"Ich vermiss ihn so!" Warum wollen wir den Ex zurück, der uns nicht gut tut?

Der Verstand sagt: "Gut, dass ich ihn endlich los bin!" Das Herz sagt: "Ich will ihn zurück!" Warum sehnen wir uns nach einer Trennung manchmal in eine Beziehung zurück, in der wir fast zugrunde gegangen wären?

I. Julia vermisst Max

Anton ist klasse, denkt Julia. Sie sind spazieren gegangen, haben gekocht, dann Sex gehabt. Jetzt sitzen sie im Kino. Merkwürdig, denkt sie, diese Distanz, mit der sie ihn wahrnimmt. Sie könnte heulen: Da hat sie jemanden an der Seite, der zweifellos großartig ist, aber ihr Herz bleibt taub. Sie sehnt sich nach Max, Typ "Katastrophe".

Julia grübelt. Wie, verdammt, kann das sein? Am Ende der Beziehung mit Max war sie ein Nervenbündel, hätte seinetwegen fast ihren Job geschmissen. Aber der Typ lässt sie nicht los. Sie schämt sich vor Anton. Sie schämt sich vor allen, die ihre Geschichte kennen und sich wundern: Warum nur hängt diese Frau noch immer an diesem Mann, der ihr so gar nicht gutgetan hat?

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Vor vier Jahren lernte sie Max kennen, beim Joggen im Wald. Julia, 38, gerade zurück aus London, dehnte die Muskeln, er sprach sie an. Sie ist Eventmanagerin, ihr Leben besteht aus ständiger Hektik. Max arbeitet in einem Sportgeschäft. Geregelte Arbeitszeiten, alles easy. Immer in die Welt reisen, das wäre nichts für ihn. Jazz? Hilfe! Ihm gefällt Country. Er wirft sie mit seinem offensiven Charme, mit seiner männlichen Ausstrahlung um. Julia ignoriert den inneren Alarm, der funkt: Der passt nicht zu dir! Bald findet sie sich auf einer Achterbahn wieder, die sie in ekstatische Höhen katapultiert und dann in Verzweiflung reißt, bis sie endlich, nach drei Jahren, aussteigt. Und hart aufschlägt: weit weg von sich selbst.

Für die Hamburger Psychologin Dr. Angelika Faas ist klar, welches Prinzip hier wirkte: Das gefährliche Prinzip "Traummann", das unser Unterbewusstsein wie ein Fangnetz bereithält. Vielleicht hat der Mann, der uns in seinen Bann zieht, dieselbe Anpacker-Ausstrahlung, die wir an unserem Vater so liebten? Oder er hat Ähnlichkeit mit dem einen Jungen, für den alle Freundinnen schwärmten und bei dem man selbst nicht den Funken einer Chance hatte? Da taucht einer auf und verkörpert die Verheißung, dass sich endlich eine tiefe Sehnsucht erfüllen wird.

Bei Julia ist es so: endlich einer, der weiß, was er will. Ihre Telefonnummer. Dann sie. Bisher hat sie mit dem Gefühl gelebt, in Beziehungen die Aktive sein zu müssen. Max sagt beim zweiten Treffen: "Ich will dich. Ganz. Für immer." Groß, stark, eindeutig.

Eine kindliche Sehnsucht, analysiert der Paartherapeut und BRIGITTE-Psychologe Oskar Holzberg: Bedingungslos geliebt zu werden, das kann man von seinen Eltern erwarten, Enttäuschung meistens inbegriffen. In einer Beziehung unter Erwachsenen ist diese Erwartung unangemessen, man sollte entsprechenden Ködern misstrauen. Der, der sie auswirft, bringt damit vor allem seine eigenen kindlichen Wünsche zum Ausdruck - und wehe, die werden nicht erfüllt.

Auf der Leinwand verschwimmt jetzt der Film, Julia denkt an die erste hässliche Szene mit Max: Sie waren eine Woche auf einer griechischen Insel, viel Sex, viel Spaß. Auf dem Flughafen traf sie einen Kollegen. Er erzählte von einem Projekt in Kalifornien: Ob sie nicht mit einsteigen wolle? Max sprach auf dem Rückflug kein einziges Wort mit ihr. Er schimpfte nur, er könne ihre aufgedrehte Art nicht leiden.

