Gewalt in der Beziehung: "Ich konnte mir nicht leisten, es zu hinterfragen"

Schläge, sexuelle Übergriffe und sogar Mord: Jede vierte Frau hat schon mal Gewalt durch ihren Partner erlebt - und schweigt darüber meistens. Warum passiert so etwas? Eine persönliche Geschichte von BRIGITTE-Autorin Antje Joel – die auch lange schwieg.

Dies ist die Geschichte alltäglicher Gewalt

Es ist die Geschichte, wie ich mich von einem Mann (und später von einem anderen) erniedrigen ließ. Mit Blicken, Worten, Fäusten.

Sex: So stellt ihr fest, ob ihr wirklich einen Orgasmus hattet

Er war nicht irgendein Mann. Er war, wie man so sagt, "meiner". Ich war 16, als ich ihn kennenlernte, in einem Café. Er war 26. Es war jene Liebe auf den ersten Blick. Er hatte nie zuvor eine getroffen wie mich. Nie zuvor so gefühlt. Für keine! Ich war die Frau seines Lebens. Das erzählte er mir gleich am ersten Tag.

Sechs Monate später zogen wir zusammen. Er schlug mich da schon. Und selbstverständlich schlug er mich weiter. Durch unsere ganze große, einzigartige Liebe hindurch. Während der ich ihn heiratete und zwei Kinder von ihm bekam.

Als es vorbei war, war ich 22. Sechs Jahre, das ist keine sehr lange Beziehung. Es war nur, unter den Umständen, eine halbe Ewigkeit. Und es gibt Frauen, die ertragen so eine "Liebe" viel länger. 25, 30 Jahre sind keine Seltenheit.

Jede vierte Frau erlebt Gewalt durch  Beziehungspartner

Die aktuelle #MeToo-Debatte zeigt, dass sexuelle Übergriffe in unterschiedlichster Form auch weiterhin Alltag sind. Und dass Frauen kaum je darüber reden.

Laut Bundesfamilienministerium hat beinahe jede zweite Frau in Deutschland seit ihrem 16. Lebensjahr eine Form körperlicher und/oder sexueller Gewalt erlebt. Jede vierte Frau erlebt Gewalt durch aktuelle oder frühere Beziehungspartner. 13 Prozent haben seit dem 16. Lebensjahr eine strafrechtlich relevante Form sexueller Gewalt erfahren. Jede zweite Frau in Deutschland erlebt psychische Gewalt wie Einschüchterung, Verleumdung, Drohungen und anderen Psychoterror.
Und es geht noch weiter:

Im Jahr 2016 starben laut Bundeskriminalamt in Deutschland 149 Frauen durch die Hand ihres Partners oder Ex-Partners.

In den anderen westlichen Ländern herrschen ähnliche Zahlen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nennt Gewalt daher eines der größten Gesundheitsrisiken für Frauen weltweit. Nach ihrer Einschätzung sind nicht dunkle Gassen und verlassene Parks die gefährlichsten Orte für Frauen. Es ist die Familie. 

Die Autoren der britischen Internetseite "Hiddenhurt", versteckter Schmerz, zählen 20 Verhaltensmuster des gewalttätigen Mannes auf. 20 frühe Warnhinweise, dass der neue Freund mit ziemlicher Sicherheit zuschlagen oder anders gewalttätig sein wird. Manche sind eindeutig. Andere von tückischer Mehrdeutigkeit. Beide Männer, mit denen ich verheiratet war, erfüllten jedes der Kriterien.

Eins davon ist, das wird kaum überraschen, "eine negative Einstellung gegenüber Frauen". Meine Männer sprachen beide respektlos und negativ über ihre früheren Frauen. Sie taten es aber auf eine Art, die ich als Frau positiv empfand. Für mich. "Hiddenhurt" schreibt: "Die Männer erzählen Ihnen vielleicht, dass Sie etwas Besonderes sind, nicht wie die anderen, und dass sie sich als den glücklichsten Mann der Welt schätzen, weil sie die einzig tolle Frau gefunden haben."

Dass ich auch darauf hereinfiel, finde ich besonders beschämend. Für mich. Und für die vielen Mitfrauen, die sich, ähnlich wie ich, mit dem eigenen Selbsthass an der Nase herumführen und führen lassen. Ich schäme mich, weil ich weiß: Wir tragen so nicht nur zu unserem eigenen Unglück bei.

