.

BRIGITTE: Wo bekommt man so ein Coaching?

Bärbel Bracker: Es gibt in jeder Stadt, jeder Gemeinde Anlaufstellen für Familien. In den Gelben Seiten zum Beispiel findet man unter der Rubrik "Beratung und Auskünfte" Telefonnummern und Adressen von so genannten Mediatoren und Familientherapeuten.

BRIGITTE: Ist es nach einigen Jahren für eine Familie zu spät für eine Beratung?

Bärbel Bracker: Eine Familie hat nach ein paar Jahren die Krisenzeit überstanden. Aber um alles zu besprechen, wie es dazu kommen konnte, ist es nie zu spät. Da kann dem einen oder anderen das Messer aus dem Herzen gezogen werden. Alte Gefühle können zurechtgerückt und in positive umgewandelt werden.

Interview: Sabine Breutz
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