Wie gelingt eine gute Scheidung?

Das Ende einer Ehe stellt die meisten vor Herausforderungen. Drei Expertinnen geben Rat, wie eine gute Scheidung gelingen kann.

Scheidung bedeutet immer das Aufgeben einer großen Hoffnung. Kann ein solcher Bruch im Leben überhaupt "glücklich" verlaufen?

Claudia Clasen-Holzberg: Trennung und Scheidung sind Erdbeben für die Seele. Wir alle sehnen uns nach Liebe und Zugehörigkeit; die meisten Paare haben sich miteinander viel Mühe gegeben. Damit zu scheitern tut weh. Besonders für den, der sich nicht aktiv trennen will und nun allein dasteht mit seinem Beziehungswunsch. Da ist eine friedliche Scheidung eine große Leistung.

Veronika Richter: Es ist eine Heldentat, wenn eine Scheidung friedlich gelingt. Dafür müssen beide eine Menge leisten: Trauerarbeit, Verlustbewältigung und konstruktives Verhalten.

Ulrike Donat: Einen Schlussstrich unter eine unglückliche Ehe zu ziehen kann auch sehr entlastend sein. Trotzdem sind meistens ganz verschiedene Gefühle im Spiel. Bei der Trennung sind sie zunächst so stark wie am Anfang in der Verliebtheitsphase. Wichtig ist darum das Trennungsjahr, in dem die Emotionen sich setzen können. Gute Mediatorinnen, gute Anwältinnen können viel dazu beitragen, in dieser Zeit beruhigende Vereinbarungen zu treffen. Schrecklich finde ich Anwaltskolleginnen und -kollegen, die "Öl ins Feuer" gießen, um viele Klageaufträge zu bekommen - solche gibt es leider auch.

Zur Trennung gehören oft Streit und Vorwürfe. Wann ist die Entscheidung reif, dass nur noch eine Scheidung hilft?

Clasen-Holzberg: Wenn es kaum noch Momente von Nähe, Freude, Gemeinsamkeit, Geborgenheit gibt. Wenn man im anderen nichts mehr von dem erkennen kann, was einen anfangs zu ihm hingezogen hat. Wenn man sich in der Beziehung meistens niedergeschlagen, hoffnungslos und allein oder gereizt, angespannt und aggressiv fühlt.

Donat: Die Trennung ist wie "Luft holen". Der Kreislauf der unglücklichen Beziehung wird durchbrochen. Wer in dieser Phase Trennungsberatung oder psychologische Begleitung sucht, kann aber auch die Erfahrung machen, dass Scheidung nicht die einzige mögliche Veränderung ist. Ich stelle in der Beratung die Frage: "Scheiden müssen wir oft im Leben - wovon wollen Sie denn scheiden?" und dazu die Zusatzfrage: "Und was soll vielleicht bleiben?" Darauf bekomme ich oft erstaunliche Antworten. Manche Paare können dann einen Blick auf ihr Beziehungsmuster werfen und sich entscheiden, das Muster zu ändern und auf Scheidung zu verzichten.

Verläuft eine Trennung so, wie die Ehe vorher war? Anders gesagt: Ist die Scheidung eigentlich die Verlängerung der Beziehung mit anderen Mitteln?

Clasen-Holzberg: Ich denke, Scheidung ist die Beendigung der Beziehung mit denselben Mitteln. Die Probleme, die es schon während der Ehe gegeben hat, beherrschen meist auch die Trennung. Oft steigern sie sich noch. Dann kommt es noch mal zum Showdown, bei dem alte Rechnungen beglichen werden sollen.

Richter: Wenn man respektvoll und wertschätzend miteinander umgegangen ist, wird das Ende auch in relativ friedlichen Bahnen ablaufen. Allerdings kann aus einer Liebesbeziehung nicht auf Knopfdruck Freundschaft werden.

Donat: Wenn Menschen eine Macht-, Konkurrenz- oder Kampfbeziehung miteinander hatten, setzt sich das in der Scheidung als "Rosenkrieg" fort. Auch große Leidenschaft kocht in Trennung und Scheidung noch einmal hoch.

Wann ist eine Mediation hilfreich? Was kann sie leisten?