Nicht dunkle Gassen und verlassene Parks sind die gefährlichsten Orte für Frauen. Es ist die Familie

Während des US-Wahlkampfes im vergangenen Jahr wurde bekannt, dass der Kandidat Donald Trump sich wiederholt aggressiv gegenüber Frauen verhalten hatte. Das heißt: Bekannt war es schon vor dem Wahlkampf. Seiner Kandidatur hatte es nicht im Weg gestanden. Später wurde eine Tonaufnahme öffentlich, in der Trump gegenüber einem Reporter beim Anblick einer Schauspielerin unter anderem Folgendes äußert: "Ich schmeiß besser ein paar 'Tic Tac' ein, für den Fall, dass ich anfange, sie zu küssen. ... einfach küssen. Ich warte gar nicht ab. Wenn du ein Star bist, lassen die (Frauen) dich das machen. Da kannst du dir alles erlauben."

Der Reporter fragt daraufhin kichernd: "Was immer man will?" Und der Kandidat: "Grapsch sie an der Muschi, du kannst dir alles erlauben."

Der Mann ist heute Präsident. Gewählt auch von vielen Frauen, die sich anderen Frauen dadurch überlegen fühlten: Sie waren keine Mimosen. Keine "hässlichen Feministinnen". Sie konnten "Spaß verstehen". Und Männer.

Auch die absolute Gewissheit, dass der Mann "die ganz große Liebe" ist, zählt zu den Alarmzeichen.

Auch die augenblickliche, absolute "Gewissheit", dass dieser Mann "die ganz große Liebe" ist, und seine Beteuerungen, dass es ihm umgekehrt ganz genauso geht, zählen zu den 20 Alarmzeichen. Ich dachte bei beiden Männern, dass es das sei, was ich fühlte. Ich glaubte, das müsse so sein. Man müsse so und nicht anders empfinden, wenn man sicher sein wollte, dass einer "der Richtige" war. Wahr ist: Beide Männer waren darum richtig für mich. Auf schrecklich falsche Weise.

Um dieses Muster zu ändern, begann ich eine Therapie. Das fiel mir nicht leicht. Ich bin niemand, der eine Therapie braucht. Ich bin doch nicht meschugge. Oder schwach, oder hilflos. Oder anderswie klein. Therapien sind für andere Menschen. Für solche, die's nötig haben. So war ich aufgewachsen. Und ich denke nicht, dass dafür allein meine Eltern verantwortlich sind. Therapiebedürftig zu sein, ist in Deutschland nicht cool. Es bleibt eine Art Schimpfwort: "Du brauchst echt einen Psychologen!" - "Die gehört auf die Couch!" Ich denke: Wir sind nicht sehr gut mit Emotionen. Nicht mit denen, die wir als "negativ" abgestempelt haben. Wie Schwäche. Und Angst.

Ich wollte nicht diese Frau sein: klein, hilflos, kläglich

Von meiner zweiten Scheidung bis zu meiner Therapie brauchte ich fünf Jahre. Und einen Umzug ins Ausland. Vielleicht hat es geholfen, dass ich über mich und meine Schwächen in einer anderen Sprache sprechen konnte. Vielleicht war ich so weiter von mir entfernt. Gott sei Dank ließ sich die Distanz nicht aufrechterhalten. Dafür dauerte die Therapie zu lange.

Damit ich sie begann, brauchte es außerdem die nächste Beinahe-Beziehungskatastrophe. Dass ich ihr entkam, lag nicht daran, dass ich in letzter Sekunde das Ruder rumriss. Ich suchte den Therapeuten nicht auf, um mich gerade noch eben vor diesem Mann zu bewahren. Ich ging erstmals zur Therapie, tränenüberströmt, weil der Mann mich fallen gelassen hatte. Ich weinte: "Ich glaube nicht mal, dass er mich mochte." - "Wie kommen Sie darauf?", fragte der Therapeut. "Er suchte geradezu nach Fehlern. So sehr ich mich auch bemühte, ich konnte nie irgendetwas richtig machen." Der Therapeut schaute amüsiert. "Und Sie wollten trotzdem mit ihm zusammen sein?" Ich rief: "Nicht trotzdem. Sondern deswegen!" Und dann lachten wir beide. Obwohl das natürlich alles andere als lustig war.

