Experte erklärt: So bewältigt ihr Konflikte in der Beziehung – auch wenn ihr sie nicht lösen könnt

Viele Beziehungskonflikte lassen sich nicht hundertprozentig lösen – doch wie kann man als Paar trotzdem glücklich sein, ohne Rachegelüste und Co.? Paartherapeut Eric Hegmann hat da ein paar Ideen.

Von der Vorstellung, dass in einer gesunden und glücklichen Langzeitbeziehung stets Friede und Freude herrscht und leckere Eierkuchen auf dem Tisch stehen, müssen wir uns wohl oder übel verabschieden. Zwei Drittel aller Beziehungskonflikte, das erklärte uns der Hamburger Paartherapeut Eric Hegmann bereits, ließen sich nämlich gar nicht lösen, jedenfalls nicht so, dass die Bedürfnisse beider Partner gleichermaßen zufriedengestellt werden (mehr darüber erfährst du in unserem Artikel: Welche Konflikte lassen sich nicht lösen?). Aber wie sollen wir damit umgehen? Die Konflikte ignorieren? 

Auf gar keinen Fall, sagt der Beziehungscoach. "Paare, die nie streiten, haben entweder das Interesse aneinander verloren oder resigniert. Oder sie üben sich in Konfliktvermeidung. Dahinter liegt die Angst: Würde er/sie mich wirklich lieben, dann würden wir nicht streiten! Doch darum geht es nicht: Partner dürfen sich sehr wohl gepflegt mal übereinander aufregen und können einander immer noch lieben. Auch die glücklichsten Paare streiten. Es kommt nur darauf an, wie sie das tun."

4 Experten-Regeln für einen gesunden Umgang mit Konflikten in der Beziehung

Regel 1: Verstehen statt überzeugen

Entscheidend sei laut Hegmann zunächst einmal anzuerkennen, dass die Bedürfnisse beider Partner gleichberechtigt sind. Wenn das nämlich klar und beiderseits verinnerlicht ist, halten wir uns gar nicht erst mit dem aussichtslosen und zwangsläufig frustrierenden Versuch auf, uns gegenseitig zu überzeugen, sondern können direkt konstruktiv und sinnvoll miteinander kommunizieren – mit dem Ziel, einander zu verstehen. Hegmann dazu: "Wer weiß, warum was wie triggert, findet kreativere Lösung als jemand, der sich bedroht, unverstanden, alleingelassen oder übervorteilt fühlt."

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Regel 2: Verhaltensmuster durchbrechen

Wir alle setzen im Umgang mit Stress und Konflikten unbewusst auf gewisse Strategien und Schemata F, die sich in unserem Leben bewährt bzw. die wir irgendwie aufgeschnappt haben. Laut Hegmann gibt es in Partnerschaften vor allem zwei große Tendenzen:

  • Rückzieher, die Probleme eher weglachen, vertagen oder davon ablenken.
  • Verfolger, die vehement nachbohren, fordern, Vorwürfe machen und laut werden.

Dummerweise erschweren beide Strategien, dass Partner Verständnis füreinander entwickeln und sich darüber austauschen, was wirklich in ihnen vorgeht (und in der Regel beide gemeinsam haben, auch wenn sie's unterschiedlich zeigen): Die Angst, den anderen z. B. durch einen unlösbaren Konflikt zu verlieren.

Deshalb sei es laut Hegmann entscheidend, solche Muster bei sich zu erkennen und zu durchbrechen. "Zunächst könnt ihr versuchen, kognitiv dagegen zu steuern. Das bedeutet, ihr erkennt euer Verhalten, ihr ertappt euch und euren Partner bei diesem Tanz, sprecht an, was ihr tatsächlich fühlt und verlasst euch ganz und gar auf die Beziehungsebene eures Konflikts." Auf der Website des Therapeuten könnt ihr ein Dokument zum Ausfüllen herunterladen, das euch bei Selbstbeobachtung und Gegensteuern hilft. (Falls ihr eine Vorlage braucht: Hier findet ihr ein ausgefülltes Musterformular.)

Regel 3: Nähe statt Distanz – auch im Streit

Durch unterschiedliche Interessen und Bedürfnisse entsteht zwangsläufig eine Kluft zwischen den Partnern. Diese zu überwinden oder zumindest eine Brücke darüber bauen, sollte das Ziel eines Streits sein. Das wiederum gelingt weder durch Rückzug noch durch Vorwürfe à la "Immer willst du deinen Kopf durchsetzen" – denn beides vergrößert die bereits vorhandene Kluft.

Hegmann rät: "Auch im Streit solltet ihr immer emotionale Nähe suchen. Es ist die Distanz, die Angst bereitet und letztlich aus einem Abgleich von Wünschen und Bedürfnissen einen Streit macht. Geht aufeinander zu, besprecht eure Standards, diskutiert eure Dealbreaker und erklärt euch gegenseitig, woher eure Überzeugungen und Haltungen zu einem Thema kommen, wie sie entstanden sind und warum ihr eure Grenzen zieht. Das löst nicht eure unterschiedliche Haltung, die zum Konflikt geführt hat, aber bringt euch näher zusammen, um einen gemeinsamen Weg zu finden."

Regel 4: Bei sich selbst anfangen

Klar können wir bei einem Konflikt unseren Schatz dafür verfluchen, dass er zu den Rückziehern gehört. Oder mit unserem Schicksal hadern, dass wir jemanden lieben, der ein penetranter Verfolger ist. Hilfreicher ist laut Hegmann allerdings folgende Einsicht: "Ihr könnt euren Partner nicht ändern. Aber eure eigene Haltung. Und wenn du ganz ehrlich in dich hinein hörst: Wenn ein Thema dich so richtig nervt und belastet, dann hat das vermutlich mehr mit dir selbst zu tun als mit deinem Partner. Um eine glückliche, harmonische Beziehung zu führen, müsst und könnt ihr nicht in allen Dingen einer Meinung sein."

Und im Grunde ist das doch eine gute Nachricht – zumindest für die, die es akzeptieren ...

Du möchtest mehr von Eric Hegmann erfahren? Auf seiner Website findest du jede Menge Infos und Coaching-Angebote.

Oder ist dir jetzt direkt nach einem Austausch in einer Selbsthilfegruppe? Dann können wir dir z. B. unsere Community empfehlen. 😉 

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