Trennung auf Zeit: Bringt das wirklich was?

Liebe ist die Antwort auf alle Fragen? Nicht ganz. Sie stellt auch ziemlich viele. Psychologe und Paartherapeut Oskar Holzberg beantwortet sie alle

Kurz gesagt: Eine Trennung auf Zeit ist wie eine Operation, die unumgänglich geworden ist. "Heilen" Operationen? Jetzt mal ausführlich: Paare, die sie sich für eine Trennung auf Zeit entscheiden, sehnen sich nach einer Unterbrechung ihrer Partnerschaft. Denn alle Versuche der Klärung von Konflikten, der Aussprache und Wiederannäherung sind gescheitert. Und jeder erneute Versuch scheitert augenblicklich wieder, was die Situation unerträglich macht. Die Hoffnung sinkt, dass es je wieder besser wird. Die Idee einer Trennung auf Zeit ist ein SOS der Liebe. Und ein deutliches Zeichen aneinander, wie ernst die Gefühlslage ist: Es droht das Ende der Beziehung. Aber es bestehen auch der Wunsch und die Hoffnung, dass die Partnerschaft noch eine Chance hat. Weil die Liebe noch manchmal spürbar ist. Oder auch, weil die gemeinsame Geschichte verbindet; das gemeinsame Familienleben, die gemeinsamen Lebensprojekte nicht endgültig zerstört werden sollen.

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Aufgeschoben ist nicht gleich aufgehoben - dem Konflikt aus dem Weg zu gehen lässt ihn nicht verschwinden

Nicht immer sind beide Partner im gleichen Maße von der Beziehung frustiert. Der eine sieht vielleicht den Vorschlag zur "Trennung auf Zeit" als letzte Chance, einen trennungswilligen Partner vor dieser letzten Konsequenz zu stoppen und ihn doch noch vom Wert der Beziehung überzeugen zu können. Und umgekehrt wird sie manchmal von dem Partner vorgeschlagen, dessen Entscheidung, sich zu trennen, schon längst feststeht. Konfliktscheu hofft er, so das Ende der Beziehung weniger schmerzhaft und reibungsloser gestalten zu können. Was längst aufgehoben ist, wird nur noch aufgeschoben. Eine Trennung auf Zeit kann nur sinnvoll sein, wenn beide Partner völlig ehrlich miteinander sind. Es ist in Ordnung, emotional unklar zu sein, aber gerade diese verwirrten Gefühlslagen sollten die Partner aufrichtig miteinander teilen. Ohne Aufrichtigkeit ist die Trennung auf Zeit von Beginn an eine Farce. Zudem ist sie ein schwieriges gemeinsames Projekt, was bedeutet, dass man auch gemeinsame Rahmenbedingungen verabreden muss - was den Partnern in ihrer angespannten Beziehungssituation häufig schwerfällt.

In der Auszeit sollen beide Partner erst wieder zu sich selbst finden und dann vielleicht auch wieder zueinander

Wie sieht der Kontakt zueinander während der Trennungszeit aus? Wie oft tauscht man sich darüber aus, wie man die Zeit ohne den anderen erlebt? Ist es klar, dass man keine anderen Liebesbeziehungen eingeht, auch keine One-Night-Stands? Einigt man sich auf eine Mindestzeit, damit nicht einer, von der Ungewissheit überwältigt, das Experiment abbricht? Hat man alles so weit geregelt, dass man nicht doch ständig wegen Kinderorganisation oder anderer beruflicher oder familiärer Angelegenheiten miteinander in Kontakt sein muss? Lässt man sich von einer Paartherapeutin in diesem schweren Konflikt begleiten? Eine Trennung auf Zeit ist eine Auszeit, in der jeder Partner wieder zu sich selbst finden kann, und ja, vielleicht auch zu den Gefühlen füreinander. Aber nur die Zeit allein wird nichts heilen. Die Partner müssen sich schon intensiv mit sich selbst auseinandersetzen. Geht einer - oder gehen beide - in Therapie, um an sich zu arbeiten und ihre Gefühlswelten zu klären? Eine Trennung auf Zeit bedeutet nur, dass die Beziehung ruht. Die tatsächliche Heilung dieser Beziehung kann nur im Paar geschehen - dann, wenn die Partner ihr gemeinsames Leben wieder aufnehmen.

BRIGITTE 25/2018

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