Das war der Auftakt. Dann ging es Schlag auf Schlag. Er wurde immer mürrischer, machte abfällige Bemerkungen, wenn sie anderen von ihrem Job erzählte. Wenn sie beruflich verreiste, antwortete er nicht auf ihre SMS. Es gab keine Möglichkeit, darüber zu sprechen. Julia litt. Sie sagte Aufträge ab, sie verteidigte sich, wenn sie mit Kollegen in die Kneipe ging. "Ich habe, wenn ich unterwegs war, immer nur auf die Uhr geschielt", sagt sie.

Dann das Ende. In einer letzten Aussprache versucht Julia Max zu erklären, dass sie ihren Job braucht. Er wird wütend, knallt den Schlüssel auf den Tisch, fährt einfach davon. Julia brüllt hinterher: "Du Arsch! Es reicht!" Sie hatte mit diesem Ende gerechnet. Allerdings nicht damit, dass er ihr Herz auch nach der Trennung besetzen würde - bis jetzt, ein Jahr später. Sie wünscht ihn sich zurück und weiß doch, dass sie sich in einer Beziehung mit ihm klein machen müsste. Sie trifft andere Männer, doch die kommen ihr langweilig vor. Sie hängt wie festgebunden an der Verheißung des Anfangs: Ich liebe dich bedingungslos.

Der einzige Weg aus der Sehnsuchtsspirale

Wenn man an jemandem hängt, der einem schadet, ist es klug, in der Vergangenheit zu forschen. Man kann davon ausgehen: Wenn Gefühl und Verstand auseinanderklaffen, stehen wir vor einem Konflikt, der viel älter ist als die Beziehung. "Wir fixieren uns darauf, weil wir uns in einer alten Story wiederfinden und die Chance wittern, sie endlich neu zu schreiben", sagt Oskar Holzberg. Eine Frau wie Julia ist vielleicht mit diesem Modell aufgewachsen: Solange ich schwach bin, schwächer als Mutter oder Vater, kann ich mich auf eine sichere Beziehung verlassen. Sobald ich eigene Wege gehe, wird mir der Boden unter den Füßen weggezogen. Julia reagiert auf Max, wie sie früher auch reagiert hat. Statt Grenzen zu ziehen, verteidigt sie sich. Sie wünscht sich seine Zustimmung, glaubt: Ohne sein Wohlwollen kann ich mich nicht mit gutem Gewissen entfalten.

"Um frei zu werden, kommt es darauf an, das Muster zu durchschauen und die Verantwortung für die Lösung zu übernehmen", sagt Psychologin Angelika Faas. Sich klarzumachen, dass es nicht wirklich um diesen einen Menschen geht: Ein Mann, der uns lieblos behandelt und sich nicht die Mühe macht, über sich selbst nachzudenken, ist kein Traummann - er trägt höchstens das entsprechende Kostüm.

II. Natalie vermisst Gregor 

Es war eine dieser Nächte, in denen Natalie mal wieder wartete und wartete, da schrieb sie in ihr Buch: "Du bohrst Dich in mein Herz mit einem Dolch, gespickt mit Dornen, aus meinen Wunden fließt Blut, nein, es sind Rosen. Ich lege sie Dir zu Füßen, und mich und Du und ich, das ist etwas Schreckliches, und es ist doch: alles."

Als Natalie mit Gregor zusammen war, schrieb sie Texte wie diesen, Gedichte, in denen es fast immer um Verletzungen, um Angst, um Sehnsucht und Liebe ging. Vor fünf Monaten hat sie sich von Gregor getrennt. "Die Trennung war wie ein Sprung aus einem Flugzeug, bevor es abstürzt und in Flammen aufgeht - ich habe gerade noch überlebt, aber schwer verletzt", sagt Natalie. Und jetzt dieser Zwiespalt: Sie vermisst Gregor und weiß gleichzeitig, dass mit ihm zu leben die Hölle wäre.

Bevor Gregor auftauchte, lebte Natalie in einer Beziehung, mit der sie zufrieden war, sehr sogar: Sie und ihr Mann, beide Lehrer, beide Anfang 30, sie wünschen sich Kinder, interessieren sich für Architektur. Das Erste, was Natalie an ihrem späteren Liebhaber auffällt: diese Augen. Natalie fühlt sich angezogen und abgestoßen zugleich. Er raucht stark. Er wirkt wie der Schauspieler Mickey Rourke in "9 1/2 Wochen". Raubtierblick. Er ist unverschämt. Beim dritten Treffen beginnt er unter dem Tisch mit ihrem Fuß zu spielen, da sitzt Natalie neben ihrem Mann.

