Warum Männer alles im Griff haben

Ständig greift Mann zur Fernbedienung. Warum eigentlich? Kolumnistin Thordis Rüggeberg der Frage auf den Grund gegangen, warum Männer immer alles unter Kontrolle haben wollen.

Es gibt etwas, das ich an Männern nicht verstehe. Falsch: es gibt eine Menge Dinge, die ich an Männern sonderbar finde, zum Beispiel warum sie diese niedrigen, unbequemen Porsches toll finden - wo man doch fürs gleiche Geld auch einen komfortablen Maserati fahren könnte, bei dem ich nicht augenblicklich an kleine, schlaffe Penisse denken muss. Wie sie allen ernstes glauben können, das Hennarot meiner Haare sei meine Naturfarbe. Weshalb sie stundenlang an Großbaustellen stehen bleiben, selbst wenn sie älter als fünf Jahre sind. Und wie es möglich ist, dass sie exakt das gleiche essen wie ich und im Gegensatz zu mir danach aufstoßen wie ein Elch. Was mich aber am allermeisten irritiert: Männern widerstrebt es, einfach ins Bett zu gehen, wenn sie müde sind.

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Die Äuglein fallen ihnen zu, sie sinken beinahe ins Koma, aber statt sich schlafen zu legen, schalten sie den Fernseher ein. Da wird keinesfalls ihr Lieblingsfilm gezeigt oder irgendetwas völlig Obskures, das nie wieder zu beschaffen ist, oder meinetwegen die Wrestlemania. Sie prüfen auch nicht, ober der Pornokanal versehentlich unverschlüsselt sendet oder versuchen, in dessen verschneitem Rauschen irgendetwas Anregendes zu entdecken. Kurz: Sie sind weit entfernt von allem, was für mich noch einigermaßen nachvollziehbar wäre. Sie zappen. Mit letzter Kraft halten sie die Fernbedienung in der Hand und sind zu müde, um zu rauchen oder ein Bier zu trinken. Die allerletzte Energie wird zum Drücken des Programmknöpfchens benötigt, in einem nur ihnen verständlichen Rhythmus.

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Das englische Wort für Fernbedienung heißt remote control, und auch wenn die umgangssprachliche Abkürzung remote lautet, so ist doch wahrscheinlich die Kontrolle daran das entscheidende. Die Herren haben eben - und das ist wörtlich zu nehmen - gerne alles im Griff. Das ist eine grundsätzlich wünschenswerte Qualität, die im Alltag durchaus immer wieder angefragt wird, unter anderem mit dem Satz: "Kannst Du mal kurz meine Jimmy Choo Clutch Bag halten?" Und so sieht man an Samstagen Horden von Zupackern und Kontrolleuren glitzertäschchenbehangen vor den einschlägigen großen Modekaufhäusern der Innenstadt stehen, rauchend, geduldig wartend, in schweigender Solidarität. Wer diesen Anblick lachhaft, hündisch und verweichlicht findet, der hat wenig verstanden.

Diese Männer beweisen Ausdauer und Stärke. Sie machen das einerseits, weil das In-der-Hand-und-unter-Kontrolle-Haben zu ihrem Naturell gehört, aber vor allem aus Zuneigung zu der Frau, die sich dort drinnen durch die Kleiderständer wühlt. Zwar bleibt ihnen Sinn, Zweck, Dauer und Notwendigkeit des Unterfangens komplett verschlossen. Dennoch harren sie klaglos aus wie ein Shaolin-Anwärter vor den Toren des Tempels und stellen keine noch so absurde und langwierige Aktion in Frage. Damit, meine Damen, sind sie in diesem Moment weitaus stärker als wir, die wir dort drinnen an willkürlichen Größenangaben verzweifeln und Sachen anprobieren, die wir nicht brauchen.

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Wir sollten uns ein Beispiel daran nehmen und voller Gelassenheit und innerer Größe die Dinge tun, die getan werden müssen, ohne immer alles verstehen zu wollen. Dazu gehört, einen Mann nach einer gelungenen Party nachts um vier kommentarlos vor den Fernseher ziehen zu lassen. Und statt den Kopf zu schütteln und uns zu wundern, wischen wir uns im Bad die Schminke aus dem Gesicht, tragen eine feuchtigsspendende Nachtpflege auf und legen uns schlafen.

Währenddessen beweisen unsere Männer ihre Stärke, demonstrieren, dass sie Befehlshaber über alles sind, auch ihre Müdigkeit und den Zeitpunkt, wann diese sie ins Bett treibt. Nur ihre Rülpser, die haben sie nicht unter Kontrolle. Aber das ist ihnen seltsamerweise egal.

Text: Thordis Rüggeberg Foto: Getty Images
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