Trennung mit 68: "Als ich die Tür hinter mir schloss, war das Freiheit pur"

Was, wenn der Mann sich nicht verändern will? Constanze* ist ausgezogen - mit 68, in ihre erste eigene Wohnung.

Wenn ich an meinen Auszug denke und wie es dazu kam, fällt mir immer wieder diese eine Szene ein. Ich komme nach einer Woche Urlaub aus Spanien zurück, gut gelaunt und erholt, und betrete unser Wohnzimmer. Ich weiß noch, wie ich erstarre, als ich die schicke graue Designer-Lounge-Garnitur entdecke - an genau der Stelle, wo sonst mein geliebtes, vom vielen Sitzen schon zerschlissenes Landhausstil-Sofa steht. Das, wie mein Mann mir unbekümmert mitteilt, bereits vom Sperrmüll abgeholt worden ist.

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Es war der Kick, den ich brauchte

War das der Auslöser, nach 41 Jahren Ehe in eine eigene Wohnung zu ziehen? Vielleicht war es der letzte Kick, den ich brauchte. Ich hatte meinem Mann klar gesagt, dass ich kein neues Sofa haben möchte, weil ich an meinem alten sehr hänge. Dass er sich trotzdem durchgesetzt hat, heimlich und gegen meinen Willen, hat mich sehr verletzt. Es gab noch andere Momente. Als er nach einem Einbruch in unserem Haus wegen eines wichtigen Termins in die Firma fuhr, obwohl mir vor Angst die Hände zitterten. Der Einbrecher hatte in meinem Schlafzimmer Schubladen durchwühlt und Schmuck gestohlen, während ich schlief. Danach konnte ich mich in dem Haus nicht mehr sicher fühlen, schloss mich nachts in meinem Zimmer ein. Oder die Sache mit der Wohnung im Stadtzentrum, die wir vor 25 Jahren mit dem Hintergedanken gekauft hatten: Vielleicht ziehen wir hier später mal ein, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Und die er einfach weiterverkauft hatte, ohne mir etwas davon zu sagen. Erst durch einen Brief vom Notar, den ich rein zufällig öffnete, erfuhr ich davon.

Ich wollte mein Leben selbst gestalten

Doch der Sofa-Vorfall war es, der alles änderte. Plötzlich konnte ich nicht mehr weitermachen wie zuvor. Ich funktionierte nicht mehr. Und mir war auf einmal klar: Ich möchte in diesem Haus mit diesem Mann nicht mehr wohnen. Jeden Samstag um Punkt 13 Uhr das Essen auf den Tisch stellen? Morgens um 7.30 Uhr Frühstück machen, obwohl ich als Rentnerin ja eigentlich ausschlafen könnte? Die Wäsche bügeln und gefaltet in den Schrank legen? Ab jetzt ohne mich.

Die Selbstverständlichkeit der Forderungen, die er an mich stellte, seine Ichbezogenheit - all das wollte ich nicht mehr. Ich sehnte mich nach Freiheit, ohne Kompromisse. Danach, die letzten 20 Jahre meines Lebens nach meinen Wünschen zu gestalten. Und trotzdem: An eine Trennung dachte ich nicht. Ich stamme aus einer Generation, in der man nicht einfach so geht. Weil sich das nicht gehört, auch wenn das vielleicht altmodisch klingt. Wir haben uns über die Jahre ein Leben zusammen aufgebaut, vier Kinder großgezogen. Und er tat mir ja nichts. Getrennte Schlafzimmer hatten wir schon lange. Und in den Urlaub fuhr jeder mit seinen Freunden: er zum Bergsteigen, ich mit dem Postschiff der Hurtigruten zum Nordkap.

Drei Zimmer am Stadtrand

Mir fiel wieder ein, dass eine Bekannte mit ihrem Mann zwei benachbarte Wohnungen in einem Mehrfamilienhaus gekauft hatte. Das Konzept gefiel mir: die Tür einfach schließen zu können und sich nicht auf die Nerven zu gehen. Aber für meinen Mann kam das nicht infrage, er bestand darauf, im Haus zu bleiben. Dieses Statussymbol wollte er nicht verlieren, obwohl unsere jüngste Tochter schon vor elf Jahren ausgezogen war und viele Zimmer leer standen.

Eine Zeit lang war ich hin- und hergerissen. Wir stritten uns ja nicht, ich wollte mich auch nicht scheiden lassen. Aber ich wollte auch keine Zeit mehr verschwenden. Ich fühlte bei meinen Kindern vor, wollte wissen, wie sie reagieren. Sie konnten mich verstehen. Also begann ich, im Internet nach Wohnungen zu suchen. Schrieb Makler an und ließ mir Exposés schicken. Parallel dazu entrümpelte ich den Keller, warf Unmengen alten Kram weg. Ich wollte nur das mitnehmen, was ich wirklich brauchte: zum Beispiel ein Foto von meinen vier Kindern und den alten Sekretär meiner Eltern. Als ich die Pläne für meine jetzige Wohnung in den Händen hielt, wusste ich: Das ist sie. Drei Zimmer am Stadtrand, hell und freundlich, mit großem Balkon, offener Küche und Blick auf die Wiesen und Bäume. Und das im dritten Stock, wo ich keine Angst mehr zu haben brauchte, dass jemand bei mir einbricht.

