Um die Liebe kämpfen?

Gehen oder bleiben? Streiten oder Klappe halten? Akzeptieren oder ändern? Jede Beziehung hat Krisen. Und immer wieder stellt sich die Frage: Lohnt es sich, um die Liebe zu kämpfen? 21 Antworten.

Nach drei Monaten: Ist es Liebe?

Seit mehreren Wochen bin ich jetzt mit einem tollen Mann zusammen. Aber ab wann spricht man denn eigentlich von einer Beziehung?Na ja, sprichwörtlich beginnt eine Beziehung bereits, sobald man Kontakt zu einer anderen Person aufnimmt. Die Liebe an sich unterteilt man aber in sechs Phasen. Am Anfang übersieht man total verknallt die Schwächen des anderen und versucht, mit ihm völlig eins zu werden, weshalb man auch zu allen Tageszeiten das Bett belegt. In der Regel beginnt so nach sechs Monaten das perfekte Bild zu bröckeln, und Phase zwei startet. Unterschiede treten hervor, also beginnt man, an dem Partner herumzuerziehen. Der Kampf um die Macht ist eröffnet (Phase drei). Die Liebe wird nun alltäglicher, banaler und - wackliger.

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Das heißt: Gehen oder bleiben?Genau das entscheidet sich in der vierten Phase. Die frisch geschaffene Distanz lässt einen die Beziehung neu entdecken, man beginnt, sich wieder anzunähern. Schließlich stellt man fest: Wir können Probleme meistern. Beim Happy End fehlt dann zwar das Kribbeln im Herzen, dafür kommt Wärme hinein. Man akzeptiert sich mit allen Eigenschaften und lässt sich Raum, um ein Leben neben der Beziehung zu führen.

Ich bin Juristin, er arbeitet als Streifenpolizist. Soll ich trotzdem weiter investieren?Klar, aber machen Sie sich nichts vor - da liegt harte Arbeit vor Ihnen. In der Praxis schaffen es die wenigsten Paare auf Dauer, unterschiedliche Herkunft oder gegensätzliche Interessen auszublenden, belegen Studien. Das Herz handelt ganz nach dem Grundsatz: Was ich kenne, das liebe ich.

Was, wenn er noch gebunden ist, sich aber trennen will? Abwarten oder ihn mit einem Ultimatum zwingen?Schwierige Situation. Abzuwarten ist in der Anfangsphase keine schlechte Wahl. Aber Vorsicht: Zu viel Rücksichtnahme und Geduld kann auch zu einer Falle werden. Z. B., wenn der Partner sie ausnutzt, um dem Thema weiterhin auszuweichen. Deswegen um eine Zeitangabe bitten: "Sage mir, bis wann du diese Sache klären willst." Hält er sich nicht daran, kann ein Ultimatum helfen, die Situation zu klären. Dafür muss man sich aber gut überlegen, ob man die Konsequenz, z. B. eine Trennung, auch durchhält.

Ich will ihn jeden Tag treffen. Ihm reicht es, mich am Wochenende zu sehen. Wie existenziell ist dieses Bedürfnis nach Nähe für die Liebe?"Männer haben Angst vor Nähe", schreiben Andrea Ketterer und Alexandra Berger in ihrem Buch "Basics for Lovers". Und: "Je deutlicher die Partnerin ihr Bedürfnis nach Nähe zeigt, desto größer wird sein Drang nach Freiheit." Klingt nach Klischee, aber bei einer BRIGITTE BALANCE-Umfrage kam sogar heraus, dass jeder zweite Mann eine zu enge Bindung fürchtet. Die Balance zwischen Nähe und Distanz - damit haben frisch Verliebte genauso Schwierigkeiten wie Langzeitpaare. Jeder muss immer wieder sein Bedürfnis nach Freiräumen überprüfen: Wie viel Nähe kann ich meinem Partner zumuten, wie viel uns als Paar? Wenn er nicht jede Nacht bleiben will, sollte man das nicht als Nein gegen sich selbst verstehen, sondern als Ja zu der Beziehung.

