Trennung auf Zeit: Ende offen

Sie kann ihn keinen Tag länger ertragen. Eigentlich will sie die Trennung. Und träumt von einer gemeinsamen Zukunft. Die Lösung: eine Trennung auf Zeit.

Raus, nur noch raus hier.

Jana nimmt die Mülltüte mit den Scherben des Tellers, den sie gestern vor Wut auf den Boden geknallt hat. Sie legt den Brief für Philipp gut sichtbar auf den Tisch, dann ist sie weg. Ihre Tasche liegt schon in dem Taxi, das unten wartet. "Wohin soll denn die Reise gehen?", fragt der Taxifahrer. "Wenn ich das wüsste!" Sie muss lachen, weil sie keine Ahnung hat - endlich mal wieder lachen. Vielleicht ist es ja eine ganz große Schnapsidee, filmreif abzurauschen. Wird sie morgen einfach wieder umkehren? Oder kann es sein, dass sie auf dem Weg in ein neues Leben ist, ein Leben ohne Philipp? Daran darf sie gar nicht denken. Sie will Philipp nicht verlassen - und genau deshalb muss sie raus. Was sie jetzt braucht, sind ein paar Abende ohne Streit. Sie sehnt sich nach Ruhe und Leichtigkeit. Lena, ihre kleine Tochter, ist eine Woche bei ihren Großeltern, das ist Janas Chance auf eine Auszeit. Ein paar Tage für sich - mehr sollte es am Anfang nicht sein. Die letzten Monate waren zermürbend, jede Leichtigkeit war aus ihrer Beziehung gewichen wie die Luft aus einem alten Luftballon. Es gab nicht einen großen Krach, sondern viele kleine Stiche, Situationen, in denen sie enttäuscht war oder genervt von Philipp. Als sie nach Lenas Geburt nach Hause kam, war die Wohnung eine Baustelle, Philipp hatte alles schön machen wollen und war nicht fertig geworden. Lieb gemeint, aber da hätte sie was anderes gebraucht. Er hat oft nicht kapiert, was sie braucht, ist sich zu sicher gewesen, dass sie mit allem klarkommt. Sie hätte nie gedacht, dass ihr so was mal passieren würde, aber in letzter Zeit haben sie tatsächlich über Dinge diskutiert wie: Du schmeißt so viel Essen weg. Ja, weil du immer so viel einkaufst. Oder: Du weißt ganz genau, dass ich hasse, wenn du die Spülmaschine so einräumst. Es hat sich ein Virus eingeschlichen und an ihrer Liebe genagt. Mit Reden ließ es sich nicht niederringen, reden machte alles nur noch schlimmer. Das alles hatte sie Philipp in dem Brief geschrieben, und dass sie jetzt für eine Woche zu ihrer Freundin Christiane ziehen würde.

Nach einer Woche ist Jana klar, dass sie mehr Zeit und richtig Abstand braucht.

Sie will eine eigene Wohnung, eine Trennung auf Zeit. Wäre super, jemanden zu kennen, der damit Erfahrung hat, aber im Moment fallen ihr nur Cameron Diaz und Justin Timberlake ein, die angeblich gerade eine Pause machen, um ihre Beziehung zu retten - und das hilft ihr nicht wirklich weiter. In jedem Fall ist es eine Chance. Oder lügt sie sich da in die Tasche? Das jedenfalls glaubt Philipp, der plötzlich Panik bekommt. Die eine Woche bei Christiane hatte er als "harmlosen Lagerkoller" verbucht. Dass sie jetzt ernsthaft auszieht, die Wohnung einer Bekannten übernimmt, die für ein Jahr ins Ausland geht, ist für ihn ein Schock. "Du sagst, du willst unsere Beziehung retten, und lässt mich hier allein", wirft er Jana vor. Sie halte ihn nur hin, das Ganze sei eine Trennung auf Raten. Genau das will sie Philipp und sich selbst ersparen - und vor allem auch Lena. Es ist so schon schwer genug, einer Zweijährigen zu erklären, dass ihre Eltern jetzt in zwei Wohnungen leben. Es ist schwer, eine zweite Wohnung überhaupt zu bezahlen, und es ist schwer, ihren Freunden und ihrer Familie begreiflich zu machen, was sie im Sinn hat. Trotzdem glaubt Jana daran, das Richtige zu tun. Sie spürt ganz deutlich, dass sie Zeit braucht. Und Ruhe. Zeit für ihre eigenen Bedürfnisse. Ruhe, um über Dinge nachzudenken, die nur mit ihr zu tun haben und nicht mit Philipp.

Eine Trennung auf Zeit ist keine unkomplizierte Lösung.

