Wir passen nicht zusammen – und trotzdem trennen wir uns nicht

Fast 35 Jahre ist Suse mit ihrem Mann verheiratet: Sie, die Energetische, er, der Insichgekehrte. Wie oft hat sie gedacht: Es passt einfach nicht ...

Sie waren Kommilitonen an der Uni und wohnten auf dem gleichen Flur im Studentenwohnheim. Suse schon mit kleinem Sohn, denn so war das damals mit Anfang 20 im Osten: Man war früh verheiratet und kriegte schnell Kinder. Oft zu jung und oft zu schnell. Suse steckte in einer unguten Ehe, sie erinnert sich: "Der Mann klebte zu sehr an mir, lag mir zu sehr zu Füßen." Zu viel für eine junge Frau, die selbst noch wenig Selbstbewusstsein hatte.

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Dann war da Martin*, dieser verschlossene, aber deswegen anziehende Studienkollege, der sein Ding machte und ständig zum Volleyball ging. Anderthalb Jahre würde es dauern, ehe sie endgültig zusammenkamen, eine Familie wurden - und das bis heute. "In Martin", sagt Suse, "war ich richtig verknallt", von ihrem ersten Mann konnte sie das nicht sagen.

Ich wollte nicht aufschauen, aber ich wollte Augenhöhe.

Heute sind die beiden mit mehr als 35 Jahren auf der gemeinsamen Lebensuhr dreifache Großeltern, und wer sie trifft, erlebt ein lebendiges und jung gebliebenes Ehepaar, das auf seine Weise strahlt. Auch wenn die Lebendigkeit eindeutig auf Suses Konto geht. Sie, die Laute und Energetische, Martin, der Stille, Insichgekehrte. Suse mit fester Stelle an einem Kunstinstitut, von Haus ehrgeizig, Martin als Freiberufler im IT-Gewerbe, klug, aber mit zu vielen Zweifeln und fehlendem Wagemut unterwegs. Suse, die Frau, die sich gern schöne Klamotten und Ausstellungen gönnt, die reisen und etwas erleben will, Martin, der Mann, der am liebsten in seinem Zimmer sitzt.

Das riecht nach Schieflage, Interessenskonflikt, Zoff - und so war es auch oft. Vor allem in jener Zeit, als Martin arbeitslos war, sich einigelte und nichts mehr tat. Suse wünschte sich einen Mann, der die Ärmel hochkrempelt, eine Lösung sucht, aber Martin war nicht dieser Mann. Er ist kein Macher, er machte nur zu, je mehr sie an ihm zerrte. Überließ ihr die Versorgung der Familie, das Abbezahlen des gemeinsamen Hauses, die Studiengebühren für die Tochter und, und, und. "Ich brauche keinen Mann, zu dem ich aufschauen kann", sagte Suse, "aber ich brauche jemanden auf Augenhöhe." Martin schien dieser Mann nicht mehr zu sein, aus Suses Sicht behandelte sie ihn ungerecht.

Habe ich Angst vor dem Alleinsein?

Suse wollte nicht gemein sein, war es zwischenzeitlich aber doch, machte ihn runter, ihr Respekt schien aufgezehrt. Ein paar Stunden Paartherapie brachten keine Lösung, der Therapeut riet zu Einzelsitzungen, nur Suse ließ sich darauf ein. Die Frustration stieg auf beiden Seiten, doch nur einer handelte: Suse. Mitte 2000 ging sie auf Distanz und verlangte Nägel mit Köpfen. Jeder zog in eine eigene Wohnung und schaute sich online nach jemand anderem um. Über Scheidung sprachen sie nicht.

Suse hatte eine Affäre, die sie Martin aber beichtete. Und sie selbst spähte Martins Handy aus, auch er textete mit einer fremden Frau. Das trieb beide erst noch mehr auseinander, hatte dann aber eine Art Revitalisierungseffekt. Jeder fühlte sich von der Tatsache verletzt, dass der andere bereit für etwas Neues schien. Beiden war der andere nicht egal. Aber es dauerte, und Suse stellte sich Fragen: Bin ich nur zu feige, einen Schlussstrich zu ziehen, habe ich Angst vor dem Alleinsein? Eine klare Antwort konnte sie sich nicht geben. Sie wusste nur, dass sie aus einer Generation stammte, in der sich ein Leben allein falsch anfühlte. In der Individualismus noch nicht so großgeschrieben wurde wie heutzutage. Aber war das nun gut oder schlecht?

Nach langer Zeit endlich die Einsicht ...

So oder so fühlte Suse, dass es noch nicht vorbei ist mit ihrer Ehe. Ein Happy End stand trotzdem nicht vor der Tür, in den folgenden Jahren gab es noch mehr Downs als Ups, war sie noch ein Mal weg. Und Martin hangelte sich nur langsam heraus aus seiner Agonie. Hatte dann wieder einen neuen Job, gewann mehr Selbstvertrauen. Gänzlich ohneeinander waren sie ohnehin nie, weil beide Familienmenschen sind, seine Sippe, ihre Bande - das war alles viel zu stark verwoben, als dass es beide hätten fallen lassen wollen.

Dann die gemeinsamen Freunde, die Radtouren, ihr gleicher Musikgeschmack. Und die seltsame Tatsache, dass der andere auf einmal ganz anders aussah, wenn man ihn mit Abstand betrachtete: irgendwie spannender und schillernder, irgendwie mehr so wie früher. Nach langer Rebellion kam Suse zur Einsicht, dass sie aufhören will, Martin ändern zu wollen. Sie will dankbarer sein für das, was sie an ihm hat: dass sie gemeinsam gut durch den Alltag kommen und er immer ihr Fels in der Brandung war. Und wenn er nicht mit ihr nach Paris fahren will, nimmt sie eben eine Freundin mit. Sie spürt, dass sie das Alter auch gnädiger werden lässt. Und obwohl sie sich hätte vorstellen können, weiter getrennt zu wohnen, sind sie wieder zusammengezogen. "Vielleicht sind wir auch nur ein paar alte Latschen, die nicht ohneeinander können", sagt Suse. "Ich jedenfalls kann nicht einschlafen, wenn der Kerl nicht neben mir liegt!"

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BRIGITTE 11/2019

Wer hier schreibt:

Judka Strittmatter
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