Es ist, als hätte ich den Vorhang zu meinem Leben aufgemacht und die Sonne hineingelassen

Und trotzdem war da noch dieser Rest Unbehagen. Das Gefühl, meinen Mann im Stich zu lassen. Ich fragte ihn noch mal, ob er nicht die Wohnung auf der anderen Seite des Flures kaufen wolle? Doch er fand nur Gründe dagegen: die Lage am Stadtrand, die Fußbodenheizung, der zu weit entfernte Parkplatz. Ich glaube, er hat bis zuletzt nicht gedacht, dass ich wirklich gehe. Er kannte mich ja nur als brave Ehefrau. Bis zu dem Moment, als der Umzugswagen vor der Tür stand. Da drehte er sich um und ging weg. Als ich die Haustür hinter mir schloss, war das Freiheit pur. 

Manchmal frage ich mich: Warum bloß habe ich so lange gewartet? Seit einem Jahr genieße ich jeden Tag meiner neuen Freiheit. Es ist, als hätte ich den Vorhang zu meinem Leben aufgemacht und die Sonne hineingelassen. Wenn ich spontan Lust habe, lade ich meine Nachbarn ein und koche für sie. Spiele Golf und Bridge mit Freundinnen, ohne Leistungsdruck und wann ich will. Es gibt kein Müssen mehr, nur Wollen. Keine Genervtheit über Alltagskram. Kein Gefühl der Ohnmacht, weil alles nun in meiner Hand liegt. Und kein Gefühl von Einsamkeit, weil ich viele liebe Menschen um mich herum habe.

Manchmal spiele ich noch die brave Ehefrau 

Bis heute hat mein Mann mich nicht auf meinen Auszug angesprochen. Als würde die Tatsache, dass ich weg bin, unwahr, wenn er sie ignoriert. Ich weiß nicht, wie es ihm damit geht. Manchmal besucht er mich, trinkt ein Glas Wein auf meinem Balkon. Wir reden über seine Arbeit, über Politik, so wie früher. Ich leere seinen Briefkasten, wenn er in den Urlaub fährt. Manchmal lade ich ihn und die Kinder zum Essen ein, manchmal besuchen wir Freunde gemeinsam. Sie wissen davon. Nur seinen Kunden und Geschäftspartnern haben wir nichts gesagt.

Von Zeit zu Zeit begleite ich meinen Mann zu Geschäftsessen und spiele die brave Ehefrau, die ich nicht mehr bin. Ich weiß natürlich, dass ich Glück gehabt habe, mir das Leben allein leisten zu können. Das Haus habe ich geerbt, es gehört mir, auch wenn mein Mann dort noch wohnt. Dadurch konnte ich einfach einen Kredit bekommen. Und ich habe die richtigen Weichen gestellt: wieder zu arbeiten nach zehn Jahren Kinderpause und rechtzeitig an meine Rente zu denken. Viele Freundinnen beneiden mich darum. Aber für sie ist das fehlende Geld ein Problem: Sie können es sich nicht leisten auszuziehen. Wenn mein Mann mich jetzt fragen würde, ob er bei mir einziehen dürfte, könnte ich mir das nicht mehr vorstellen. Ich würde sagen: Guck im Haus nebenan, ob da was frei ist. Die Freiheit, die ich mir zurückerkämpft habe, gebe ich nicht mehr her. Aber natürlich habe ich mich schon gefragt, was ich machen würde, wenn er krank wäre. Ich würde ihn sicher nicht im Stich lassen, sondern mich darum kümmern, dass er gut versorgt ist.

Verheiratet, aber getrennt

Wir sind uns ja nicht gleichgültig. 41 gemeinsame Jahre und vier gemeinsame Kinder kann und will ich nicht aus meinem Leben streichen. Wenn mich jemand fragt, ob wir getrennt sind, weiß ich allerdings bis heute nicht, was ich sagen soll. Das Wort hinterlässt so ein ungutes Gefühl in mir. Vielleicht, weil der endgültige Bruch mein Gewissen und das Verhältnis zu meiner Familie und den Freunden zu sehr belasten würde. "Wir sind verheiratet, aber leben getrennt", sage ich dann. Und freue mich heimlich, dass ich den Mut hatte, diese für mich richtige Entscheidung getroffen zu haben. Spät, aber noch rechtzeitig.

*Name geändert

BRIGITTE WIR 2/2019

Wer hier schreibt:

Daniela Stohn
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