Was macht einen guten Vater aus?

"Ich wollte alles perfekt machen. Das habe ich nie, nie geschafft” sagt der Vater, Spiegel-Redakteur und Autor Dieter Bednarz. BRIGITTE-Redakteurin Claudia Kirsch hat den Autor des Buches "Überleben an der Wickelfront" getroffen.

"Du sollst aber!" Fanny, dreieinhalb, krallt sich am Hosenbein ihres Vaters fest.

Zwillingsschwester Lilly schmeißt ihre Hausschuhe gegen das Sofa. Die zweijährige Rosa klopft mit einer Brezel auf den Boden. Das Handy klingelt. Dieter Bednarz telefoniert. Sehr, sehr laut. Es läutet an der Haustür. Die Lektorin, gerade in Hamburg, kommt auf einen Sprung vorbei, sie möchte die Kinder aus dem Buch einmal live erleben. Lilly will ihre Hausschuhe. Sofort. "Neiiiin, das sind die falschen!"

Fürs Interview verziehen wir uns zuerst in die Küche, dann in ein Restaurant.

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BRIGITTE.de: Als wir uns vor zwanzig Jahren kennen lernten, habe ich Dich als lebenshungrig und ehrgeizig erlebt, wir haben heftig über unsere Jobs diskutiert. Jetzt bist du Vater von drei kleinen Mädchen - und dir bleibt nicht mal die Toilette als Rückzugsort. Vermisst Du manchmal dein altes Leben?

Dieter Bednarz: Nee, nee, gar nicht. Jede Nacht, die wir durchgemacht haben, jede Dauererkältung würde ich sofort wieder in Kauf nehmen. Ich habe mich vom Ehrgeizling zum Vater entwickelt, der seine Rolle ernst nimmt. Zumindest versuche ich das.

BRIGITTE.de: Als die Zwillinge geboren wurden, hast du ein Jahr Elternzeit genommen. Wie hast du die Rollenverteilung wahrgenommen?

Dieter Bednarz: Die war und ist bei allen Glücksgefühlen für mich auch mit vielen Unsicherheiten verbunden. Was wird aus uns als Paar? Was macht einen guten Vater aus? Und was für ein Vater will ich sein? Ich habe dieses Jahr mit den Zwillingen versucht, und es ist mir halbwegs gelungen. Und trotzdem war die Verunsicherung danach so groß, dass ich mich das beim dritten Kind nicht mehr getraut habe.

BRIGITTE.de: Warum nicht?

Dieter Bednarz: Einmal war es gut gegangen, und das war eine schöne und tiefe Erfahrung. Bei Rosa fühlte ich mich nicht stark genug. Meine Frau redete mir zu, ich solle mich nicht überstrapazieren. Heute würde ich das anders entscheiden. Egal, welche Krisen oder Veränderungen am Arbeitsplatz drohen, ich würde mir die Zeit für das Kind nehmen.

BRIGITTE.de: Du beschreibst in deinem Buch, wie ihr euch drei Jahre lang durch die Mühlen der Fortpflanzungsmedizin gequält habt. Warum tut man sich das an?

Dieter Bednarz: Die Frage habe ich früher auch gestellt. Wir wollten ein Kind, und wir dachten, das würde sich schon fügen. Und dann vergingen ein Jahr, zwei Jahre und drei Jahre. Man fragt sich, woran liegt es und landet automatisch bei der Möglichkeiten der modernen Medizin. Weil mein Samen nicht mobil und flexibel genug ist, fühlte ich mich als der Schuldige, der Verursacher. Diese Schuldgefühle können sehr schwierig werden für eine Partnerschaft. Ich weiß nicht, ob wir heute noch als Paar zusammen wären, wenn unsere Bemühungen nicht geklappt hätten.

BRIGITTE.de: Habt ihr euch damals eine Grenze gesetzt?

