Was macht Geiz mit der Beziehung?

Liebe ist die Antwort auf alle Fragen? Nicht ganz. Sie stellt auch ziemlich viele. Psychologe und Paartherapeut Oskar Holzberg beantwortet sie alle.

Kurz gesagt:

Geiz ist nicht geil. Und Dagobert Duck ist Single. 

Jetzt mal ausführlich:

Sylvie hatte ihr erstes Date mit M. Nettes Gespräch, gut aussehender Typ, noch kein Feuerwerk unter dem Zwerchfell, aber sie dachte, dass sie ihn gern noch mal treffen würde. Bis dann die Rechnung kam. M. tippte augen­blicklich auf seinem Handy herum und verkündete strahlend: "34,70 Euro für dich, 24,50 Euro für mich! Ich runde auf 25 Euro auf!" Und das war es dann. Sylvie schrieb ihm noch die Standard­mail, dass sich wohl nichts zwischen ihnen entwickeln könne. Ihre Freundin kommentierte, dass Sylvies Dagobert Duck vermutlich voll happy sei, weil er so gleich zwei Dates zum Preis von einem hatte: das erste und das letzte.

Geiz als Zeichen von Angst vor dem Loslassen

Geiz macht nicht attraktiv. Im Geiz­kragen vermuten wir eine engstirnige Spaßbremse, einen kleinlichen Zwangs­charakter. Wir vermuten in Mr. Sparsam einen emotional distanzierten Men­schen, dem Großzügigkeit und Herzens­wärme fehlen, mit einem "mangelhaft" in Sensibilität und einer schlecht geheizten Wohnung. An der Bemerkung eines meiner Kollegen, dass die Men­schen so lieben, wie sie mit Geld umge­hen, ist etwas Wahres dran. Denn der materielle Geiz kann die dahinter lie­genden Ängste verraten:

  • loszulassen,
  • sich abhängig zu machen
  • und die Not, alles unter Kontrolle haben zu müssen.

Natürlich sollten wir nicht vorschnell urteilen. In unserer Welt, in der Geld das Größte ist, ist kaum etwas emotionaler besetzt als der eigentlich schnöde Mammon, und ein ganzer Strauß an Erfahrungen und Prägungen bestimmt, mit welchem Gefühl wir unsere Kredit­karte zücken.

In der Liebe geht es um Geben und Nehmen – auch beim Geld

Doch dass bei Anzeichen von Geiz unser Beziehungsalarm schrillt, bleibt verständlich – und ist angemessen. Denn wir wünschen uns ein Geben und Nehmen in der Liebe. Offenheit, Spaß und Lebendigkeit. Und jemanden, der bereit ist, im Notfall alles für uns zu geben.

Doch wie sollen wir dieses Vertrauen entwickeln, wenn wir schon seinetwegen unsere Halsmuskeln auf den billigen Kino­-Plätzen verrenken und wegen des unschlagbaren Preis­-Leistungs­-Verhältnisses noch im Spät­herbst im Zelt bibbern müssen? Von der Unmöglichkeit eines spontanen Flugs nach Paris ganz zu schweigen. Und wie sicher und angenommen können wir uns mit einem Partner fühlen, der auf Heller und Pfennig unsere Schulden bei ihm notiert, wenn wir gerade klamm sind und einen neuen Job suchen?

Geiz engt ein

Manchmal mag sich die Sparsamkeit des Partners nur im Materiellen aus­toben und es besteht etwas mehr Groß­zügigkeit in anderen Lebensbereichen. Aber Geiz engt uns in Beziehungen immer ein. Er setzt uns Grenzen und steht zwischen uns und unserem Part­ner. Denn wir können ihn nicht für unsere Bedürfnisse und Wünsche erreichen, wenn er in seiner Knickrigkeit gefangen bleibt.

Und je umfassender der Geiz eine emotionale Grundkonstante im Partner ist, umso stärker wird er uns in der Beziehung einengen. Er wird dazu führen, dass wir uns abgelehnt fühlen, nicht unterstützt, alleingelassen und ungeliebt. Man könnte zwar meinen, dass eine Pfennigfuchserin für Shop­ping­-Junkies heilsam sein könnte. Doch Verschwender und Kleinkrämer finden selten zusammen, und noch seltener finden sie ihr Glück. Und ein wahrer Onkel Dagobert geht ohnehin keine tiefe Bindung ein. Er möchte nichts tei­len, schon gar nicht sein Leben.

BRIGITTE 01/19

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