Wie viel Eifersucht ist normal?

Liebe ist die Antwort auf alle Fragen? Nicht ganz. Sie stellt auch ziemlich viele. Psychologe und Paartherapeut Oskar Holzberg fragt sich diesmal, wie viel Eifersucht eigentlich normal ist.

Wenn die Eifersucht uns ganz bestimmt, dann ist es zu viel. Und wenn wir sie gar nicht spüren, ist das zu wenig.

Es muss ein Mittelmaß geben

Kathrin fährt auf eine mehrtägige Fortbildung. Sie sagt zu ihrem Freund Paul: "Mach dir keine Sorgen, du weißt, ich bin dir treu." Paul nickt: "Ich bin doch sowieso überhaupt nicht eifersüchtig. Fahr nur." Und Kathrin ist insgeheim froh, dass sie Paul kein Stück glaubt, was er da sagt. Denn falls Paul tatsächlich nie auch nur ein bisschen eifersüchtig wäre, dann wäre sie enttäuscht. Denn würde das nicht heißen, dass sie ihm egal ist? Ja, sie würde sich sogar fragen, ob Paul nicht irgendwo einen Flirt oder gar mehr laufen hätte.

Oskar Holzberg, 64, berät seit mehr als 20 Jahren in seiner Hamburger Praxis Paare und bekommt immer wieder Beziehungsfragen gestellt. Sein aktuelles Buch heißt: "Neue Schlüsselsätze der Liebe" (242 S., 20 Euro, Dumont).

Während wir selbst auf keinen Fall eifersüchtig erscheinen wollen, erfreut es uns, wenn unser Partner ein klein wenig eifersüchtig reagiert. Eifersucht gehört zum Modell unserer Liebesbeziehungen, wie Höhenangst zum Bergsteigen. Natürlich wollen wir nicht von ihr überwältigt und gelähmt werden. Aber wir brauchen sie, um achtsam zu bleiben. Denn auch die beste Liebesbeziehung ist niemals hundertprozentig sicher. Im Grunde ist Eifersucht unser Liebes-Tsunami-Frühwarnsystem, das alle Erschütterungen genau registriert. Gibt es Anlass zur Sorge? Sind wir nicht mehr so nah und sicher verbunden miteinander? Ist unsere Liebe getrübt? Ist sie gar so geschwächt, dass sie durch andere bedroht ist?

Die Liebe verändert alles

Wir werden eifersüchtig, wenn wir glauben, jemand anderes habe eine größere Nähe zu unserem Liebsten als wir selbst, und uns schreckliche Verlustangst packt. Wir sind zwar erwachsen, aber nun fühlen wir uns schwach und abhängig wie ein Kind. Dabei tun wir doch sonst alles, um selbstbewusst und unabhängig durchs Leben zu gehen. Aber wenn wir lieben, machen wir uns nun mal abhängig. Und wenn wir uns fest an jemanden binden, dann sind wir emotional auf denjenigen Menschen angewiesen. Weil wir aber alle von unseren Eltern gelernt haben, dass wir nicht neidisch und eifersüchtig sein sollen, können wir mit Eifersucht nicht gut umgehen.

Blöderweise erfasst sie uns umso mehr, je weniger wir sie offen gegenüber dem Partner äußern können. Und wer als Kind Bindungen nur als sehr unsicher erlebt hat, reagiert leichter eifersüchtig. Zu eifersüchtig. Aber wenn beispielsweise der Partner oder die Partnerin kürzlich eine Affäre hatte, ist Eifersucht nicht überzogen, sondern einfach ein Zeichen, dass der betrogene Partner sich noch nicht wieder sicher fühlt. Eifersucht hat also viel mit Bindungsangst zu tun. Und wer niemals eifersüchtig ist, vermeidet unbewusst das Risiko, überhaupt eine tiefere Bindung einzugehen.

Was bedeutet "Eifersucht" eigentlich genau?

Das Wort "Eifer" findet sich übrigens zuerst in Luthers Bibelübersetzung und bedeutet dort "freundlicher Neid, lieblicher Zorn". Woraus der heutige Sinn "heftiges Bemühen um eine gute Sache" geworden ist. Für das Liebesleben ist daraus die „Eifersucht“ entstanden, wobei wir "Sucht" sowohl als krankhaftes Verlangen als auch "suchend nachgehen, nachspüren" verstehen. Denken wir Eifersucht also als "lieblichen Zorn", den wir durchaus zeigen dürfen, wenn das Wichtigste in unserem Leben sich plötzlich unsicher anfühlt. Solange sich die Eifersucht zwischen uns beruhigen lässt, ist sie nicht zu viel. Und solange der Stachel der Eifersucht eine Wirkung zeigt und uns wieder begehrenswerter in den Augen unserer Liebsten macht, ist sie auch nicht zu wenig.

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Brigitte 08/2019

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