Zusammenbleiben wegen des Kindes: Ist das wirklich notwendig?

Früher blieben die Kids bei Mama und sahen Papa jedes zweite Wochenende. Heute ist das Leben nach der Trennung bunt und vielfältig geworden – weil Eltern ihre Kinder mehr umsorgen und neue Wege suchen.

Ich verrate Ihnen jetzt ein Geheimnis. Außer Ihnen wissen es nur die Mutter meiner Freundin und ich, nicht mal ihre Kinder haben eine Ahnung: Sie ist mit dem Vater der drei Mädchen nicht mehr zusammen. Gefühlt seit drei Jahren, ausgesprochen seit einem. Sie schläft im Keller, angeblich, weil er so laut schnarcht. Warum sie es verheimlicht – und bleibt? Weil ihr Mann es möchte. Und sie findet, dass es für die Kinder so am besten ist.

Eltern stellen immer häufiger das Wohl ihrer Kinder über ihr eigenes

Aber ist es das wirklich? Und kann man das eigene Leben für einige Jahre in der Warteschleife parken, ohne daran zu ersticken? Ich erinnere mich an meine Kindheit: Auch meine Mutter ist viele Jahre bei meinem Vater geblieben, weil sie sich nicht traute zu gehen. Als Zehnjährige fand ich das natürlich richtig, kein Kind möchte, dass die Eltern sich trennen, egal, wie sehr sie sich streiten. Aber Jahre später dachte ich: War es das wert? Wenn ich Bilder von meiner Mutter aus der Zeit damals sehe, erkenne ich sie kaum wieder, so verhärmt sieht sie aus. Natürlich sind Paare schon immer zusammengeblieben, aus Scham oder weil das Geld nicht reichte.

Was aber heute neu ist und was für viele Eltern schwer wiegt, ist das Wohl der Kinder, das sie immer häufiger über das eigene stellen. Wenn wir unseren Umgang mit unseren Kindern betrachten und den unserer Eltern früher mit uns, kann man vielleicht sagen: Wir lieben sie zwar nicht stärker, aber wir sorgen uns mehr. Helfen ihnen bei den Hausaufgaben (und schreiben das Referat auch mal selber), stehen laut anfeuernd auf Fußballplätzen (und meckern mit dem Trainer, wenn sie zu wenig spielen), orten sie über Apps, um sicher zu sein, dass es ihnen gut geht.

Die Folgen der "Helikopter"-Fürsorge

Diese "Helikopter"-Fürsorge hat auch Auswirkungen darauf, wie wir uns trennen. Mir fallen auf Anhieb drei Frauen ein, die sich entliebt haben und einen Weg suchen, der "sich okay anfühlt". Und bei allen hat das "Okay" was damit zu tun, dass die Kinder möglichst wenig leiden – wie bei meiner Freundin, die sich für das Verschweigen entschieden hat. "Bei vielen Eltern wächst der Wunsch, eine Trennung gut hinzubekommen. Das liegt auch daran, dass die Frage, wie es den Kindern geht, mehr Eltern beschäftigt", bestätigt die Scheidungsmediatorin Nadja von Saldern. In der Praxis führt diese Sorge um die Kids (zusammen mit dem Wunsch der Väter, mehr Zeit mit den Kinder zu verbringen, und der Angst der Mütter, den Zugriff auf ihre Kinder zu verlieren) zu neuen Modellen, wie das Familienleben nach der Trennung organisiert wird. Die Gemengelage hat sich verändert: mehr Gleichberechtigung, aktivere Väter, eine offenere Denke und neue Gesetze – wie das Unterhaltsrecht, das Frauen seit 2008 zwingt, sich selber zu versorgen.

Wenn Mama und Papa ihnen emotionslose Harmonie vorspielen ...

Das alles hat Folgen: Das klassische Residenzmodell wird seltener (48 Prozent der Kinder leben laut einer Allensbach-Umfrage ausschließlich, 25 Prozent überwiegend bei der Mutter). Rund zehn bis 15 Prozent der Eltern praktizieren bereits das Wechselmodell, bei dem sich Mutter und Vater die Betreuung teilen und die Kinder pendeln. Und mehr und mehr Eltern überlegen, wie die Kinder gar nicht oder möglichst wenig hin und her wechseln müssen: Zum Beispiel, indem sie weiter heimlich getrennt zusammenwohnen wie meine Freundin, offen in einer Familien-WG leben oder selber wechselweise pendeln in das Familien-Nest, wo die Kinder wohnen.