Richter: Ein Mediator ist "der allparteiliche Dritte". Er unterstützt seine Klienten dabei, gute Lösungen zu finden. In der Mediation können Konflikte beigelegt, Themen sichtbar gemacht und Bedürfnisse erkannt werden. Es gibt auch Einrichtungen wie die "Cooperative Praxis", wo Anwälte und Coaches im Team zusammenarbeiten. Sie begleiten ihre Klienten bis zu Vereinbarungen, die für alle zufriedenstellend sind.

Donat: Gute Mediatoren sorgen dafür, dass jeder dem anderen zuhört. Im Konflikt reagieren wir ja oft impulsiv - Mediatorinnen entschleunigen das Ganze. Dabei gehen sie schrittweise vor: Erst wird ein Arbeitsbündnis entwickelt, dann werden die Themen gesammelt, um die es geht. Erst dann beginnt die Konfliktbearbeitung. In der frühen Trennungsphase helfen Mediatoren zunächst, Übergangsregelungen zu finden. Im Zusammenhang mit der Scheidung helfen sie dann vor allem, Streit um Geld und Vermögensauseinandersetzungen beizulegen. Die klare Struktur der Mediation und die konstruktive Art der Gespräche geben streitenden Menschen Halt. Das alles funktioniert gut, wenn beide bereit sind, sich einem Mediationsprozess anzuvertrauen, und wenn die Mediatorin gut geschult ist, wie etwa die von der Bundesarbeitsgemeinschaft Familienmediation e.V. anerkannten Expertinnen.

Wenn noch freundschaftliche Gefühle füreinander da sind, können harte, klare Entscheidungen schwerfallen. Machen Groll und Wut die Trennung vielleicht sogar einfacher?

Clasen-Holzberg: Wut ist die Energie, die es braucht, um sich lösen zu können. Groll und Wut machen die Trennung also oft einfacher. Bei der Scheidung geht es aber darum, Bedingungen auszuhandeln, mit denen beide gut weiterleben können. Freundschaftliche Gefühle, Sorge um das Wohl des anderen beziehungsweise die Verantwortung für faire Lösungen tun dann wieder gut.

Richter: Ein Feindbild aufzubauen ist vielleicht vorübergehend hilfreich. Wenn aber aus dem meistgeliebten Menschen plötzlich der meistgehasste Mensch wird, stimmt da wohl etwas nicht. Freundschaftliche Gefühle helfen auch, den anderen in Frieden ziehen zu lassen.

Donat: Wut und Groll helfen zunächst mal wegzukommen. Über diese Gefühle muss gesprochen werden, nur das macht den Weg frei für gemeinsame Lösungen. Unterdrückte Gefühle führen nämlich oft zu jahrelangen Blockaden.

Beim Thema Geld wird es oft besonders schwierig. Wie findet man bei der Scheidung zu fairen Kompromissen?

Donat: Es gibt zwei Möglichkeiten: entweder pauschale Regelungen für den Unterhalt oder für den Vermögenszugewinn - wie das Scheidungsrecht sie festlegt. Oder individuelle Regelungen, die sich an den Möglichkeiten und Bedürfnissen der Beteiligten orientieren. Bei Letzterem wird der Kuchen oft vergrößert. Zum Beispiel: Betreust du die Kinder mit, kann ich mehr arbeiten, dann haben wir alle mehr Geld. Fairness verlangt auch, Belastungen und Leistungen der anderen Seite anzuerkennen.

Wenn über Kinder zu entscheiden ist, wollen alle immer nur das Beste. Aber was das ist - darüber gehen die Meinungen oft weit auseinander. Wie werden wirklich gute Lösungen gefunden?

Clasen-Holzberg: Kinder müssen wissen, woran sie sind. Je nach Alter kann man sie in Entscheidungen einbeziehen. Mutter und Vater müssen aber darauf achten, dass sie Konflikte, Ärger und Enttäuschung nicht über die Kinder austragen. Und: Kinder niemals zu Verbündeten gegen den Partner machen! Man bringt sie in unglaubliche Konflikte, wenn man zum Beispiel in ihrem Beisein schlecht vom anderen redet.

Richter: Das Beste für Kinder ist immer das, was ihnen Schutz, Geborgenheit und Sicherheit gibt. Dazu gehört Verlässlichkeit. Kinder verdienen es, als vollwertige Menschen respektiert zu werden, auch wenn sie noch die Hilfe der Erwachsenen brauchen. Gute Eltern vermitteln ihnen auch in schweren Zeiten: "Ich freue mich, dass du da bist, du bist mir wichtig, ich bin da, wenn du mich brauchst."

