"Was am Ende bleibt": Sterbende erzählen die Geschichte ihrer Liebe

Der Philosoph Albert Schweitzer hat gesagt: "Das einzig Wichtige im Leben sind die Spuren der Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir gehen." Hier lest ihr zwei Geschichten von Menschen, die in ihrem Leben das Wichtigste erreicht haben.

Auch wenn die meisten von uns sehr ungerne daran denken: Eines Tages erreichen wir alle den Punkt, an dem wir nur noch zurückblicken können. An dem uns entweder die Kraft oder die Zeit fehlt, um nach vorn zu sehen und unser Leben aktiv zu gestalten. Was uns an diesem Punkt allerdings bleibt, sind die Erinnerungen ...

Für ihr wundervolles Buch "Was am Ende bleibt" haben die Autorinnen Marija Barišić und Laura Fischer Menschen in Pflegeheimen besucht und mit ihnen über die Liebe gesprochen. Heraus kam eine Sammlung von Geschichten, die nachdenklich machen, berühren – und einem unweigerlich die Tränen in die Augen treiben. Zwei dieser Geschichten dürfen wir hier in gekürzter Form mit euch teilen. Herzlichen Dank an den Erzähler und die Erzählerin sowie die Autorinnen für diese bereichernden und zutiefst bewegenden Einblicke! ❤️

7 eindeutige Zeichen der Liebe: Mann und Frau halten einander an den kleinen Fingern

Fuchs, du hast die Gans gestohlen

"Zuerst wirkt er, als würde er nicht verstehen, wenn man ihn fragt. Doch es ist nur die kurze Bedenkzeit, die er braucht, um in sich zu gehen und die Erinnerung herauszuholen. Zwei bis drei Sekunden Stille, dann kommt die Vergangenheit zurück." 

"Rosa lernte ich kennen, da war ich schon alt, 28 glaube ich. Sie war 31. Rosas Eltern mochten mich nicht und meine Eltern mochten sie nicht. Vor allem mit meiner Mutter war es schlimm. Sie behandelte uns wie Knecht und Dirne, vor allem mit Rosa hat sie immer geschimpft. Am Anfang bekam ich das gar nicht mit, und später sagte ich dann sehr lange nichts. Natürlich war das falsch. Als ich mich endlich auch einmal einmischte, freute sich Rosa, aber besser machte ich es dadurch nicht. Von da an hieß es: wir beide gegen den Rest der Familie. Die Geschwister habe ich gespalten dadurch, die waren auch immer gegen uns. 

Ich und Rosa haben uns aber immer gut verstanden. Zusammen führten wir den Hof, wir haben eine gemeinsame Tochter, vier Enkeltöchter und sogar schon eine Urenkeltochter. Mit den Enkelkindern habe ich gerne viel Zeit verbracht, ich habe sie ins Bad geführt zum Beispiel. In der Pension hatte ich endlich Zeit für so etwas. Urlaub gab es mein ganzes Leben als Bauer nicht, nicht einmal Flitterwochen gingen sich aus. Die ersten Ausflüge machten wir erst in der Pension, zum Beispiel nach Italien. Da war meine Frau noch gesund

Es war in der Küche, das weiß ich noch. Rosa saß auf der Eckbank am Tisch und ich am Stuhl. Damals konnte sie schon nicht mehr so gut gehen. Sie stand auf, rutschte aus, und schwupps lag sie am Boden. Ihr Kopf schlug am Fußboden auf, aber zuerst war nichts. Erst ein paar Tage später bekam sie Kopfschmerzen, und wir fuhren ins Krankenhaus.

Dort stellten sie fest, es ist eine Gehirnblutung.

Das war das zweite Mal, dass Rosa schwer krank war, davor hatte sie schon mal den Brustkrebs überlebt. Eine Gehirnblutung, das ist wie ein Schlaganfall. Sie war zwar bei Bewusstsein und bekam alles mit, aber sonst war nicht mehr viel da. 

Am Anfang konnte Rosa gar nicht sprechen. Jeden Tag saß ich im Sessel neben ihrem Bett im Krankenhaus und redete mit ihr. Wenn ich wieder heimfahren wollte, hat sie immer geweint, auch wenn sie nicht reden konnte. Sie wollte ja mitfahren nach Hause. Zuletzt habe ich dann nichts mehr gesagt, wenn ich weg bin, sondern immer nur: 'Ich muss beim Auto was richten', und habe mich nicht mal verabschiedet. Dann wurde es ein bisschen besser. Die Schwestern haben mir gesagt, ich soll das so machen. 

Einmal, als ich wieder dort saß, kam eine der Schwestern zu mir. 'Kannst du singen?' 'Nein', sagte ich natürlich. 'Was soll ein Bauer, der sein Leben lang nur am Hof gearbeitet hat, singen können?' Aber dann fiel mir ein, die einfachen Lieder von früher, 'Fuchs, du hast die Gans gestohlen' und so Zeug, die konnte ich noch. Das war das erste Lied, das ich für Rosa gesungen habe. Mitgesungen hat sie da noch nicht, aber sie hat gelächelt, sie hat sich gefreut. Mit der Zeit fielen mir auch andere Lieder ein, und irgendwann fing sie an mitzusingen. 

Mit einem Logopäden lernte sie langsam wieder zu sprechen. Vom Krankenhaus in Horn kam sie für ein paar Wochen auf Reha nach Zwettl. Dort lernte sie wieder neu essen und gehen, alles eigentlich. Auch in der Reha besuchte ich sie jeden Tag und unterhielt mich mit ihr. Und nach vier, fünf Wochen, als sie entlassen wurde, war ich sie abholen und brachte sie wieder nach Hause. 

