Der Sex, den ich nicht wollte

Jede Frau kennt die Situation: das Gefühl nach dem Sex, als wäre man zu weit gegangen, als hätte man seine Grenzen überschritten. Obwohl man es besser wusste. Aber irgendwie war es unfair, nein zu sagen. Geständnisse aus einer Grauzone.

"Ist es nicht unfair, jetzt Nein zu sagen?"

Tina*, 39, Single

Wer in Köln aufwächst, kennt die schmusenden Paare im Karneval, die sich gerade erst kennen gelernt haben. Ich gehörte nie dazu. Zwar feiere ich Karneval gern und wild, aber One-Night-Stands, noch dazu im Karneval, waren mir immer zu beliebig.

Vor zehn Jahren kam es anders: Ich traf Rainer in einer der Kneipen. Mir war schnell klar, dass er mehr wollte. Ich wollte das nicht, ließ mich aber auf einen Flirt ein, fing an, mit ihm zu knutschen, und hatte dabei plötzlich Lust, ihn zu erobern, mitzunehmen, bloß für eine Nacht. Es war der Triumph der Macht über einen anderen Menschen.

Heute finde ich schon widerlich, dass ich so dachte - erst recht, was dann folgte. Schon als wir die Kneipe verließen, schwand mein Wunsch nach Sex mit ihm, mir war plötzlich ganz klar, dass der Schritt falsch war. Gesagt habe ich es nicht. Rainer war ja nett, es tat mir leid, ihn nun, nach der Aussicht auf Geschlechtsverkehr, wieder abzuwimmeln. "Wäre das nicht ein Arschloch-Verhalten?", fragte ich mich, während wir nebeneinander hergingen und er fröhlich meine Hand nahm und hin- und herschaukelte.

Brief an alle "hässliche Frauen"

Ich suchte in meinem Kopf nach Formulierungen, um das Ende doch noch abzubiegen, aber mein Kopf war damit beschäftigt, mich selbst in Frage zu stellen. Was machte ich da? Ich fühlte mich nur noch unwohl. Rainer erzählte auf dem Weg ein paar Geschichten, schien nicht zu merken, dass ich schweigend zu Boden guckte und ihm alles andere als zugewandt war. Ich ermahnte mich selbst, mich nicht so anzustellen: Könnte ich nicht Sex haben wie die Männer, die doch immer sagen, sie könnten zwischen Sex und Liebe unterscheiden,und einfach den Akt genießen?

Wir gingen zu mir, zogen uns schnell aus und legten los. Es war wohl der schlechteste Sex meines Lebens: Rainer beeilte sich, wenn mir nach langsamen Bewegungen war, und stoppte, sobald es für mich interessant wurde. Ich begann, wütend auf ihn zu werden. Wütend auf mich. Was sollte der Kerl auf mir? Warum feierte ich nicht in der Bar, in der die Stimmung so gut gewesen war? Warum hatte ich bloß nicht den Mund aufgemacht und das hier verhindert? All das ging mir durch den Kopf, während sich Rainer auf mir abmühte und nichts in mir auslöste.

Aber es war nicht die Art von Sex, die mich wütend machte, ich wurde aggressiv, weil ich mich selbst in der Rolle nicht ertrug. "Hör auf!", rief ich dann irgendwann aufgebracht. "Geh bitte!" Rainer stoppte verständnislos, und weil er mich beim Anziehen immer noch lieb ansah, hätte ich ihm fast eine geknallt. Ich erkannte mich überhaupt nicht wieder. Zwar hatte ich nun für den Abbruch gesorgt, aber viel zu spät.

Ich brachte ihn zur Tür. "Sehen wir uns wieder?", fragte er an der Türschwelle. Auch das noch. "Eher nicht", sagte ich. Und in meinem Kopf hämmerte es: "Geh weg! Lass mich in Ruhe!" Ich schloss die Tür, rutschte auf den Boden und heulte. Ich musste duschen, weil ich mich selbst so eklig fand. Wie hätte es geendet, wenn der Mann darauf bestanden hätte, zu Ende zu bringen, was wir begonnen hatten? Heute sage ich lieber einmal zuviel: "Nein!".

*Alle Namen von der Redaktion geändert

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