Ich erzähle diese Geschichte auch, weil jede zweite Frau über den häuslichen Terror, den sie erleidet, schweigt. Ich selbst schwieg die längste Zeit, aus verschiedenen Gründen. Einer war Scham. Ich schämte mich für meine Erbärmlichkeit, so empfand ich es. Ich wollte nicht diese Frau sein. Klein, hilflos, kläglich. In meiner Vorstellung war ich eine ganz andere Frau. Vielleicht hätte ich mich als Geschlagene noch ertragen. Die Schläge waren nicht das Schlimmste. Der schlimmste Teil in einer Gewaltbeziehung ist die Abhängigkeit. Das Gefühl, dass, wie sehr die Schläge auch schmerzen, es mehr schmerzen wird, wenn der Mann geht. Auf keinen Fall wollte ich diese Frau sein, die, statt gegen ihn aufzubegehren, sich ihrem Schläger bettelnd zu Füßen wirft. Die, statt zu gehen, ihn anfleht, sie nicht zu verlassen. Ich war genau diese Frau.

"Ich schlage nur dich", hat mein erster Mann zu mir gesagt, wenn er mich wieder grün und blau geprügelt hatte

Ich schwieg, weil ich mich fürchtete. Vor meinen Eltern, Freunden, Arbeitskollegen. Vor Stirnrunzeln und Kommentaren. Ich fürchtete mich vor der immer gleichen Frage: "Warum?" So, als könnte es ein Darum geben. Einen Grund für Schläge. Und, wenn es den nicht gab, warum ließ ich mir das gefallen? Warum glaubte ich mich von diesem Mann abhängig? Ich war doch nicht so. Ich präsentierte mich doch als eine ganz andere Frau: kühl, clever, selbstbewusst. Ich präsentierte mich so nicht, um mein Umfeld zu täuschen. Ich glaubte, dass ich diese andere Frau war. Und ich war die Frau auch. Ganz sicher gab es, damals schon, diesen Teil von mir. Irgendwo in mir drinnen. Hätte es ihn nicht gegeben, wäre ich vielleicht nicht mehr hier.

"Ich schlage nur dich", hat mein erster Mann zu mir gesagt, wenn er mich wieder grün und blau geprügelt hatte und wir, ein paar Stunden darauf, einander in den Armen lagen. Es war seine Art der Liebeserklärung an mich. Das Versprechen meiner Einzigartigkeit und der Einzigartigkeit unserer "Liebe". Ich konnte mir nicht leisten, es zu hinterfragen. Auch darin, das weiß ich heute, war ich nicht allein. Es ist ein Merkmal vieler gewalttätiger Beziehungen, dass die Partner sie "gewöhnlichen, langweiligen" Beziehungen für überlegen halten. Aber hätte ich das damals schon gewusst, hätte das irgendetwas geändert?

Meinen zweiten Mann, der mich (anfangs) nicht schlug, hielt ich bereitwillig für den "Mann meines Lebens". Für die subtilere Art seiner Gewalt war ich blind. Ich nehme an, einerseits, weil es eine Form der Gewalt war, der ich meine Kindheit über ausgesetzt gewesen und die mir darum vertraut war. Also: gefährlich normal. Andererseits war ich überzeugt, die Mechanismen der Gewalt durchschaut und mich aus ihrem Hexenkreislauf befreit zu haben. Ich hatte unter andrem Robin Norwoods Klassiker "Wenn Frauen zu sehr lieben - Die heimliche Sucht gebraucht zu werden" gelesen und fühle mich blöde gewappnet.