Aber es kann die einzig wirksame sein, wenn man wirklich ein Paar bleiben möchte. Weil ständige Diskussionen und Auseinandersetzungen und Angriffe irgendwann Wunden hinterlassen, die bei jedem falschen Wort wieder aufreißen können. Und die erst heilen, wenn den Auseinandersetzungen der Boden entzogen ist und sich jeder ausschließlich um sich selbst kümmert. Sich was Gutes tut, neue Kraft sammelt, nicht mehr auf den anderen und dessen Macken fixiert ist. Genau darin liegt aber auch das Risiko einer Trennung auf Zeit. Wenn beide sich zu stark auf sich selbst konzentrieren, es genießen, für sich zu sein, hat die Beziehung irgendwann keine Chance mehr. Die Kunst besteht darin, seine Freiheit zu genießen und gleichzeitig den anderen im Auge zu behalten: Wenn sich die Knoten in einer Beziehung mal gelockert haben, ist richtig Arbeit nötig, damit eine Annäherung wieder möglich wird. Was deutlich leichter ist, wenn die Entscheidung zu einer Trennung auf Zeit von einem Paar gemeinsam gefällt wird. Philipp, der die neue Situation vor allem als Kränkung erlebt, will nur, dass alles so ist wie vorher. Und weigert sich in den ersten Wochen, Janas Bitte um Abstand zu akzeptieren. Es kommt vor, dass er plötzlich vor ihrer Tür steht. Er will zu ihr, will nicht allein sein, muss noch mal reden. Wenn sie Lena zu ihm bringt, möchte er, dass sie noch zum Essen bleibt, wenn er Lena bei ihr abliefert, bleibt er noch ewig im Flur stehen und versucht, sie zu einem Treffen zu überreden. Neulich waren sie auf seine Bitte hin ein Bier trinken, haben sich erzählt, wie es so läuft, noch ein Bier bestellt, sich entspannt, gelacht. Sie sind Arm in Arm die Straße runtergeschlendert, haben sich in die Seite gekniffen, gekitzelt - und auf einmal ganz fest umarmt und heftig geküsst. Es hat so gut getan, all das Denken und Hadern mal abzustellen. Sich in ihre Wohnung tragen zu lassen, die jetzt nur noch seine ist und von der sie seit Wochen nur den Flur gesehen hat. Es war so leidenschaftlich wie schon lange nicht mehr, und am nächsten Morgen war Jana geradezu euphorisch. Bis Philipp sie ganz ernst angesehen und gesagt hat: "Komm zurück." Zwei Worte nur, und Jana fühlte sich schlagartig ernüchtert. Zack, die Knoten waren wieder festgezogen. Sie hätte laut schreien können in dem Moment. Er kann einfach nicht loslassen, nicht den Moment genießen, ohne Fragen zu stellen. Er will wissen, wann sie wiederkommt. Aber genau das kann sie ihm nicht beantworten.

Andererseits kann sie Philipp verstehen.

Sie selbst würde manchmal gern wissen, wie es weitergeht. Aber wie lange eine Trennung auf Zeit dauert, ist leider nicht planbar. Es bleibt offen, wann beide an einem Punkt sind, wo sie wieder Lust haben, den anderen mehr zu sehen, mehr zusammen zu machen, Sex zu haben. Wenn es dazu kommt, ist das wie der Beginn einer neuen Beziehung, die sich langsam entwickelt und in der keiner den anderen festnageln kann. Manche Paare geben auf, trennen sich irgendwann doch ganz und entdecken Jahre später eine neue Liebe füreinander. Manche schaffen es nicht. Sich freischwimmen, ohne ganz loszulassen, ist verdammt anstrengend. Manchmal fühlt sich Jana wie auf Diät, und das nicht nur, weil sie in diesem Gefühlschaos vier Kilo abgenommen hat. Tatsächlich ist eine Trennung auf Zeit wie Diät halten. Bei dem einen reduziert man das Essen, bei dem anderen die Nähe. Ganz aufhören geht nicht. Genau wie Abnehmen ist eine Trennung auf Zeit ein Balanceakt. Inzwischen verbringen Jana und Philipp immerhin wieder ein paar Stunden in der Woche miteinander. Eine davon in der Paartherapie. Dort ist Jana klar geworden, dass sie Philipp entgegenkommen muss, damit er mit der Situation besser klarkommt. Regeln sind wichtig, damit das Hin und Her zwischen Nähe und Abstand für beide erträglich ist und fair abläuft. Jana und Philipp vereinbaren: Wir treffen uns einmal in der Woche. Dazwischen telefonieren wir mal gar nicht - es sei denn, es geht um Lena. Je klarer die Grenzen sind und je besser sie akzeptiert werden, desto leichter ist es, wieder aufeinander zuzugehen. Und auch die Zeit allein zu genießen.

Wenn Jana und Philipp in den letzten Monaten Spaß hatten, dann fast nie zusammen. Philipp war Janas Problem, das hat ihn nicht attraktiver gemacht. Mit anderen konnte sie leichter reden und lachen. So wie Jana sich ins Leben gestürzt hat, hat Philipp sich am Anfang seinem Leiden überlassen. Jetzt kann er sich selbst nicht mehr hören. Vergangene Woche war er die ganze Nacht unterwegs - wie so oft in letzter Zeit und doch ganz anders. Es gab keinen Frust zu ertränken, er hatte einfach sehr viel Spaß. Als er im Morgengrauen nach Hause kam, hat er Jana angerufen, aus dem Tiefschlaf geweckt, ihr die Musik vorgesungen, die in seinem Lieblingsclub gelaufen ist. Es war ein Anruf gegen die Regeln. Und sie hat sich wahnsinnig darüber gefreut.

Text: Anne Kathrin Berger BRIGITTE Heft 24/2004
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