Nach drei Monaten verlässt sie ihren Mann, zieht zu Gregor. Eine Beziehung beginnt, in der die brave Natalie völlig neue Seiten an sich selbst kennen lernt. Es ist wie ein Rausch. Er vertont ihre Gedichte am Klavier. Sie entwickelt sich von der Lady zur Femme fatale: lackiert die Nägel dunkelrot, trägt hohe Schuhe, kurze Röcke. Sex findet selten im Schlafzimmer statt. Sie denkt: Ich habe die Liebe meines Lebens gefunden.

Doch ihr altes, geordnetes Leben entgleitet ihr immer mehr. Morgens kommt sie zu spät in die Schule, und vor allem fühlt sie sich diesem Mann nicht mehr gewachsen. Er ist an den Wochenenden oft unterwegs. Anfangs fühlt sie sich an seiner Seite als die begehrteste Frau der Welt. "Wir standen irgendwo an einer Hotelrezeption, und ich dachte: Jede Frau um mich herum beneidet mich", erzählt Natalie. Doch schon nach wenigen Wochen wendet sich Gregor von ihr ab, flirtet vor ihr mit anderen Frauen. Von ihm begehrt zu werden ist inzwischen ihr Lebensinhalt, Natalie spürt immer deutlicher das Ungleichgewicht, ihre Abhängigkeit. Als er zwei Nächte verschwunden bleibt, muss sie sich krankschreiben lassen, weil sie keine Sekunde geschlafen hat. Als er zurückkommt und zugibt, er habe die Zeit mit einer anderen Frau verbracht, packt sie ihre Sachen und zieht zurück zu ihrem Mann. Der will die Ehe retten, fordert aber eine Paartherapie. Natalie stimmt zu.

Fünf Monate ist die Trennung von Gregor nun her, doch der Schmerz immer noch übermächtig. Sie vermisst den Mann, von dem sie sich in den Himmel gehoben und erniedrigt fühlte, manchmal schickt er eine SMS, er ist wie eine Droge. Sie weiß: Ihre einzige Chance ist konsequenter Entzug.

Sex und Erotik können auch dann, wenn eine Beziehung instabil und beängstigend ist, das Leben in wunderbare Farben tauchen und uns an einen Menschen ketten. Gerade wenn die Anspannung groß ist, ist der Sex oft besonders intensiv. Der Psychologe Oskar Holzberg warnt allerdings davor, hier etwas zu verwechseln: "Nur weil man Lust auf eine Zigarette hat, ist es noch lange nicht klug, eine zu rauchen, wenn man sich entschieden hat, Nichtraucher zu werden."

Viel besser, als immer wieder auf den gleichen Torpedo aufzuspringen, ist es, sich klarzumachen: Dieser Mensch, nach dem wir uns so sehr verzehren, hat eine Seite in uns belebt, die lange ein Schattendasein führte. Eine Seite, und das ist die gute Nachricht, die ein Teil von uns ist! Eine Frau wie Natalie sollte deshalb versuchen, ihre wilde, erotische Seite auch ohne Gregor zu leben. Vielleicht hat ihr Mann diese Seite auch. Gut möglich, dass beide bisher gehemmt waren, sie einander zu zeigen.

Um sich von einem Menschen zu lösen, der einem zumindest für den Moment das Gefühl gab, so vital, so schön, so geliebt zu sein, sollte man sich bewusst machen: Leben bedeutet Entwicklung, und die wichtigsten Anstöße holen wir uns aus Beziehungen, die uns besonders tief berühren. Im Zweikampf müssen wir Kontur zeigen, können unsere Vorstellungen festigen."Es geht gar nicht so sehr darum, ob unser Gegenüber objektiv etwas Verwerfliches tut, sondern darum, was das mit unserer Identität macht", sagt Oskar Holzberg. Seine Identität zu erkennen, zu formen und zu schützen - das kann man gerade aus Liebesbeziehungen lernen, die ein trauriges Ende nahmen.

Das Schöne ist: So ganz in die Wüste verbannen müssen wir die Geschichte ja gar nicht, die uns dermaßen berauscht und unser Leben auf den Kopf gestellt hat. Wir sollten sie in einem goldenen Rahmen übers Bett hängen - den Typ selbst aber, sofern er keinen Quantensprung in seiner Entwicklung macht, radikal in die Erinnerungsgalerie der Verflossenen verbannen.

Text: Nina Poelchau
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