Er kann mir nach einem Vierteljahr noch nicht "Ich liebe dich" ins Ohr flüstern. Steckt mehr dahinter?Männer "wollen Herr ihrer Entscheidungen sein", sind sich Andrea Ketterer und Alexandra Berger sicher. Der Grund: Angst vor Kontrollverlust, vor einer quasi durch die Liebe legalisierten Entmündigung ihres Selbst. Klingt vielleicht übertrieben, aber wer lässt sich schon gern zu etwas zwingen. Berit Brockhausen, Paarberaterin und Psychologin aus Berlin, meint zu so viel Zurückhaltung: "Wenn er ein Mensch ist, der sich mit Gefühlsausbrüchen schwertut und Beziehungen eher skeptisch gegenübersteht, kann es sein, dass Sie nur ein- oder zweimal in Ihrem Leben hören werden, dass er Sie liebt." Das geht aber durchaus in Ordnung, solange er seine Zuneigung auf andere Art äußert: Ihre Lieblingsschuhe zum Schuster bringt oder Karten fürs Ballett besorgt, obwohl er selbst kein Interesse daran hat. Zum Problem wird die Sache allerdings dann, wenn er der Beziehung weder vor Familie und Freunden einen Stellenwert einräumt. Da sollte man darüber nachdenken, ob man diese Art von Liebe wirklich will.

Für ihn bin ich schon die Mutter seiner Kinder, dabei weiß ich noch gar nicht, ob ich tatsächlich Nachwuchs will - und wenn, ob mit ihm. Macht es Sinn, dass jetzt mit ihm zu klären?In den ersten Monaten einer Beziehung sind Träume von Heirat, Kinder und Haus ganz typisch. Das ist sozusagen eine babyrosa gefärbte Version einer gemeinsamen Zukunft. Das bedeutet allerdings noch nicht allzu viel: Wer weiß, wie ernst es Ihrem Partner mit der Familienplanung tatsächlich ist - vielleicht findet er die Vorstellung, Vater zu sein, gerade nur so lange charmant, wie sie sich ausschließlich in seinem Kopf abspielt. Erst mal kann man locker bleiben. Spätestens nach einem Jahr, wenn die Partnerschaft sich gefestigt hat, sollte man das Kinderthema dann aber ehrlich und offen besprechen - dann können sich beide mit ihren Ansichten auseinandersetzen und gegebenenfalls neu orientieren.

Nach drei Jahren: Bleibt die Liebe?

Wir sind seit drei Jahren ein Paar. Unsere Freunde ziehen zusammen, bekommen Babys. Er ist sich aber immer "noch nicht sicher", ob er das alles will. Was bedeutet das für mich?Zusammenziehen, Heirat, Familie gründen - das sind existenzielle Fragen für eine Beziehung. Wer dem anderen die Antworten darauf schuldig bleibt, will sich schlichtweg nicht festlegen. Der Hamburger Paartherapeut Michael Mary empfiehlt in solchen Fällen, eigene Zukunftspläne rechtzeitig offenzulegen, z. B., indem man sagt: "Ich möchte nicht auf Kinder verzichten und wissen, was du davon hältst. Bitte denke darüber nach und sage mir, wann ich mit einer Antwort rechnen kann." Damit teilt man seine Wünsche mit, lässt dem Partner aber Platz und Zeit für eine eigene Entscheidung.

Das könnte aber auch bedeuten, dass wir uns trennen müssten!Wer eine Antwort einfordert, muss damit leben können, die "falsche" zu bekommen. Man steht ja nur vor dieser einen Wahl: Ist mir die Liebe zu meinem Partner so viel wert, dass ich bereit bin, meine Lebensträume dafür zu opfern, oder macht mich dieser Kompromiss auf Dauer todunglücklich. Die Entscheidung liegt bei Ihnen.

Wir führen nach vier Jahren Beziehung noch tolle Gespräche, unternehmen viel, lachen miteinander, doch Sex findet kaum noch statt. Kann das auf Dauer ein Problem werden?In Japan schläft jedes vierte Ehepaar nach mindestens einem Jahr Beziehung nicht mehr miteinander, in Deutschland immerhin jedes achte - und diese Menschen sind trotzdem miteinander glücklich. Wird Sex für das Gelingen einer Beziehung also überschätzt? Fakt ist, wenn wir uns begehren, lieben, Orgasmen haben, schüttet der Körper massenweise Oxytocin aus, ein Hormon, das die Bindung stärkt. Aber für leidenschaftlichen Sex muss man sich auch ein Stück weit fremd bleiben - zwischen Bad putzen und Wochenendeinkauf ziemlich schwierig. Paarberater wie Michael Mary sehen im nicht gelebten Sex keinen Indikator für eine unerfüllte Partnerschaft. Wenn beide zufrieden sind, warum also nicht?!