Wenn man sich umhört, stößt man auf viele solcher Geschichten: eine Kollegin, die auf dem Gehöft des Mannes in die Scheune gezogen ist, damit die Kinder nur über den Hof gehen müssen; eine Bekannte, bei der die Familie mit den neuen Partnern unter einem Dach wohnt. Aber diese neuen, sanften Trennungsmodelle werfen auch neue Fragen auf: Lernen Kinder überhaupt, wie eine echte Partnerschaft aussieht, wenn Mama und Papa ihnen emotionslose Harmonie vorspielen? Wie viel Offenheit brauchen sie? Lügen wir uns etwas vor, wenn wir denken, wir bleiben für die Kinder – obwohl wir in Wirklichkeit Angst haben, Einfluss abzugeben? Und was macht das eigentlich mit uns, unser Leben auf Stopp zu stellen?

Ich sehe einen Trend zum Überengagement, der sich auch in der Nachtrennungszeit fortsetzt, und ganz viel Fantasie bei den Eltern, wie die Trennung für die Kinder möglichst sanft gestaltet werden kann.

Der Psychologe Dr. Stefan Rücker von der Universität Bremen forscht im Auftrag des Bundesfamilienministeriums, mit welchen Konstellationen Kinder nach der Trennung am besten klarkommen. Über 1000 Elternteile hat er interviewt und stellt fest: "Ich sehe viele Eltern, die sehr belastet sind und alles richtig machen wollen. Ich sehe einen Trend zum Überengagement, der sich auch in der Nachtrennungszeit fortsetzt, und ganz viel Fantasie bei den Eltern, wie die Trennung für die Kinder möglichst sanft gestaltet werden kann."

Er hat bei seinen Recherchen auch viele individuelle Modelle kennengelernt: eine Familie, die zwei Wohnungen mit zwei Kinderzimmern in der Mitte und Ausgängen zu beiden Seiten bewohnt; eine Mutter, die in den Garten des Elternhauses ein zweites kleines Haus für sich gebaut hat. Einige Familien haben Wohnungen im selben Haus gemietet. Rückers Fazit: "Diese neuen Modelle, bei denen man weiter räumlich eng zusammenlebt, sind klasse, wenn sie funktionieren und die Ex-Partner sich respektvoll und friedlich begegnen." Aber, und das beobachtet der Psychologe auch: Es klappt nur, wenn beide mit der Beziehung abgeschlossen haben und Gleichgültigkeit an die Stelle der Liebe getreten ist. "Meistens ist es aber so, dass eine Seite sich löst und bei der anderen Person noch Gefühle wie Wut, Rache, Angst überwiegen."

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Kinder merken, wenn ihnen etwas vorgespielt wird

Für die Kinder ist vor allem das Verheimlichen einer Trennung problematisch: "Getrennt zusammenzuleben kann für die Erwachsenen klappen, wenn sie ihre Konflikte geklärt haben. Für die Kinder aber kann das ganz anders aussehen", warnt der Kinderpsychologe Dr. Claus Koch. "Je größer sie werden, umso besser verstehen sie die Zusammenhänge und kriegen dann unter Umständen das Gefühl, dass sich irgendetwas nicht echt anfühlt in ihrer Familie." Auch die Paar- und Familientherapeutin Dr. Sandra Konrad sieht in ihrer Praxis neue, flexible Modelle, relativ häufig das Nestmodell – Paare, die sich manchmal sogar eine Wohnung teilen und im Wechsel ins Haus zu den Kindern pendeln.

"Wenn man es sich leisten kann, ist das am Anfang eine gute Lösung, weil den Kindern kein Wechsel zugemutet wird und sie sanft an das neue Leben herangeführt werden", so Konrad. "Aber richtig Abstand bekommen die Ex-Partner nicht voneinander, wenn sie weiterhin in einer Wohnung wohnen, wenn auch zu unterschiedlichen Zeiten." Für Konrad hat diese Alles-zum-Besten-der-Kinder-Mentalität daher Grenzen: Entscheidend sei, dass beide Eltern das Modell wirklich leben wollen und damit auch zufrieden sind. "Inwiefern ist es gesund, wenn Eltern ihren Kindern vorleben, dass ihr Leben ein Opfer leben ist, weil sie ihre Bedürfnisse anderen unterordnen? Das schlimmste Modell ist, zusammenzubleiben, wenn man es nicht ist. Wenn man sich selber aufgibt, tut man niemandem einen Gefallen – auch nicht den Kindern. Sie merken das und entwickeln dann schlimmstenfalls Schuldgefühle."

