Wo liegt die Grenze zwischen Liebe und Gewohnheit?

Liebe ist die Antwort auf alle Fragen? Nicht ganz. Sie stellt auch ziemlich viele. Psychologe und Paartherapeut Oskar Holzberg beantwortet sie alle

Lieben ist doch die großartigste Gewohnheit, die denkbar ist.

Aber: Als Wissenschaftler sich für die Wirkung von Meditation zu interessieren begannen, verglichen sie das Erleben von Zen-Mönchen mit dem von Menschen, die nie meditieren. Sie stellten fest, dass die Nicht-Meditierenden Geräusche oder andere gleichbleibende Sinnesreize nach einiger Zeit gar nicht mehr wahrnahmen, die Mönche sie aber weiterhin bemerkten. Ihre Achtsamkeit blieb jeden Augenblick bestehen, während sie den Normalos verloren ging.

Oskar Holzberg, 64, berät seit mehr als 20 Jahren in seiner Hamburger Praxis Paare und bekommt immer wieder Beziehungsfragen gestellt. Sein aktuelles Buch heißt: "Neue Schlüsselsätze der Liebe" (242 S., 20 Euro, Dumont).

Wir kommen gleich noch mal auf die Zen-Mönche zurück. Aber gehen wir erst mal der Frage nach, woran wir erkennen können, ob wir unseren Partner überhaupt noch lieben oder ob uns nur noch Gewohnheit in der Beziehung hält. Denn das ist der Gedanke, der uns in langjährigen Beziehungen manchmal überfällt: Sind wir nur bequem und vermeiden angstvoll die längst überfällige Veränderung? So richtig knallig verliebt sind wir ja schon länger nicht mehr. Und die manchmal noch spürbaren romantischen Gefühlswallungen sind auch nur ein schwacher Hauch verglichen mit den Wirbelstürmen der Liebesgefühle, die uns früher erfasst haben.

Im Grunde haben wir gar nichts Gravierendes an unserem Liebsten auszusetzen. Aber auch das erscheint uns mehr als Beweis eines bewusstseins- trübendem Nicht-anders-Kennen als ein Zeichen, dass beziehungstechnisch alles gut ist. Ist es also an der Zeit, uns das stille Ableben unserer Liebe einzugestehen, weil uns nur noch Gewohnheit aneinander bindet?

Gegenfrage: Wieso eigentlich "nur noch Gewohnheit"? Wir lieben Gewohnheiten. Wir sprechen sogar von lieben Gewohnheiten. Sie entsprechen uns. Unsere Psyche bevorzugt das Vertraute, schon Freud erkannte sie als konservativ. Gewohnheiten sparen Energie, sie geben unserem Leben Struktur und Sicherheit. Kontrollierbare kleinere Veränderungen, beispielsweise eine Reise, beleben uns. Aber im Alltag entwickeln wir Rituale, gewohnte Abläufe, die wir ständig wiederholen.

Liebe = Leidenschaft?

Gewohntes geschieht automatisch, fast ohne dass wir es bemerken. Gewohnheit ist genau deshalb Gewohnheit, weil kein intensives Erleben dabei nötig ist. Doch in einer Liebesbeziehung ist das ein Problem. Denn in der Liebe suchen wir Intensität. Wenn wir immer mehr sichere Bindung und immer weniger aufregend romantische Liebe erleben, fühlt sich das ein wenig so an, als würde uns ständig vor sich hin plätschernde Supermarkt-Musik einlullen, während die heißen Rhythmen und dramatischen Melodien fehlen.

Die Liebe wird immer stiller, während die Welt uns weiter vermeintlich immer atemberaubendere Erlebnisse verkauft: die noch spannendere Serie, den noch überwältigenderen Geschmack, die noch außergewöhnlichere Reise und notfalls den Bungee-Sprung und Kokain.

Dummerweise können wir die langjährige Liebe auch durch Sex im Fahrstuhl und Champagner auf dem Eiffelturm nicht vor Gewohnheit schützen. Wir brauchen einen anderen Weg. Und damit sind wir wieder bei den Mönchen. Wir brauchen Achtsamkeit, um das Gewohnte immer wieder erleben und schätzen zu können. Wahre Liebe und Gewohnheit sind kein Gegensatz. Wir verlieren lediglich das Positive aus den Augen, das wir in einer Partnerschaft immer wieder aufs Neue erleben. Wer genauer hinschaut, sieht mehr. Wer feiner fühlt, erlebt mehr. Dann ist Liebe Zen.

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Brigitte 02/2019

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