Ich dachte, wir seien glücklich. Jetzt habe ich von seiner Affäre erfahren. Was soll ich tun?Zuerst einmal gilt es in so einer Situation, die eigenen Gefühle zu sondieren. Will man den anderen überhaupt noch, kann man ihm den Seitensprung verzeihen? Wenn Ihre Antwort "Ja" ist, dann steigen Sie in den Ring. Eine Krise ist immer auch eine Chance. Doch dafür müssen Sie als Paar einiges tun: viel miteinander sprechen, herausfinden, was den Partner zu der Affäre getrieben hat, das eigene Beziehungsverhalten hinterfragen. Und die alten Zukunftspläne überdenken: Wo gibt es noch eine Schnittmenge? Was hält uns zusammen?

Wir haben geredet, geweint, uns in den Armen gelegen. Trotzdem habe ich das Gefühl, er will nicht mehr. Macht es Sinn, weiterzukämpfen?Ein Seitensprung versetzt die Beziehung und die Beteiligten immer in einen Ausnahmezustand - da wieder herauszukommen, schafft man häufig nicht allein. Schnell verstrickt man sich in gegenseitige Vorwürfe und Beschuldigungen: Dem Betrogenen genügt die Mitarbeit des anderen nicht, der Betrüger fühlt sich hilflos und missverstanden in seinem Tun. Holen Sie sich Hilfe, zum Beispiel bei einem Paartherapeuten, falls Sie zu zweit nicht weiterkommen.

Seit Kurzem verstehe ich mich sehr gut mit einem neuen Kollegen. Ich merke, wie ich mich von meinem Freund immer mehr entferne ...Sich in einen anderen zu vergucken ist beileibe nichts Außergewöhnliches und erst einmal auch gar kein Anlass zur Sorge. "Auch wer in einer glücklichen Partnerschaft lebt, verliebt sich ab und zu in andere Personen", schreibt der Psychologe Jürg Willi in seinem Buch "Was hält Paare zusammen". Denn diese Person bietet uns einen Ausweg, eine geheime Flucht aus unserem stressigen Alltag, in dem wir uns überhaupt nicht glamourös und begehrenswert fühlen, sondern oft einfach nur fremdbestimmt und ausgebrannt. Durch diesen anderen spüren wir wieder, dass wir doch noch ein leidenschaftlicher Mensch sind. Der Partner an unserer Seite kann uns dieses Gefühl nicht vermitteln: Er ist ja ein Teil des gewohnten, eingefahrenen Lebens. Solange man sich also bewusst macht, warum man gerade fremdflirtet, gibt es gegen ein paar tiefe Blicke nichts zu sagen.

In den Jahren, die wir zusammen sind, habe ich mich ziemlich verändert, er sich aber gar nicht. Was können wir nun tun, um nicht zu scheitern?"Am besten das Ganze als unvermeidbare Entwicklungskrise akzeptieren", sagt Therapeutin Berit Brockhausen. "Anstatt darum zu kämpfen, dass der Partner sich verändert, sollte man einen Weg suchen, mit ihm, so wie er (jetzt) ist, zu leben." Das kann bedeuten, dass man Freunde mit den Interessen sucht, die in der Beziehung zu kurz kommen. Manchmal hilft es in einer solchen Situation auch, die Paarkonstellation radikal zu überdenken und neue Wege des Zusammenlebens zu finden. Man muss ja beispielsweise nicht als Paar zusammen wohnen, um glücklich zu sein.

Nach zehn Jahren: Ist es noch Liebe?

Seit einiger Zeit streiten wir ständig - um Zeit, ums Geld, um Anerkennung. Oft denke ich, wir bleiben nur wegen der Familie zusammen. Reicht das für die Liebe?Kinder sind nicht das schlechteste Argument, um zusammenzubleiben. In der Regel hat es ja einen Grund, warum man gerade mit diesem Menschen eine Familie gegründet hat. Studien zeigen, dass die Zufriedenheit der Partner miteinander in den ersten fünf Jahren mit Kindern abnimmt - zu viele schlaflose Nächte, Geldmangel, zu wenig Zeit. Da muss man durch. Besser klappt das, wenn man dem Anfangszauber nachspürt: Wie war das, als wir Eltern wurden, das Haus planten, voller Vorfreude auf das neue Leben waren? Oft sind die Gefühle füreinander unter einem Berg von Pflichten verschüttet. Es hilft, aufzuschreiben, welche Situationen stressen, wie man sich wobei unterstützen kann. Eltern vergessen häufig, dass sie ein Paar sind. Reservieren Sie einen Abend in der Woche für sich. Gehen Sie essen, ins Kino, reden Sie nicht über die Kinder. Wenn das nichts nützt, kann man bei einer Familienberatungsstelle Hilfe holen. Eine Trennung sollte der letzte Schritt sein, besonders Kleinkinder und Pubertierende leiden darunter. Die Kleinen, weil sie in den ersten drei Lebensjahren ihr Selbstwertgefühl ausbilden, das sich in der Beziehung zu den Eltern widerspiegelt - bei einer Trennung geht ihnen Sicherheit verloren. Die Großen geraten in Loyalitätskonflikte. Besteht die Beziehung aber nur noch aus Demütigungen und Verletzungen, muss man gehen - gerade auch wegen der Kinder.