Dieter Bednarz: Wir versuchten alles, und das war streckenweise sehr quälend, aber man kann nicht einfach mittendrin aussteigen. Nach zwei Versuchen machten wir einen letzten Versuch. Dann einen allerletzten. Ich weiß nicht, ob wir noch einen allerallerletzten unternommen hätten, wenn es wieder nicht geklappt hätte. Aber wir hatten das große Glück, dass Esther mit den Zwillingen schwanger wurde. Durch diesen mühevollen Weg wurde das Bewusstsein für die Elternschaft und auch für die Partnerschaft geschärft. Aber ich kenne auch Paare, die haben es geschafft und sich trotzdem als Paar nicht halten konnten, sie waren einfach überfordert.

BRIGITTE.de: Und ihr habt noch eine dritte Tochter bekommen...

Dieter Bednarz: Rosa kam völlig unerwartet hinterher. Wir waren tief berührt. Ein Gottesgeschenk.

BRIGITTE.de: Deine Frau ist Anwältin, du bist Redakteur im Auslandressort beim Spiegel. Wer macht was im Haushalt, wer kümmert sich um die Kinder, wenn sie krank sind?

Dieter Bednarz: Letzte Woche hat Rosa gespuckt und hatte Fieber. Ich habe eine Konferenz ausfallen lasse und zwei Stunden mit ihr beim Arzt gesessen. Ich denke, ich trage so viel bei, dass ich mich als Vater ernst nehmen kann. Aber wenn ich nach Syrien fahren muss, legt Esther ihre Termine um, damit ich fahren kann. Insgesamt ist sie viel präsenter als ich. Ich glaube keinem Mann, der sagt, er mache mehr mit den Kindern als seine Frau.

BRIGITTE.de: Zerrissen zwischen Job und Kind, immer ein schlechtes Gewissen, Frauen ist das sehr vertraut...

Dieter Bednarz: Ja, wir Männer erleben jetzt die Doppelbelastung, über die Frauen seit Jahren klagen. Man will ein guter Vater, ein attraktiver Partner und gut im Job sein. Ich habe erst jetzt richtig kapiert, wie irre anstrengend so ein Leben ist. Immer das Gefühl, jetzt eigentlich keine Zeit zu haben, eigentlich los zu müssen. Neulich habe ich mich beim Arzt durchchecken lassen, weil ich so müde war und ich eine Krankheit ausschließen wollte. Der Arzt sagte, klar, sind Sie als Berufstätiger mit drei Kindern müde.

BRIGITTE.de: Was können Männer von Frauen lernen?

Dieter Bednarz: Nicht jammern. Die Zähne zusammen beißen. Gucken, dass man an den Firmen, den Chefs, den politischen Bedingungen arbeitet. Aber ich glaube, das Wichtigste ist, dass etwas von innen passiert. Wir müssen versuchen, das was wir gut und wichtig finden, auch umzusetzen. Das gelingt nicht immer. Jeder weiß, dass Scheitern inklusiv ist. Aber wenn man dann einen kleinen Sieg über sich selbst einfährt, ist das für mich wichtiger als die große Forderung an die Politik.

BRIGITTE.de: Die BRIGITTE-Studie "Frauen auf dem Sprung" hat im vergangenen Jahr gezeigt, dass die jungen Frauen sich nicht mehr so unter Druck setzen lassen. Stecken jetzt die Väter in der Perfektionismusfalle?

Dieter Bednarz: Ich habe in meinem Buch beschrieben, wie ich anfangs alles ganz toll, mindestens hundertprozentig machen wollte. Wenn Esther nach Hause kam, sollten die Kinder gewickelt und gefüttert, die Küche aufgeräumt sein - und ich habe es nie, nie geschafft. Es ist gar nicht so einfach, da nicht reinzutappen. Doch dann gibt es einen Punkt, an dem einem alles über den Kopf zu wachsen droht und man denkt erschöpft, ach wird sich schon irgendwie finden... Aber das musste ich erstmal lernen.

Hier finden Sie eine Leseprobe aus "Überleben an der Wickelfront"

Überleben an der Wickelfront Vom Elternglück in den besten Jahren Dieter Bednarz Verlag: DVA Sachbuch 240 Seiten € 17,95

Interview: Claudia Kirsch Foto: Dirk Eisermann, Hamburg
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