Fragen der Liebe: Wie viel Romantik braucht die Liebe?

Liebe ist die Antwort auf alle Fragen? Nicht ganz. Sie stellt auch ziemlich viele. Psychologe und Paartherapeut Oskar Holzberg beantwortet sie alle.

Kurz gesagt:

Achtung, eine unromantische Antwort: Romantische Liebe ist nur eine Form der Liebe – es ist aber die, in die wir verliebt sind.

Jetzt mal ausführlich:

"Na, Schatz, vermisst du mich?", fragt sie am Handy. Er antwortet: "Aber sicher, Schatz, du fehlst mir!" Dabei ist er äußerst happy, dieses Wochenende mal allein vor dem PC und mit seinen Freunden verbringen zu können. Aber es ist klar, dass er das jetzt nicht sagen kann: "Nö, ich vermiss dich nicht, mein Schatz!" Das wäre der Beginn einer fetten Beziehungskrise. Stattdessen hält er sich an den Liebescode.

Ungeschriebenes Gesetz: der Liebescode

Der Liebescode, das sind die kulturellen und gesellschaftlichen Regeln, denen wir in unserem Liebesleben scheinbar ganz selbstverständlich folgen. Und sie besagen, dass sich Liebende vermissen. Dass sie sich immer nacheinander sehnen. Weil sie immer zusammen sein wollen. Weil sie nur miteinander wirklich glücklich sind. Wenn wir uns so romantisch geben, ist das mehr Ritual als Wahrheit. Aber indem wir uns an die Spielregeln dieses Codes halten, versichern wir einander, dass unsere Liebe besteht.

In der Verliebtheit, der Hochphase romantischer Gefühle, waren unsere Empfindungen noch eindeutig. Wir waren die Erfüllung aller Wünsche füreinander, waren schwachsinnig vor leidenschaftlichem Begehren, vermissten einander schon, bevor wir uns überhaupt getrennt hatten. Doch dieser romantische Taumel hält natürlich nicht ewig. Die aufregenden romantischen Stromschnellen verebben und münden, wenn alles gut geht, allmählich in den ruhigen Fluss einer bewährten Liebe.

Oskar Holzberg, 66, berät seit mehr als 20 Jahren in seiner Hamburger Praxis Paare und bekommt immer wieder Beziehungsfragen gestellt. Sein aktuelles Buch heißt: "Neue Schlüsselsätze der Liebe" (242 S., 20 Euro, Dumont).

Doch Erregung und romantische Leidenschaft dürfen aus unserer Liebesbeziehung nicht verschwinden. Wir wollen das nicht. Denn wir lieben den Hormon­- rausch, in dem sich die Realität in weiche, warme Wellen verwandelt, und wir uns im Einklang mit der ganzen Welt erleben. Wir wollen diese intensiven Gefühle von Erfüllung und Versprechen. Sind wir nicht schon mehr in den Zustand romantischer Verliebtheit verliebt als in unsere jeweilige Partnerin?

Die Romantik als Grundlage einer Beziehung

Die romantischen Gefühle dürfen auch deshalb nicht verschwinden, weil sonst der Boden, auf dem unsere Liebe steht, ins Schwanken geriete. Denn ihnen haben wir vertraut, ihnen sind wir gefolgt. Sie waren das Versprechen auf wunschloses Glück und Grund, uns füreinander zu entscheiden. Deshalb möchten wir beständige Liebe, aber mit leidenschaftlichem Sex. Sicherheit und Aufregung, Dauer und überwältigende Intensität, Geborgenheit und gleichzeitig wildes Begehren.

Unser Liebescode ist widersprüchlich, aber wirksam. Wenn die romantischen Gefühle ganz verschwänden, würden wir das nicht als Signal für das Ende unserer Beziehung empfinden? Wer zu Goethes Zeiten seinen romantischen Gefühlen folgte, protestierte gegen die moralische Standesheirat. Doch die Revolution hat sich in Konsum verwandelt. Herzschmerz-Movies, Herzchenkissen, Romantik­hotels und Love-Songs füllen Kassen und sorgen dafür, dass wir geradezu süchtig nach romantischen Gefühlen bleiben. Nein, Liebe braucht keine Romantik. Aber wir brauchen romantische Gefühle, um an unsere Liebesbeziehungen glauben zu können. Ich hatte sie ja gewarnt.

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BRIGITTE 6/2020

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