Donat: Das Beste für Kinder ist, wenn sie Mutter und Vater lieben dürfen und zu beiden Kontakt haben. Dies erklären alle so genannten Scheidungskinder, wenn sie als Erwachsene von ihren Erinnerungen berichten. Gute Lösungen erzeugen weder Gewinner noch Verlierer, sondern kooperierende Eltern. Für viele Kinder ist es anfangs schwierig, vom Haushalt eines Elternteils in den des anderen zu wechseln. Sie empfinden jedes Mal die Trauer der Trennung und werden von den neuen Umständen überfordert. Wenn Eltern nicht wissen, wie sie Veränderungen ihrer Kinder in dieser Zeit bewerten sollen, können sie sich an eine Erziehungsberatungsstelle wenden.

Wie viel sollen Kinder über die Trennungsgründe wissen?

Clasen-Holzberg: Kinder brauchen so viel Information, wie sie verstehen können. Da muss auch mal der, der sich aktiv trennen will, Verantwortung übernehmen und seine Gründe offen darlegen. Kinder verlieren bei einer Trennung viel Halt und brauchen Sicherheit über das, was ihnen bleibt. Entscheidend ist die Überzeugung: "Ich trenne mich von deinem Papa, deiner Mama, nicht von dir. Du bist nicht der Grund." Kinder lieben ihre Familie und machen sich meist Hoffnungen, dass die Eltern wieder zusammenkommen. Besonders kleine Kinder behalten diesen tiefen Wunsch. Und sie sind schnell bereit, die Schuld bei sich zu suchen. Erklärungen wie "Mama und Papa verstehen sich nicht mehr so gut" genügen deshalb nicht. Das Kind wendet dann ein: "Dann müssen sie halt mehr miteinander reden."

Richter: Kinder sollen wissen, dass nur die Eltern für das Scheitern der Beziehung verantwortlich sind. Gewährt man dem Kind einen zu großen Einblick, drängt man es leicht in eine Partnerersatz-Rolle. Gar nicht gut.

Donat: Kinder sollten von Liebesdingen und dem Streit der Eltern verschont bleiben. Auch größere Kinder dürfen nicht als Kummerkasten, Freundin oder Schuttabladeplatz benutzt werden - dies ist ganz klar Missbrauch. Für Sorgen und Schuldgefühle oder gar Wut und Hass sollen sich Eltern eine andere Adresse zum Ausheulen suchen.

In Krisenzeiten kann nicht alles glattgehen, so sehr sich auch beide bemühen. Was tun, wenn der Ton umschlägt, die Stimmung gereizter wird?

Clasen-Holzberg: Abbrechen. Eine Auszeit nehmen. Für Beruhigung sorgen. Zu einem anderen Zeitpunkt weiterreden. Wenn der Ton immer gereizter wird: einen Dritten, einen Mediator oder Therapeuten, hinzuziehen.

Donat: Sich im Konflikt festzufressen hat noch nie geholfen. In dem Fall also unterbrechen, Abstand gewinnen, für sich selbst etwas Nettes machen. Wenn es sich wiederholt: sich fachliche Unterstützung suchen, rechtzeitig in die Mediation gehen. Eine neue, konstruktive Konfliktkultur hat schon in vielen verfahrenen Fällen die Wende gebracht.

Respekt - das Zauberwort für jede Ehe, aber auch für die Zeit danach, zumal, wenn es gemeinsame Kinder gibt. Wie kann man den Respekt voreinander bewahren und schützen?

Clasen-Holzberg: Grundlage für Respekt ist die Zeit, die man gemeinsam verbracht hat. Wem es gelingt, sich an die guten Zeiten zu erinnern, der kann den Ex-Partner weiter respektieren. Zumindest als Elternteil. Denn ohne ihn gäbe es die gemeinsamen Kinder nicht. Sie können Grund genug sein, sich gegenseitig dankbar zu sein - trotz aller Entfremdung und Enttäuschung.

Donat: Respekt gründet auf Selbstrespekt und der Achtung der Verschiedenheit der Menschen. Ein Berg hat sanfte Südhänge und schroffe Nordwände. Im Konflikt schränkt sich aber unsere Wahrnehmung ein, wir sehen dann nur noch die Nordwand. Dann brauchen wir Unterstützung, um wieder einen respektvollen Umgang zu finden. Nur wenn ich mich verstanden fühle, kann ich wohlwollend auf den anderen schauen.

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