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Heirat ohne Liebe

Frau in rosa Kleid mit Verlobungsring
© Anna Dobrovolskaya / Shutterstock
Donnerstagnacht, 2.35 Uhr. Ich habe gerade meiner Freundin geraten, einen Mann zu heiraten, den sie nicht liebt. Ich habe keine Zweifel, dass diese Entscheidung richtig ist.

"Hör zu", sagt Anika, nachdem sie ohne Begrüßung drei Rotweinflaschen und zwei Take-away-China-Menüs auf meinen Küchentisch geschleudert hat. "Frank hat mir gestern Abend einen Heiratsantrag gemacht." "Und", frage ich vorsichtig, während ich den Wein entkorke, "wo ist das Problem?" "Ich liebe ihn nicht", sagt Anika.

Auf eine so existenzielle Antwort war ich nicht gefasst. "Warum bist du dann mit ihm zusammen?", frage ich. "Weil wir eine wunderschöne Zeit haben, weil wir uns bestens verstehen, guten Sex haben, weil ich ihm vertraue, weil wir zusammen lachen können...", Anika trinkt einen großen Schluck Wein, "...und weil er einfach mein bester Freund ist." "Das ist eindeutig mehr, als viele andere Paare von sich behaupten können", sage ich. "Ja", antwortet Anika, "aber kann man einen Mann heiraten, ohne ihn zu lieben - und zwar im romantischen Sinne?"

"Ich habe Angst, dass das nicht reicht", antwortet Anika. "Und gleichzeitig fürchte ich, meine Ansprüche sind zu hoch." Die China-Menüs sind inzwischen kalt, ich stochere in den klebrigen Bratnudeln und muss plötzlich an die Schwester meines Freundes denken.

Sie war jahrelang mit einem Chirurgen zusammen, der alles für sie tat, der mit ihr bis zum Mond gereist wäre und zurück. Aber sie behauptete, ihn nicht zu lieben. Irgendwo da draußen, dachte sie, wartet noch etwas Größeres. Das war dem Chirurgen irgendwann zu dumm. Heute ist sie 42, von ihren geplanten zwei Kindern weit entfernt, den Traummann hat sie noch nicht gefunden, und dem Chirurgen weint sie hinterher. Aber der hat natürlich längst eine andere.

"Vielleicht erkennen wir die Liebe manchmal tatsächlich nicht, weil wir viel zu viel erwarten", sage ich zu Anika. Weil wir Liebe immer mit Aufregung, Leidenschaft und großem Drama gleichsetzen. Aber das Leben ist nun mal kein Ausnahmezustand.

Wenn wir als Paar leben wollen, müssen wir akzeptieren, dass in langen Beziehungen die Leidenschaft an Bedeutung verliert und Freundschaft an ihre Stelle tritt. Liebe verändert sich. Warum ist es so schwer, sich für den Menschen zu entscheiden, dessen Gesicht wir morgens besser ertragen können als das vieler anderer Menschen? Muss das verdammt noch mal immer gleich die große Liebe sein?

"Tu es", sage ich zu Anika, vor uns drei leere Weinflaschen, "heirate Frank."

Glücklich ohne Liebe? In der Nacht träume ich von Hochzeitskleidern. Ich wache auf, Lars schläft neben mir. Gut riechend und warm und vertraut. Ich muss an unsere ersten Wochen denken, sie liegen Jahre zurück. Daran, wie richtig es sich mit ihm angefühlt hat. Plötzlich hatte ich nicht mehr das Gefühl, noch andere Optionen austesten zu müssen. Ich wollte Lars. Nicht, weil es der bequemste Weg ist, sich Ende zwanzig für einen Menschen zu entscheiden, mit dem man ein halbwegs nettes Leben führen kann. Und nicht, weil man halt irgendwann mal zufrieden sein muss mit dem, was man hat.

Denn Zufriedenheit ist kein Glück. Zufriedenheit ist ein Zustand, mit dem es sich eine Zeitlang passabel leben lässt.

Ich wollte Lars, weil ich mir sicher war, dass ich ihn liebe. Ich kann nicht mehr schlafen und tapse in die dunkle Küche. Am Kühlschrank hängen Fotos. Lars und ich am Meer, Lars und ich auf Sardinien. Lachend. Glücklich. Zufriedene Beziehungen sind nur ein scheinbar glückliches Konstrukt, das man sich baut, wenn man verleugnen will, dass die Liebe einen auch diesmal nicht erwischt hat. Die Lebenslüge lässt sich verdichten, bis die Sehnsucht nach großen Gefühlen nur noch ein leises Flüstern ist, das dann bald vom Babygeschrei übertönt wird.

Mir wird ganz elend. Haben Anika und Frank es verdient, als Kompromiss zu enden? Hat nicht jeder ein Recht auf Liebe? Und hat nicht jeder Mensch das Recht, geliebt zu werden? Auch Frank? Ist eine Hochzeit ohne Liebe nicht ein riesengroßer Selbstbetrug? Ich habe mich geirrt. Ich muss Anika anrufen, gleich morgen früh.Freitag, 7.25 Uhr. Ich werde sie wecken. Sie wird genervt sein. Egal. Hier geht es um eine ganz große Geschichte. "Anika", sage ich, "mir sind gestern Nacht noch ein paar sehr wichtige Dinge eingefallen."

Freitagmorgen, 7.45 Uhr. Ich habe gerade meiner Freundin geraten, ihren Freund nicht zu heiraten. Und weiß nicht so genau, ob diese Entscheidung richtig ist.

Nikola Haaks

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