Umstrittener Babysimulator: "Den hast du jetzt totgemacht!"

Seit einigen Jahren können Mädchen in Projekten mit computer-gesteuerten Puppen testen, ob sie ein Baby versorgen können. Dabei werden die Jugendlichen systematisch entmutigt und verunsichert, kritisiert die Oldenburger Pädagogik-Professorin Anke Spies (43) in ihrer Studie "Lebensplanung mit dem Babysimulator".

Anke Spies (43) ist Professorin am Institut für Pädagogik an der Universität Oldenburg. Ihre Forschung liegt an der Schnittstelle zwischen Jugendhilfe und Schule.

BRIGITTE.de: Wie funktionieren diese Puppen überhaupt?

Anke Spies: Sie sehen aus wie Babypuppen, aber ihr Innenleben ist ein Computer. Die sogenannten Babysimulatoren signalisieren durch Schreien Hunger, emotionalen oder hygienischen Versorgungsbedarf. Der kann allerdings nur mit einem passenden ID-Chip gedeckt werden, den die Jugendlichen fest am Handgelenk tragen. Es gibt ein Steuerinstrument, dass dieses variable Computerprogramm regelt. Darüber wird der Schwierigkeitsgrad geregelt, z. B. wie oft der Apparat schreit. Die Versorgungsleistung wird wiederum von einem Computerprogramm aufgezeichnet und kann in prozentualen Angaben abgelesen werden. In der Produktpalette gibt es auch Modelle, die alkohol- und drogenabhängige Babys simulieren. Die wirken dann körperlich unterentwickelt und schreien besonders schrill.

BRIGITTE.de: Kommen diese krassen Puppen auch zum Einsatz?

Anke Spies: Bisher wohl nicht. Es gab aber Stimmen von Projektleiterinnen, die auch drogengeschädigte Puppen einsetzen würden, es aber nicht tun, weil sie die entsprechenden Puppen nicht zur Verfügung haben. Andere sagen, sie würden sie höchstens als Demonstrationsobjekt vorführen. Wieder andere sagen, davon nehmen wir Abstand, das ist uns eine Nummer zu hart in der Abschreckung.

BRIGITTE.de: Also geht es um Abschreckung bei diesen Projekten?

Anke Spies: Ja, die Absicht ist, Schwangerschaften von als zu jung erklärten Mädchen zu verhindern. Die Jugendlichen sollen erst eine Berufsausbildung machen, bevor sie ihren Kinderwunsch umsetzen und erst mit Mitte 20 eine Familie gründen.

BRIGITTE.de: Daran ist doch nichts Verkehrtes?

Anke Spies: Nein, aber dieses Ideal ist den Mädchen auch ohne Simulation klar. Zudem ist diese gesellschaftliche und soziale Erwartungshaltung für die Zielgruppe problematisch. Die Puppen werden in erster Linie in niedrigqualifizierenden Bildungsgängen eingesetzt, sprich bei Hauptschülerinnen, im Berufsvorbereitungsjahr und in Förderschulen. Also bei Jugendlichen, die aufgrund der momentanen Arbeitsmarktsituation weitreichende Ausgrenzungserfahrungen machen und große Schwierigkeiten haben, in Erwerbstätigkeit zu gelangen. In den Simulationsprojekten wird ihnen demonstriert, dass es sozial nicht erwünscht ist, früh Mutter zu werden und eine solche Biografie auf persönliches Versagen zurückzuführen ist. Das setzt die Mädchen in dieser schwierigen Lebensphase zusätzlich unter Druck.

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BRIGITTE.de: Ist das Thema Kinderkriegen überhaupt in diesem Alter so relevant?

Anke Spies: Es ist für Mädchen einfach ein Lebensthema. Darum werden die Simulatoren zunächst auch meist gerne angenommen. Viele gehen ganz begeistert und selbstbewusst mit der Frage um "Werde ich eine gute Mutter sein?" Oft haben sie schon reichlich Erfahrung in der Kleinkindbetreuung im privaten Bereich und wollen sehen, wie sie quasi mit einem eigenen umgehen können. Es gehört auch zu dieser Entwicklungsphase, sich mit der eigenen Fruchtbarkeit auseinanderzusetzen und sich die Frage zu stellen: Möchte ich eine Familie gründen? Und wann und mit wem?

BRIGITTE.de: Vordergründig sollen die Mädchen mit den Babysimulatoren auf ihre künftige Mutterschaft vorbereitet werden. Wie sieht die Praxis aus?

Anke Spies: Unter dem Etikett der Verantwortungsvermittlung werden die Mädchen mit Absicht überfordert, um sie so zur Einsicht zu bringen, dass sie einem Baby nicht gewachsen wären. Es gibt zum Beispiel Anleiterinnen, die bei Verdacht auf Kinderwunsch die Puppe so programmieren, dass sie sich kaum beruhigen lässt und die Nacht durchschreit. Da wird dann mit Schlafentzug gearbeitet. Auch wird es systematisch darauf angelegt, die Jugendlichen öffentlich zu beschämen. Etwa wenn sie mit dem Simulator Busfahren müssen und er dort nach Windelwechsel schreit. In den Gruppendiskussionen berichteten viele hinterher von öffentlicher Missbilligung: "Wie, so jung und schon Mutter?"

BRIGITTE.de: Steckt nicht letztendlich die Angst dahinter, minderjährige Mütter könnten ihre Kinder vernachlässigen oder gar misshandeln?

