Trennung ohne Trauma

Ehe kaputt. Lebensplan gescheitert. Und dann noch das schlechte Gewissen: Was tun wir den Kindern an? Jetzt nicht verzweifeln! Nach den neuesten Studien kann eine Scheidung die Kinder sogar stärken

Man kann sein Geld im Roulette verjubeln, mit dem Mann der besten Freundin durchbrennen oder beim Betriebsausflug halbnackt auf dem Tisch tanzen. Nur eines sollte man niemals tun: sich scheiden lassen - wenn man Kinder hat. Denn "Scheidungswaisen", so war es jahrzehntelang gängige Ansicht bei Laien und Experten, leiden ein Leben lang. Sie werden zu Schulversagern, drogensüchtig oder kriminell, bindungsunfähig und beziehungsgestört. Vor allem amerikanische Studien schienen dieses Horrorszenario zu belegen. Doch nun gibt es eine erstaunliche Trendwende. Der Schweizer Professor für Kinderheilkunde Remo H. Largo, Autor zahlreicher Erziehungsratgeber und Studien, ist überzeugt, dass die negativen Folgen einer Trennung überzogen dargestellt wurden. Sein neues Buch trägt den provokanten Titel "Glückliche Scheidungskinder"(siehe Interview Seite 145). Auch die Münchener Familienforscherin Sabine Walper, die seit 1994 die Entwicklung von mehr als 700 Kindern aus Normal-, Stief- und Einelternfamilien verfolgt, fand bislang keinen Beleg, dass Scheidungskinder generell benachteiligt sind. Manchmal, so die Wissenschaftlerin, sei sogar das Gegenteil der Fall. Wenn es zwischen den Eltern längere Zeit Konflikte und Streit gab, könne die Trennung Ruhe ins Leben der Kinder bringen: Scheidung für den Seelenfrieden.

Entlastung für Eltern, die zum Trennungsschmerz auch noch das schlechte Gewissen plagt, bringt auch eine große amerikanische Langzeitstudie, die in diesem Sommer in Deutschland veröffentlicht wurde: "Scheidung. Die Perspektiven der Kinder." Die Psychologieprofessorin Mavis Hetherington erforschte 30 Jahre lang das Leben von 1400 Scheidungsfamilien. Ihr Fazit: 80 Prozent der Kinder entwickeln sich auf lange Sicht völlig normal oder gehen gar gestärkt aus dem Schlamassel hervor, 20 Prozent haben zwar mit Schwierigkeiten zu kämpfen - doch ist dieser Wert nicht beunruhigend hoch und könnte auch ganz andere Ursachen haben.

Was ist passiert? Sind die Kinder härter im Nehmen geworden, die Eltern rücksichtsvoller? Oder haben sich die Experten getäuscht? Zumindest die Wissenschaftler hatten lange Zeit ihr Augenmerk sehr stark auf kurzfristige Folgen gerichtet: Albträume, Bettnässen, schlechtere Leistungen in der Schule, das alles kann bei Kindern unmittelbar nach dem Scheidungsdrama auftreten. Symptome, die wieder verschwinden, wenn die Eltern ihre Kinder liebevoll begleiten, statt sie zum Zankapfel zu machen (siehe Tipps ab Seite 148). In den wenigen Langzeitstudien wurde vor allem untersucht, ob Kinder aus Scheidungsfamilien später ein höheres "Risiko" haben, selbst eine Trennung zu erleben. Das haben sie tatsächlich - doch was beweist das? Sind sie deshalb unglücklicher? Vielleicht befreien sie sich nur schneller als andere aus einer unerträglichen Beziehung. Und suchen neue Wege. Erst in neueren Studien wie bei Sabine Walper oder Mavis Hetherington wird mehr Gewicht auf die Frage gelegt, wie die "Scheidungswaisen" denn später generell im Leben zurechtkommen.

Studie: Zwei Paar Hände formen jeweils ein Herz

Noch etwas hat sich geändert: das gesellschaftliche Klima. In Europa wie in Amerika. Im Jahr 2001 wurden in Deutschland nahezu 200 000 Ehen mit 153 000 minderjährigen Kindern geschieden, die Zahl der Alleinerziehenden hat sich seit 1970 verdreifacht. Scheidungen, Trennungen, Stiefund Patchwork-Familien sind zur Normalität geworden. Nur noch selten müssen sich Geschiedene hämische Bemerkungen der Nachbarn oder ein tadelndes "War das denn wirklich nötig?" der Schwiegereltern anhören. Im Kindergarten wird kein Kind mehr gehänselt, wenn der Papa "abgehauen" ist. Das entlastet Eltern und Kinder gleichermaßen, stempelt sie nicht mehr zu Außenseitern und Losern.

Stark verändert hat sich das Rollenverständnis der Väter. Früher war es mehr Regel als Ausnahme, dass Väter nach einer Trennung aus dem Leben ihrer Kinder verschwanden - von gelegentlichen Briefen und Urlaubsreisen abgesehen. Auch heute noch gibt es Rabenväter, die ihre Kinder als Last empfinden und sich um den Unterhalt drücken. Die überwiegende Zahl der Männer jedoch möchte regelmäßigen Kontakt zu den Kindern. Unterstützt wurde diese Veränderung durch das neue Kindschaftsrecht, das vor fünf Jahren in Kraft trat: Während bis 1998 das Sorgerecht in drei von vier Fällen ausschließlich an die Mutter ging, geht es nun an beide Elternteile, es sei denn, Vater oder Mutter machen dagegen schwerwiegende Gründe geltend - sexueller Missbrauch und Gewalt zählen dazu.