Nach vielen Jahren habe ich herausgefunden, dass mein Mann eine Stiefschwester hat, mit der er sich regelmäßig trifft! Das ist für mich ein extrem großer Vertrauensbruch.Wer so ein lange gehütetes Geheimnis erfährt, stellt natürlich erst einmal die Vertrauensfrage. Aber dabei sollte es nicht nur um verletzte Eitelkeiten gehen, sondern auch darum, ob und wie viel grenzenlose Offenheit man vom Partner erwarten darf. Statt die Koffer zu packen, sollte man lieber herausfinden, warum der andere sich nie anvertraut hat und für die Zukunft neue Absprachen verhandeln.

Nach zehn Jahren Beziehung haben wir Zeit und Geld, doch abends beim Glas Wein nichts zu erzählen.Viele Paare ignorieren das Schweigen, das sich Stück für Stück einschleicht. Wer das merkt, muss sich entscheiden: Soll es dabei bleiben, weil beide damit besser leben, oder sucht man nach den Gründen. Das jedoch kann unangenehm werden, wenn dabei Dinge ans Licht kommen, die seit Jahren zwischen den Partner stehen: ihre Passivität im Bett, seine Lieblosigkeit im Alltag. Kommunikation ist der Schlüssel, um miteinander glücklich zu bleiben. Die gelingt am besten, wenn man Dinge erlebt. Also, rausgehen, den Judokurs machen oder kochen lernen und darüber reden!

Das würde ich gern machen, aber mein Mann zieht nicht mit.Berit Brockhausens klare Antwort: "So ist das mit Beziehungen - zwei Menschen und leider nicht das gleiche Bedürfnis." Tun Sie, was alle Menschen in glücklichen Beziehungen tun: Zeigen Sie, was und warum Sie sich das wünschen, und fragen Sie, was Sie dafür tun können, dass er Ihren Wunsch erfüllt. Das ist wirksamer, als Vorwürfe zu machen oder sich zu beklagen. Wusste er denn schon, dass Sie mit dem Italienischkurs liebäugeln, weil Sie als Kind Opernsängerin werden wollten? Und welchen seiner Kindheitsträume kennen Sie?

Kann man eine so lange Beziehung überhaupt neu verhandeln?Ja, aber das ist Arbeit. Und es erfordert jede Menge Geduld, Fingerspitzengefühl und Kompromissbereitschaft. Denn für so eine Neuverhandlung muss man die Wünsche und Bedürfnisse des Partners sowie die eigenen Ziele in einen Topf werfen, neu mischen und schauen, ob eine Vision entsteht, ein Weg, der beiden Seiten gerecht wird - ohne dass einer dabei Angst haben muss, vom eigenen Weg abzukommen.

Ich fühle mich in meiner Ehe so leer. Aber dürfte ich meiner Familie überhaupt eine Trennung zumuten?Eindeutigkeit ist sehr wichtig in Beziehungen. Es ist besser, eindeutig zu gehen, als uneindeutig zu leiden. "Was mutet man der Familie zu, wenn man sich opfert und verleugnet?", fragt Berit Brockhausen. Besser als stilles Verharren sei, Verantwortung zu übernehmen. Also trennen. Oder bleiben, aber dann Änderungen herbeiführen, mit denen sich beide wohl fühlen.

Lohnt es sich also, um die Liebe zu kämpfen?Ja. Immer. Weil man dadurch die Klarheit bekommt, die man braucht, um glücklich zu werden - allein oder zu zweit.

Buchtipps

Jürg Willi"Was hält Paare zusammen?"Rowohlt367 Seiten8,90 Euro

Hans Kreis"Wahre Liebe leben"Knaur260 Seiten8,95 Euro

Text: Merle Wuttke Ein Artikel aus der BRIGITTE Balance 01/09

Wer hier schreibt:

Merle Wuttke
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