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Trennung wegen Hund Wenn Hundeliebe zum Beziehungsproblem wird

Kann ein Hund zur Trennung führen?
© BATMANV / Shutterstock
Kann ein Hund zur Trennung führen? Das Verhältnis zwischen Menschen und Hunden wird 
immer enger. Manchmal so eng, dass langjährige Beziehungen daran scheitern, andere kommen gar nicht erst zustande. 

Wenn Lilly nicht wäre, hätte Beate längst eine neue Liebe. Aber Lilly, die kleine französische Bulldogge, ist auf jedem Foto, das Beate bei Facebook postet. Mal blickt sie in den Sonnenuntergang, mal trägt sie stolz ihr neues Halsband, mal posiert sie mit ihren Bulldoggen-Freundinnen beim Waldspaziergang, und immer schaut Beate sie verliebt an. Jeder Mann, der vor einem Date ihr Profil anschaut, wird merken, dass der wichtigste Platz in ihrem Leben vergeben ist. Beate ist jetzt seit vier Jahren Single. Sie hat keine Ahnung, woran das liegt.

Liebe macht blind, die zu Hunden besonders.

Viele Halter merken selbst gar nicht, welchen Stellenwert ihr Hund in ihrem Leben hat – bis ein neuer Partner auftaucht. Die Internet-Foren sind voll mit Geschichten vom Frust frisch Verliebter, die im Bett ihrer Freundin einen Schäferhund-Mix vorfinden. "Ich muss mich so schlafen legen, wie es dem Hund gefällt", schreibt einer. "Wenn er in der Bettmitte liegen will, dann tut er das auch, wenn ich mich dann bewege und der Hund deshalb vom Bett auf die Couch läuft, ist sie direkt eingeschnappt."
Als ich das las, musste ich an das Drama meines Bekannten Hanno denken, der fünf Jahre nach seiner Scheidung endlich eine Frau gefunden hatte, von der er begeistert war. Und dann starb sein Hund an Altersschwäche, und Hanno war überzeugt, dass er aus Kummer gestorben war, wegen seiner neuen Freundin. Indirekt gab er ihr die Schuld, und weil Hanno fand, dass sie ihn in seiner Trauer nicht richtig ernst nahm, beendete er diese Beziehung drei Monate später.

Die abstrusesten Varianten der Hundeliebe

Seit zwölf Jahren bin ich auf den Hundewiesen der Stadt unterwegs und habe während vieler, vieler Spaziergänge – Hundemenschen sind mitteilsam – von den abstrusesten Varianten der Hundeliebe und ihrer oft toxischen Wirkung auf den Partner gehört. Immer geht es dabei um Eifersucht: die Kränkung, dass da ein anderes Wesen wichtiger ist, eines, an dem man sich nicht mal rächen kann, denn ein Jack Russell hat nun mal kein Auto, dessen Reifen man zerstechen kann. Ich denke inzwischen, eine Liebe muss stabil sein, damit sie einen Hund aushält; wenn sie schon kriselt und der Hund ein emotionales Loch stopfen soll, wirkt er wie ein Brandbeschleuniger.

Wenn der Hund an erster Stelle kommt

Zum ersten Mal wurde mir das klar, als mein Collierüde Sam noch ein junger Hund war. Wir gingen in einen Hundeverein, und eine Vereinskollegin wunderte sich darüber, dass alle Welt sie fragte, wie es ihrem Mann mit dem Bänderriss gehe. "Die Leute tun so, als ginge die Welt unter, nur weil Matthias mal ein paar Wochen nicht auftreten kann. Ich meine, wir reden hier ja nicht von Queeny!" – "Genau", stimmte eine Freundin zu, "bei Hunden ist das ganz was anderes – nicht toben, nur Leine, die Physiotherapie, das ist doch Megastress."

Der Hund an erster Stelle, der Partner humpelnd hinterher. Ich war noch neu in der Hundeszene und fand es bizarr, dass man das Wohlergehen seines Tieres ähnlich wichtig finden konnte als das seines Mannes; dass man überhaupt Vergleiche dieser Art anstellen konnte, denn was hatten Tier- und Menschenliebe miteinander zu tun. Natürlich vergötterte auch ich meinen Hund, ich hatte immer einen Collie gewollt, und da war er nun, und es gab Momente, in denen ich eine große Zärtlichkeit für Sam empfand, allerdings eher auf eine Buddy-Art.

Realitätsflucht durch Kuschel-Rituale

Niemals wollte ich werden wie die Leute, die ihren Hund mit halbstündigem Kuschel-Ritual ins Bett bringen, während der Partner oben im Schlafzimmer schon mal das Licht ausmacht. In einer Studie der Universität Bonn, für die rund 2800 Hundehalter befragt wurden (bisher die einzige, die sich so breit angelegt mit dem Thema beschäftigt hat), gaben 35 Prozent aller Hundebesitzer an, eine engere Beziehung zu ihrem Vierbeiner als zu einem Menschen zu haben. Das heißt nicht, dass sie dafür diesen Menschen vernachlässigen; oftmals ist der Hund einfach das einzige Wesen, das da ist. Aber es bedeutet, dass da etwas im Wandel ist: Die Zweisamkeit bekommt vier Pfoten.

Natürlich schafft sich niemand einen Hund an, um aus ihm den neuen Gott in seinem Leben zu machen.