Ich schätzte meinen Wert gleich null und war mir dessen nicht mal bewusst

Was ich nicht sah, war, dass ich mich nicht wirklich verändert hatte. Ich war noch immer dieselbe, die ich in meiner Ehe (und vorher) gewesen war. Innen drin. Kein Mensch ändert sich innerhalb anderthalb Jahren. Schon gar nicht ohne Therapie. Mein angelesenes Begreifen war nach außen gerichtet. Ich verstand auf einer Metaebene die Zusammenhänge häuslicher Gewalt. Ich wusste, warum "Frauen" auf "bestimmte Typen" hereinfallen. Mit mir hatte das noch immer nicht wirklich etwas zu tun. Wenn überhaupt, dann betraf es mich nur als "Überlebende". Ich hielt für unmöglich, dass ich noch einmal an einen Schläger geriet. Oder, wäre mir bewusst gewesen, dass es das gibt, an einen sonst wie gewalttätigen Mann.

Tatsächlich war ich anfälliger als je zuvor. Ich war 23 und geschieden. Ich hatte zwei Kinder, drei und anderthalb Jahre alt. Mein Exmann war gleich, nachdem ich ihn verlassen hatte, verschwunden. Ich hatte keine Ausbildung, keine Arbeit. Was, wie ich von meinen Arbeitereltern gelernt hatte und jetzt wiederholt von ihnen zu hören bekam, beschämend war. Ich fürchtete mich davor, finanziell nie "auf die Beine" zu kommen. Ich wollte studieren. Was eine gute Sache war, nur die Aussicht, das ohne Unterstützung, mit zwei kleinen Kindern schaffen zu müssen, machte mir Angst.

Ich sah mich oft an meinen Grenzen und - schlimmer - ausgeschlossen von der scheinbar allgegenwärtigen Familienglückseligkeit. Ich ging mit meinen Kindern zum Bastelnachmittag der katholischen Kirche und heulte, wenn ich am Abend mit ihnen allein in meiner Altbauwohnung saß. Ich fürchtete, auch sozial nie wieder auf die Beine zu kommen. Ich dachte: Wer nimmt schon eine 23-jährige Geschiedene mit zwei Kindern? Ich schätzte meinen Wert gleich null. Und war mir dessen nicht mal bewusst. Ich kann die Erleichterung kaum in Worte fassen, die ich empfand, als noch mal einer kam, der mich wollte.

Warum so viele Frauen schweigen

Der Wert einer Frau wird auch heute zu einem großen Teil daran bemessen, wie "liebenswert" sie ist. In erster Linie: für Männer. Auch Frauen bemessen daran den Wert anderer Frauen. Und ihren eigenen. Auch die Vorurteile sind geblieben und mit ihnen das Stigma. Frauen, die von ihrem Partner geschlagen werden, werden weiter in unsägliche Ecken gedacht: klein, dumm, ungebildet. Oder masochistisch: "Die müssen doch daran Gefallen finden!" - "Fifty Shades Of Grey" lassen grüßen. Auch so kommt es, dass Frauen schweigen. Dass Frauen sich selbst (und andere Frauen) im Stich lassen, indem sie schweigen.

Als ich kürzlich in einem Laden stand, kam ein betrunkener Mann hereingetorkelt. Rempelte Kundinnen an, grölte: "Fickt euch ihr Fotzen". Die Ladenbesitzerin sah auf und ab, hin und her. Frauen senkten den Blick. Ich starrte ihm ins besoffene Gesicht. Zittrig, zornig. Ich sagte: "Sie müssen gehen!" Er rempelte an mir vorbei, schmiss einen Damenhut auf den Tresen, fragte: "Wie viel für den Scheiß?" - "Fünf Euro", sagte die Ladenbesitzerin schnell. Ich sagte drängend, jetzt zu ihr: "Er muss raus!" Sie schnappte zurück: "Ich bediene ihn, damit er geht. Das werden Sie wohl verstehen!" Anschließend würdigte sie mich keines Blickes mehr, keines einzigen Wortes. Was ich verstand war, dass nicht er, sondern wieder mal ich der Störenfried war. Und ich fühlte mich sehr allein.

Antje Joel ist freie Autorin und bekannt dafür, dass sie sehr offen über Tabuthemen schreibt. Nach all ihren Erfahrungen lebt sie mittlerweile seit 15 Jahren glücklich als Single. Derzeit noch zusammen mit zwei ihrer Kinder und einem Enkelkind. 

Ihr braucht Hilfe? Gewalt gegen Frauen: Das Hilfetelefon bietet Unterstützung - rund um die Uhr!

 

BRIGITTE 03 / 2018

Wer hier schreibt:

Antje Joel