Anfangs war der Widerstand gegen das neue Gesetz groß: Die Väter kümmerten sich ja doch nicht um die Kinder, kritisierten Frauenorganisationen - und das Leben für die Mütter werde noch stressiger und komplizierter, wenn sie sich mit ihrem Ex-Partner über die richtige Schule für das Kind oder einen medizinischen Eingriff einigen müssten. Die Kritiker irrten: "Viele Männer erkennen erst nach der Scheidung, was ihre Kinder ihnen wirklich bedeuten", meint Professor Wassilios Fthenakis, Direktor des bayerischen Staatsinstituts für Frühpädagogik in München, "und definieren ihre Rolle als Erzieher und Vertrauensperson ganz neu." Eltern mit gemeinsamem Sorgerecht sprechen doppelt so oft miteinander über ihre Kinder wie Eltern, bei denen nur einer das Sagen hat, fand Juraprofessor Roland Proksch bei einer Studie im Auftrag der Bundesregierung heraus. Sowohl Mutter als auch Vater fühlen sich dadurch stark und gleichberechtigt, resümiert Proksch: "Das hat hohen Symbolcharakter und führt überwiegend zur Entspannung." Richard Bausermann, Psychologe in Baltimore, USA, kommt nach der Analyse von 33 Scheidungsstudien zum Ergebnis, dass die Kinder vom gemeinsamen Sorgerecht profitieren: Sie haben weniger emotionale Probleme, sind selbstbewusster und besser in der Schule.

Ein Grund dafür ist paradoxerweise derselbe, den Psychologen bisher als Indiz anführten, dass Scheidungen immer traumatisch sind: Jedes Kind trägt Anteile von Vater und Mutter in sich und ist sich dessen auch bewusst. Wenn es einen Teil bevorzugen oder leugnen muss, fühlt es sich zerrissen und gerät in schwere seelische Konflikte, sagt die Münchener Diplompsychologin Osterhold Lederle von Eckardstein. Macht die Mutter abfällige Bemerkungen über den Vater, fühlt sich das Kind selbst gekränkt. "Auch der Mensch, den die Mutter für einen schlechten Vater hält, ist besser als gar keiner", so die Expertin. Besteht ein guter und zuverlässiger Kontakt zu beiden Elternteilen, dann wird das Kind zwar erfahren, dass es im Leben passieren kann, dass einer den anderen verlässt - aber es wird sich selbst nicht verlassen fühlen. Was Trennungskinder als Lektion fürs Leben mitnehmen, so Mavis Hetherington, sei gar nicht schlecht: nämlich die Erfahrung, dass man aus persönlichen Krisen herausfinden kann. Trennungskinder haben unter Umständen sogar mehr vom Leben, findet Jürgen Zimmermann-Höreth, Leiter der Familienberatungsstelle der Stadt Köln: "Sie erfahren zwei soziale Systeme, nicht nur eines." Mutter hat Freunde, Verwandte und Bekannte - Vater auch.

Entspannend wirkt offenbar auch, dass regelmäßiger Kontakt zu den Kindern die Zahlungsmoral unterhaltspflichtiger Väter verbessert. Und umgekehrt: Der Vater, der seine Sprösslinge nicht sehen kann oder darf, wird schnell das Gefühl bekommen, nur "Zahlpapa" zu sein, und den Geldtransfer einschränken. Mit Folgen: Die ökonomische Lage der Alleinerziehenden-, Stiefoder Patchwork-Familien ist ein wichtiger Faktor dafür, wie Kinder eine Trennung verkraften: Wenn sie in Armut leben müssen, entwickeln sie sich schlechter. Kinder verzichten nicht gern, meint Experte Largo. Nicht auf Mutter, nicht auf Vater. Und nicht auf den gewohnten Lebensstandard.

Noch etwas ist für die Entwicklung der Kinder schlecht: wenn ein Elternteil Heulen und Zähneklappern der Kleinen für seine eigenen Zwecke missbraucht. Als Argument der Mutter zum Beispiel, den unliebsam gewordenen Mann aus dem Rennen zu kicken. Manchmal sind es kleine, fiese Bemerkungen über ihn, die das Kind peu à peu auf ihre Seite ziehen. Oder es genügt ihr ständiges Lamento, wie traurig sie sei, wenn ihr kleiner Schatz wieder beim Papa sei. Eine langsame Gehirnwäsche macht die Kinder mürbe. Bis sie, um dem Loyalitätskonflikt zu entkommen, ihren Vater gar nicht mehr sehen wollen. Für die Mutter vielleicht süße Rache am untreuen Ex und ein Organisationsproblem weniger in ihrem Alltag. "Parental Alienation Syndrome" (PAS), das "elterliche Entfremdungssyndrom", wurde erstmals vom amerikanischen Jugendpsychiater Richard Gardner beschrieben - bevor er im Sorgerechtsstreit zwischen Woody Allen und Mia Farrow als Berater eingesetzt wurde. In Amerika ziehen Richter härteste Konsequenzen, wenn sie vom Entfremdungssyndrom überzeugt sind: In etlichen Fällen wurde das Sorgerecht demjenigen Elternteil entzogen, der versucht, das Kind zu manipulieren.

Doch so weit muss es gar nicht erst kommen. Liebe hilft. Liebe zum Kind, die stärker ist als der Hass auf den früheren Partner, stärker als die Enttäuschung über eine gescheiterte Beziehung. Dann ist sie möglich, die sanfte Trennung. Nach einer Scheidung, sagt Mavis Hetherington, gibt es Gewinner, Verlierer und Überlebende. Wo die Kinder landen, liegt vor allem an ihren Eltern.

Text: Silke Pfersdorf Ein Artikel aus der BRIGITTE
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