Eher ist da der Wunsch nach einem Wesen, das fest zu einem gehört, das man umsorgen kann, vielleicht auch die Vorstellung, von einem Hund bedingungslos geliebt und angehimmelt zu werden. Hunde machen es ihren Menschen leicht mit ihrer Loyalität, ihrer Bindungsfähigkeit, ihren klaren Signalen. Der Hund grunzt zufrieden, wenn er gestreichelt wird, oder er geht einfach weg, wenn es ihm gerade nicht behagt. Unter Menschen wäre das ein Affront und Anlass für mindestens einen sehr anstrengenden Abend. Meine Freundin Martina erzählte mir mal, dass ihr Mann eifersüchtig wird, wenn sie ihren Hund zu lang krault. Deshalb nimmt sie sich eine Bürste und tarnt ihre Zuwendung als Fellpfege. Manchmal setzt sich ihr Mann dazu und sagt: Streichle doch mich mal. "Aber das ist ja das Problem", sagt sie. "Für ihn ist Streicheln meistens der Auftakt zum Sex, da steht immer eine Absicht dahinter. Wenn ich dann nicht will, ist er enttäuscht und die Stimmung sackt in den Keller. Bei Lucy muss ich nichts erklären, es ist einfach die unkomplizierteste Art der Nähe."

Der Hund - ein Gefühlskompensator?

Jeder Hundebesitzer kennt solche Konflikte, und in Wahrheit haben sie nicht immer nur die anderen. Die meisten Leute sprechen nicht darüber, was der Hund mit ihrer Beziehung macht, es ist peinlich, intim, kompliziert. Dabei beginnt es ganz harmlos: Der Hund soll das Leben bereichern, so jedenfalls stellt man es sich vor: Man macht als Paar oder Familie herrliche Spaziergänge an schönen Orten, tollt mit dem Hund über Wiesen, man kommt der Natur wieder näher und kuschelt sich abends zusammen auf dem Sofa ein. Der Hund ist so etwas wie die Ausweitung der Harmoniezone auf ein weiteres Lebewesen. Weil Beziehungen nun mal ein Drittes brauchen: etwas Äußeres, Projekte, Pläne. Etwas, das man teilt und das verbindet, über das man spürt, dass es da ein Wir gibt. Hunde sind dafür wie geschaffen, die idealen Beziehungsstifter.

Dass die Ressource Liebe neu verteilt wird, wenn ein Hund im Haus ist, haben auch mein Mann und ich gemerkt.

Liebe im Sinn von: Zuwendung, Beachtung, Verantwortung, auch Sehnsucht und Nähe. All das, was durch den Alltag trägt, den inneren Frieden absichert, hilft, zur Ruhe zu kommen. Sam ist inzwischen ein alter Herr, der immer mehr Aufgaben an seine Collie-Mitbewohnerin Fee delegiert, die vor sieben Jahren bei uns einzog. Die Zeit und die Aufmerksamkeit, die mein Mann und ich auf die Hunde verwenden, hat sich durch den zweiten Hund verdoppelt, und es gibt Momente, in denen wir uns ernsthaft fragen, ob wir eigentlich ähnlich ehrgeizig an unserer Beziehung arbeiten wie am Wohlergehen der Hunde. Wenn wir ganz ehrlich sind: nein. Aber wir hatten das Glück – etwas, das man vorher nicht abschätzen kann, weil man sich als Hundehalter ja noch nicht kennt –, dass wir beide das Gleiche wollten: einen Kumpel und Mitbewohner, keinen Gefühlskompensator.

Hundeliebe schweißt zusammen

Als wir Sam zu uns holten, dachten wir, man müsse einem Hund viel Freiraum geben, damit er sich entwickeln kann. Natürlich ging das schief. Sam machte, was er wollte, und wenn wir ihn riefen, lachte er und machte sich davon. Er wurde unser gemeinsames Projekt, wir mussten ihn irgendwie zur Kooperation bewegen. Wir gingen in die Hundeschule, besuchten Kurse. Als wir Sam für eine Woche in ein Erziehungscamp gaben, weinten wir abends gemeinsam in die Kissen, aus Sorge, der Hund könne zu hart angefasst werden. Als wir ihn endlich unversehrt wiederhatten, lagen wir uns vor Glück in den Armen.

Auch das machen Hunde mit Beziehungen: Sie schweißen zusammen. Ich habe Freundinnen, die keine Kinder haben und von Hund, Mann und sich selbst als Familie sprechen. Mich irritiert das, aber eigentlich ist es nur eine Variante der vielen aktuellen Familienmodelle. Die Beziehung zum Hund gleicht tatsächlich der zu einem kleinen Kind, sie ist liebevoll und fürsorglich, und der Hund bleibt ein Leben lang bedürftig. Das schafft ein Verantwortungsgefühl, das ein Paar fordert und beflügelt.

Trennung oder Hund?

Manchmal kann der Hund auch Gradmesser dafür sein, ob eine neue Liebe eine Chance hat. Eine Freundin, in frischer aber noch fragiler Beziehung zu einem Mann, konnte sich erst an dem Tag richtig für ihn entscheiden, als er – eigentlich jemand, der Hunden lieber aus dem Weg geht –, ihrer an Magen-Darm leidenden Hündin einen Topf Reis kochte. Und mit ihr spazieren ging, trotz des Durchfalls. Er hatte einen zugeknoteten Gassibeutel in der Hand, als er zurückkam. Sie fand, das war wahre Liebe.

Als Sam noch ein rebellischer Jungrüde war, fragte ihre Hundetrainerin Meike Dinklage, wann sie zuletzt etwas unabhängig vom Hund und nur mit ihrem Mann unternommen hätte. Als keine Antwort kam, nahm sie Sam mit zu sich und schickte die beiden ins Kino. 

BRIGITTE 6 / 2018

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