Eltern, die in Trennungen zur übertriebenen Fürsorge neigen, rät Konrad, genauer zu schauen, welche Ängste eigentlich dahinterstecken: Verlust ängste bei der Mutter, nicht mehr die wichtigste Bezugsperson zu sein? Als Vater im Leben der Kinder keine Rolle mehr zu spielen und deshalb den Super-Dad herauszukehren? "Es ist toll, dass Eltern heute mehr auf das Kindeswohl schauen, aber sie sollten sich selbst dabei nicht vergessen", so Konrad. "Eine Trennung tut weh und ruft Ängste hervor, umso wichtiger ist es, bewusst gut für sich selbst zu sorgen, um sich zu stabilisieren."

Für die Kinder sind klare Sicherheitssignale wichtig

Auch meine Freundin hängt fest in diesem Zwiespalt zwischen ihrem Leben und dem ihrer Töchter. Sie sehnt sich nach Distanz, um vom Wir zum Ich werden zu können, aber dafür ist in ihrem Alltag kein Raum. An einen neuen Partner ist überhaupt gar nicht zu denken. "Ich will eigentlich ein neues Leben anfangen. Aber wie kann ich meine Gefühle über das Wohl der Mädchen stellen?", fragt sie. "Für die drei ist es am besten, wenn alles so bleibt, wie es immer war." – "Aber ist es denn so, wie es immer war?", frage ich. Sie seufzt resigniert. Es gibt viele offene Fragen, und nicht auf alle gibt es Antworten.

Auch Stefan Rücker mag nach den Recherchen für seine Studie keine generellen Empfehlungen für eine gelungene Trennung aussprechen – zu viele Faktoren spielten dabei eine Rolle. "Wir müssen die einzelnen Familien genau anschauen, um für jede das passende Modell zu empfehlen. Kindeswohl ist sehr komplex. Die Modelle haben dabei ihren Einfluss, aber wir überschätzen ihre Bedeutung." Wichtiger sei für die Kinder, dass sie klare Sicherheitssignale bekämen: Du musst dich nicht entscheiden. Du hast ein Zuhause. Du bist nicht schuld. "Dann kommen sie mit vielem klar, was die Eltern leben wollen", so Rücker. Er rät zu Mediationen, um in der Trennungsphase eine gute Lösung zu finden und Konflikte zu vermeiden. Denn, und das ist die Kehrseite der Entwicklung: Auch die Zahl der strittigen Gerichtsprozesse um das Umgangsrecht nimmt zu – um rund 40 Prozent innerhalb von zehn Jahren –, weil Väter nicht mehr aussortiert werden wollen oder Gefühle verletzt sind. Rücker fordert mehr beratende Angebote, auch für einkommensschwache Familien. Und eine bessere finanzielle Unterstützung, denn das Wechsel- und das Nestmodell seien in den meisten Einkommensgruppen kaum möglich: Weil es teuer ist, vor allem in den Städten, zwei große Wohnungen zu bezahlen.

Ehrlich zu sich selbst zu sein ist das erste Gesetz, um eine Trennung zu meistern

Es gibt also kein Patentrezept für eine Trennung. Aber es gibt Hilfsmittel: Gesetze, die sich auf die neuen Trennenden einstellen. Offenheit und Respekt, denn die neuen Modelle brauchen klare Regeln und Ehrlichkeit. Dazu gehört auch, ehrlich zu sich selber zu sein, sich einzugestehen, womit man leben kann und womit nicht. Meine Freundin zum Beispiel hat jetzt einen Termin bei einer Psychologin vereinbart, um ihrer Wahrheit näherzukommen. Manchmal kommt dabei auch heraus, dass das Ausharren nur der Zwischenschritt in ein neues Leben war. Meine Mutter hat sich doch noch getrennt, als ich 15 war, und ist mit ihrem neuen Partner glücklich geworden. Und eine andere Freundin lebt jetzt vier Tage getrennt zusammen mit ihrer Familie und drei bei ihrem Freund. Es geht ihr gut – und den Kindern auch.

Mehr wissen

* Weiterlesen: Sandra Konrad: "Liebe machen" (352 S., 11 Euro, Piper). Nadja von Saldern: "Glücklich getrennt" (256 S., 15 Euro, Ullstein Leben)

* Helfen: Unser Experte Dr. Stefan Rücker hat die Initiative "WE-Kids" gegründet, um u. a. Kindern aus Trennungsfamilien besser helfen zu können. Wer das Projekt unterstützen möchte, wendet sich gern per E-Mail an sruecker@uni-bremen.de

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BRIGITTE 15/2019

Wer hier schreibt:

Daniela Stohn
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