Erwartungen in der Liebe lassen uns scheitern

Liebe ist die Antwort auf alle Fragen? Nicht ganz. Sie stellt auch ziemlich viele. Psychologe und Paartherapeut Oskar Holzberg beantwortet sie.

Kurz gesagt:  Ansprüche, Ansprüche, Ansprüche ...

Jetzt mal ausführlich: Der amerikanische Psychologe Prof. Barry Schwartz hat zwei unterschiedliche Herangehensweisen beschrieben, mit denen Menschen versuchen, ihre Bedürf­nisse zu erfüllen: Er unterscheidet in "Maximierer" und "Befriediger". Maximierer versuchen grundsätzlich, das wirklich Optimale zu finden. Wenn Maximierer ein neues Paar Sneaker kaufen wollen, klicken sie sich im Internet durch sämtliche Empfehlungen, Mode­ Blogs, Testberichte und klappern alle erreichbaren Läden ab. Sie wollen das für sie absolut perfekte Modell finden. Den Befriedigern dagegen reicht es - wie der Name schon sagt -, wenn ihre wichtigs­ten Bedürfnisse befriedigt werden. Sie schauen sich vielleicht ein paar Angebote im Netz an, gehen in ein oder zwei Geschäfte und entscheiden sich dann für das Modell, das ihren Vorstellungen am ehesten genügt. Sie möchten finden, was sie zufrieden macht.

Wir suchen immer nach etwas Besserem

Unsere überbordende Konsumwelt macht uns allerdings alle tendenziell zu Maximierern. Denn sie fordert uns auf, uns eben nicht zufriedenzugeben, sondern immer wieder nach dem noch Schöneren, Neueren, Besseren zu suchen. Und wie wir durch Soziologin­nen wie Eva Illouz wissen, unterliegen mittlerweile auch die Liebe und unsere Partnerwahl diesen Gesetzen des Kon­sums. Wir geben eine Liebesbeziehung heute weniger deshalb auf, weil wir in ihr so unglücklich sind - wir geben sie auf, weil wir uns immer eine noch viel bessere vorstellen können. Genau aus diesem Grund lassen wir Beziehungen schon scheitern, bevor sie überhaupt eine Chance hatten. Wir sind so überzeugt davon, genau zu wissen, was wir brauchen, dass uns schon die falsche Boxershorts, der falsche Beruf oder ein halber Tag ohne Herzchen­-Emojis am anderen zweifeln lassen. Da beenden wir lieber eine gerade aufkeimende Beziehung, bevor sie richtig begonnen hat.

Wir stellen Ansprüche gegen Ansprüche

Hinter solchen Ansprüchen verbergen sich unsere Ängste, uns wirklich einzu­lassen und enttäuscht zu werden. Liebe tut weh, vor allem, wenn sie scheitert. Diese Schmerzen möchten wir ver­hindern, indem wir uns nur auf das einlassen, was scheinbar all unsere Wünsche ganz sicher erfüllt. Und da alle anderen genauso anspruchsvoll unterwegs sind, werden wir noch vorsichtiger. Schließlich sind wir ja auch selbst davon bedroht, den Ansprüchen des anderen nicht zu genügen. Also stellen wir unbe­wusst Ansprüche gegen Ansprüche und achten erst recht darauf, ob der Kandi­dat auch alle Bedingungen erfüllt. Doch die Wirklichkeit hält mehr für uns bereit, als unsere anspruchsvollen Vorstellungen behaupten. Denn vorstellen können wir uns ja nur, was wir kennen. Oder was wir als Beziehungs­fantasie zwischen Hollywood und dem vermeintlichen Traumpaar unseres Bekanntenkreises entwickeln konnten.

Sich von Ansprüchen lösen ist meist Schlüssel zum Glück

Ansprüche und Vorstellungen aber verhindern Beziehungen. Wenn wir uns nicht durch unsere Ansprüche einengen lassen, sondern offen auf das zugehen, was uns fasziniert und gefällt, öffnet sich die Welt - und Liebesbeziehungen werden möglich. Sabine fand ihren Partner erst, nachdem sie sich in den sozialen Netzwerken auch für andere Männer als die mit dem prächtigen Unterkiefer und noch prächtigeren Job interessierte. Clara fand erst eine befriedigende Partnerschaft, als sie sich über ihr Beuteschema hinwegsetzte und stattdessen den wählte, von dem sie sich am besten verstanden fühlte. Wenn wir aber in unseren Ansprüchen verhaftet bleiben, dann ist das der sicherste Weg, um immer alles enden zu lassen, bevor es wirklich losgeht.

Oskar Holzberg, 66, berät seit mehr als 20 Jahren in seiner Hamburger Praxis Paare. Haben Sie auch eine "Frage der Liebe" an Oskar, die er in dieser Kolumne beantworten soll? Dann schreiben Sie bitte an oskar@brigitte.de

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BRIGITE 09/2019

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