Trennung nach Krankheit: Darf man den Partner verlassen?

Liebe ist die Antwort auf alle Fragen? Nicht ganz. Sie stellt auch ziemlich viele. Psychologe und Paartherapeut Oskar Holzberg beantwortet sie alle

Darf man einen Menschen verlassen, wenn er krank ist?

Das ist vermutlich die schwierigste Frage einer Partnerschaft. Sie entscheidet, was für uns Liebe ist. Es kann also keine einfache Antwort geben. Die Frage, ob ich jemanden verlassen darf, der auf mich angewiesen ist, liegt schon lange auf meinem Schreibtisch. Ich habe mich erst mal nicht daran getraut. Denn ich weiß die Antwort nicht. Ich fühle mich an kein moralisch-religiöses System fest gebunden, das diese Frage für mich beantwortet. Und selbst dann wäre es nicht sicher, ob ich es schaffen würde, die Gebote einzuhalten. Nein, es ist eine Frage, die jede, jeder durch sein Handeln beantworten muss. Natürlich hoffe ich sehr, dass meine Frau an meiner Seite bleibt, falls ich erkranke und zu einem hilflosen Wesen werde. Und so sehr ich auch jetzt glaube, dass ich an ihrer Seite bliebe, wenn sie in diese Situation käme – kann ich es wirklich wissen? Kann es irgendwer wissen?

Haben wir nicht das Recht für uns selbst zu sorgen?

Wenn wir unmittelbar mit der Frage konfrontiert sind, ob wir gehen dürften, dann scheint die Antwort erst einmal "nein" zu lauten. Nein, nein und noch mal nein! Was für eine Liebe soll das denn sein, wenn wir einfach gehen, sobald es ungemütlich wird? Wenn wir den wichtigsten anderen genau dann verlassen, wenn er uns wirklich braucht? Ob wir nun mit der Formel "bis dass der Tod euch scheidet" geheiratet haben oder nicht: Mit Liebe verbinden wir, sowohl in den guten wie auch gerade in den schlechten Zeiten zueinanderzustehen. Denn Liebe bedeutet für uns ja, füreinander da zu sein. Und eben nicht, das Leben nur solange zu teilen, wie der Partner unser Wohlbefinden nachweisbar steigert. Andererseits trennen sich Paare ständig genau deshalb. Weil das gemeinsame Leben unbefriedigend wird. Weil wir uns allein oder mit jemand anderem ein besseres Leben vorstellen. Und dann sollen wir bleiben, wenn der geliebte Mensch an unserer Seite, so wie wir ihn kannten und geliebt haben, gar nicht mehr existiert? Wenn er durch einen Schlaganfall völlig hilflos geworden ist, durch Demenz sein Wesen verändert ist, durch eine Depression seine Gefühle erloschen sind, durch seine Krebserkrankung das gemeinsame Leben bestimmt wird? Haben wir dann nicht das Recht, und vielleicht sogar die Pflicht, auch für uns selbst zu sorgen? Damit nicht gleich zwei Leben zerstört werden?

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Es gibt keine einfache Antwort

Der amerikanische Philosoph Harry G. Frankfurt sieht das Wesen der Liebe im "caring". In der Sorge füreinander. Wir sind soziale, keine egoistischen Wesen. Wenn jemand fällt, helfen wir ihm auf. Wir müssen darüber nicht nachdenken, es liegt in unserer Natur. Umso mehr, wenn es um den für uns wichtigsten Menschen geht. Birgit Ehrenberg beschreibt in ihrem Buch "Was passiert mit der Liebe, wenn der Partner zum Pflegefall wird" einige von mittlerweile drei Millionen Paaren, in denen einer den anderen pflegt. Die meisten von ihnen bleiben als Paar, aber nicht alle. Manchmal geben auch die Erkrankten ihre*n Partner*in frei. Es gibt keine einfache Antwort. Einer der Interviewten formulierte, worum es wohl geht: "Ich sage nicht, ich bin bei ihr geblieben, nein, wir sind zusammengeblieben."

Oskar Holzberg, 64, berät seit mehr als 20 Jahren in seiner Hamburger Praxis Paare und bekommt immer wieder Beziehungsfragen gestellt. Sein aktuelles Buch heißt: "Neue Schlüsselsätze der Liebe" (242 S., 20 Euro, Dumont).

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BRIGITTE 16/2019

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