Dann wurde alles wieder gut, danach war sie wieder so wie vorher. Den Krebs hat sie überlebt, die Hirnblutung auch, nur die Demenz, die später kam, ist dann nicht mehr vergangen. 53 Jahre waren wir verheiratet. Dieses Jahr ist Rosa gestorben."  

Begegnung 

"Ursula sitzt in ihrem Rollstuhl und drückt sich mit den Füßen nach hinten entlang des Flures, um zu ihrem Zimmer zu kommen. Das funktioniert so am besten, sagt sie, außer, dass manche Heimbewohner sich darüber ärgern, wenn sie sie im Vorbeifahren unabsichtlich streift. »Fahren Sie normal!«, rufen sie ihr dann zu. Seit drei Jahren lebt sie im Altersheim in Horn. Dieses Jahr wird sie 85."  

"Manchmal, wenn mir das alles hier zu viel wird, zieh’ ich mich zurück in mein Zimmer und erinner’ mich an den Herrn Johann. Der saß beim Essen immer neben mir am Tisch, war ein sehr intelligenter Mann, der die ganze Welt bereist und immer viel zu erzählen hatte. Wir verstanden uns sehr gut und plauderten stundenlang über seine Reisen, Gott und die Welt. Jeden Abend, wenn ich ins Bett musste, begleitete er mich noch ins Zimmer, führte mich zum Waschbecken und nahm mein Hörgerät für mich ab. Dann legte er meine Hand in seine, drückte sie ganz leicht und ist zurück in sein Bett.

Irgendwann konnte er nicht mehr aufstehen, so schwach war er wegen der Chemotherapie. Der Arme hatte Prostatakrebs, wurde stark bestrahlt und immer schwächer und schwächer, bis ihn der Krebs ganz ans Bett fesselte. Jeden zweiten Tag fuhr ich mit meinem Rollstuhl zu ihm herein und erzählte ihm, was es Neues gab. Ich glaube, er hat sich sehr darüber gefreut – im Gespräch mit anderen Menschen vergisst man am schnellsten, dass man alt und krank und der Tod nicht weit entfernt ist. Dieses Vergessen tut manchmal richtig gut.

'Schauen Sie, dass Sie ein Einzelzimmer kriegen!', sagte er immer wieder und wieder zu mir. Herr Johann wohnte selbst in einem Einzelzimmer, ich teilte mir meines damals mit einer alten Frau, die gelähmt war und nicht reden konnte. Natürlich war das eine unangenehme Situation, aber ich war ja nicht allein damit. Wir alle, die hier leben, würden wahrscheinlich am liebsten in ein eigenes Zimmer ziehen. Aber so einfach ist das nicht, der Andrang ist zu groß, die Zahl der Einzelzimmer zu klein und die Wartelisten werden immer länger und länger. 'Ich komm nicht dran, vor mir auf der Liste sind noch drei andere!', sagte ich zu ihm. 'Sie werden schon was kriegen, Sie werden schon was kriegen', beruhigte er mich. 

Eines Nachts starb er.

Die Schwester holte mich und fragte: 'Wollen Sie Abschied nehmen?' Ich sagte ja und nahm Abschied. Es tat mir so leid. Obwohl wir uns nur ein halbes Jahr gekannt hatten. Vor seinem Tod hinterließ er mir drei Telefonnummern: Von seiner Schwester, seiner Nichte und seiner Freundin. Und dann sagte er: 'Frau Ursula, wenn etwas passiert, achten Sie bitte darauf, dass die drei angerufen werden!' Dafür sorgte ich nach seinem Tod natürlich. 

Kurz bevor er verstarb, lehnte er alle Besuche ab, außer meine. Warum, das weiß ich nicht. Ich glaube, er wollte nicht zeigen, wie schlecht es um ihn stand. Am Ende war er furchtbar abgemagert und wirklich kein schöner Anblick mehr. 

Zwei Tage nach seinem Tod kam eine Schwester zu mir und fragte: 'Wollen Sie das Zimmer haben vom Herrn Johann?' Wie er das geschafft hatte, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich gleich hier in sein Zimmer einziehen konnte, nachdem er gestorben war. Und das, obwohl drei andere Personen vor mir auf der Warteliste standen. Irgendwie hatte er dafür gesorgt, dass ich sein Zimmer kriege

Er muss mich sehr gemocht haben, der Herr Johann, das ist mir schon klar. Aber erst im Nachhinein, währenddessen dachte ich seltsamerweise gar nicht daran. Es gehört ja ein gewisses Selbstbewusstsein und ein Mut dazu, in meinem Alter noch so weit zu denken, dass man jemandem gefallen könnte. Und für besonders mutig halte ich mich nicht. Erst als er tot war, fiel mir plötzlich auf, wie er mich immer angesehen hatte. So tiefgründig irgendwie. Einmal, er lag in seinem Bett und ich saß vor ihm in meinem Rollstuhl, sah er mich ganz lange an und sagte dann zu mir: 'Frau Ursula, Sie haben so schöne schwarze Augen.' 

An diesen Moment muss ich immer mal wieder denken, wenn meine Gedanken abschweifen und zufällig bei ihm landen. Dann denke ich mir: 'Der Herr Johann, der war schon irgendwie charmant.'"  

sus
Themen in diesem Artikel