Anke Spies: Gewiss, aber das ist ein viel zu komplexer Problemzusammenhang, als dass er mit einem solchen Elternpraktikum gelöst werden könnte. Auch wenn der Hersteller das sehr emotionsbetont verspricht. Aus diesem Grund findet der Babysimulator ja auch so schnell Zuspruch und leichte Zugänge zu Fördergeldern und Spenden. Das geschieht unbestritten in allerbester Absicht. Ich sehe aber die ernste Gefahr, dass aus Sorge um den Schutz der noch ungezeugten Kinder von morgen die Jugendlichen von heute aus dem Blick geraten.

BRIGITTE.de: Wie zuverlässig sind denn die Computerauswertungen?

Anke Spies: Es wird als objektive Erfassung verkauft. Dabei sind die Puppen technisch so sensibel, dass die Erschütterungen eines Kopfsteinpflasters schon einen Genickbruch auslösen können. Manche Anleiterinnen benutzen technische Defekte auch zu verschärften Abschreckung und sagen den Jugendlichen Sätze wie "Den hast du jetzt totgemacht!"

Nächste Seite: Wie sich die Verunsicherung auf die Mädchen auswirkt

BRIGITTE.de: Wie wirkt sich die Verunsicherung und Beschämung auf die Mädchen aus?

Anke Spies: Die Mädchen werden natürlich entmutigt, weil ihnen ja scheinbar objektiv und in Prozentangaben ihr Versagen belegt wird und ihre Kinderwünsche als unangemessene Orientierung erklärt werden. Ihnen wird demonstriert: Du wirst dein zukünftiges Kind zu 70 bis 90 Prozent vernachlässigen. Du wirst es ruckzuck durch ein Schütteltrauma getötet haben. Du wirst deine Freunde verlieren, deine Partnerschaft ist ohnehin nicht stabil genug und auch deine Familie unterstützt dich nicht. Da wird mit einem tiefenwirksamen Schreckensszenario gearbeitet, das ich für ein sehr problematisches pädagogisches Konzept halte. Besonders, wenn dann tatsächlich der Schwangerschaftsfall eintritt.

BRIGITTE.de: Gibt es überhaupt einen Anstieg von minderjährigen Müttern?

Anke Spies: Die meisten Projekte, die mit den Babysimulatoren arbeiten, begründen sich mit einer erschreckenden Zunahme von sogenannten Teenagerschwangerschaften. Davon kann überhaupt keine Rede sein. Seit dem Jahr 2000 liegt der Anteil der Geburten Minderjähriger stabil bei etwa einem Prozent aller jährlichen Geburten. Wenn andere Zahlen kursieren, liegt das an der veränderten Erfassungsmethode des Statistischen Bundesamtes seit dem Jahr 2000. Obwohl das Statistische Bundesamt ausdrücklich darauf hinweist, dass es nicht geboten ist, die Zahlen der alten mit der neuen Erhebungsmethode zu vergleichen, wird das immer noch und zum Teil ganz gezielt getan - dann haben wir den vermeintlichen Anstieg.

BRIGITTE.de: Wie erklären Sie sich die allgemein positive Aufnahme der Babysimulatoren?

Anke Spies: Zum einen haben wir die geschickte Marketingstrategie, bei der der Hersteller mit einem Instrument gleich mehrere gesellschaftliche Probleme zu lösen verspricht. Zum anderen haben wir die fälschliche Dramatisierung der Zahlen und sehr engagierte Pädagoginnen und Pädagogen, die sich ernsthaft Sorgen um die Lebensgestaltung von junge Menschen und deren mögliche Kinder machen. Da sind natürlich auch viele Emotionen im Spiel. Und wir haben die Hoffnung auf so etwas wie "Sicherheit durch Technik", das einige Pädagogen sogar dazu bringt, privat für die Kosten aufzukommen, um dann über ihren Träger mit der Puppe zu arbeiten. Die Begeisterung über die vermeintliche Patentlösung überdeckt dann schnell jegliche kritische Prüfung.

BRIGITTE.de: Wie sollte man Ihrer Meinung mit dem Thema umgehen?

Anke Spies: Es sollte weniger die Frage gestellt werden, wie man jugendliche Schwangerschaften verhindern kann. Die Zahl ist ohnehin verschwindend gering. Es sollten vielmehr jene Konzepte verstärkt gefördert werden,die jungen Menschen grundsätzlich, aber besonders im Falle früher Elternschaft eine eigenständige und selbstbestimmte Lebensführung ermöglichen wie dies z.B. Teilzeitausbildungsprogramme tun. Es gibt hervorragende Modelle dafür, die aber nur sehr zögerlich etabliert werden. Das müsste mit einer ähnlich engen und unproblematischen Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe und gleicher Vehemenz und Begeisterung verbreitet werden wie jetzt die Simulatoren.

Info: Die Studie "Lebensplanung mit dem Babysimulator"

Datengrundlage des Forschungsprojekts "Lebensplanung mit dem Babysimulator - Konzepte, Umsetzungen und Reichweite eines sexualpädagogischen Präventionskonzeptes" ist eine bundesweite Fragebogenerhebung zur Praxis der pädagogischen Arbeit mit dem Simulator. Gleichzeitig wurden 27 Interviews mit Projektleiterinnen geführt und sieben Gruppendiskussionen mit Schülerinnen kurz vor einem Elternpraktikum und ein halbes Jahr nach der Simulationserfahrung. Ergänzt wurde die Studie um drei Interviews mit fortbildungsverantwortlichen Fachkräften zu den Programmbestandteilen der Simulatoren.

Die Studie ist mittlerweile als Buch im VS Verlag für Sozialwissenschaften erschienen: "Zwischen Kinderwunsch und Kinderschutz - Babysimulatoren in der pädagogischen Praxis" (340 Seiten, 29,90 Euro)

Interwiew: Elke Polomski
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