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Heiraten in Las Vegas Warum durchbrennen meine Hochzeitsträume übertroffen hat

Heiraten in Las Vegas: Warum durchbrennen meine Hochzeitsträume übertroffen hat
© f11photo / Shutterstock
Hätte mir früher jemand erzählt, ich würde einmal in Las Vegas meinen Traummann heiraten, ich hätte ihn/sie für verrückt erklärt. Zwei Jahre ist es nun her, dass ich genau das getan habe – und ich würde es immer wieder tun.

Ich liebe Hochzeiten in allen Formen und Varianten – groß, klein, romantisch, üppig, persönlich, luxuriös, pompös, am Strand, in einer Scheune oder in stylischen Event-Locations. Dank meiner Familie und meines Freundeskreises durfte ich so ziemlich alles davon schon einmal erleben. Und obwohl mich gerührte Brauteltern, emotionale Bräutigame am Altar und erste Hochzeitstänze jedes Mal aufs Neue hemmungslos mitheulen lassen, fühlte sich eine solche Feier für uns irgendwie nicht richtig an. Mein Mann, Brite und selbst Hochzeitssänger, und ich konnten oft genug beobachten, ob als Gast oder Trauzeugen, wie stressig die Vorbereitungen einer solch großen Hochzeit sein konnten, wie viel Arbeit und vor allem Geld darin stecken würde. Hinzu kam die für uns schier unlösbare Frage nach dem "Wo", denn mit Familie und Freunden in Großbritannien und Deutschland hätte die Hälfte der Gäste eingeflogen und in diversen Hotels untergebracht werden müssen. Da Heiraten für uns beide weder dringend noch ein Muss war, legten wir das Thema also erst einmal ad acta. 

Ein unvorhergesehenes Ereignis führte uns nach Las Vegas

Ein ganz und gar unromantisches Ereignis ließ uns diesen Entschluss jedoch noch einmal überdenken. Ich sage nur ein Wort: Brexit! Ende 2018, wir planten gerade einen Roadtrip in den USA, geriet unsere kleine, glückliche Welt durch einen Volksentscheid der Briten plötzlich ins Wanken. Noch war völlig unklar, welche Konsequenzen dies für uns haben könnte. Um die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen zu können, hatte mein Mann noch nicht lange genug in Deutschland gelebt. Eine Heirat wäre die Lösung! Aber unter diesen Umständen und unter Zeitdruck? Dann ging uns ein Licht auf. Die Lösung lag direkt vor uns: Las Vegas

Unsere dreiwöchige Amerikareise sollte in Los Angeles beginnen und enden. Die Flüge waren bereits gebucht, die Route über den Yosemite National Park, San Francisco und zurück über den berühmten Highway 1, über Monterey vorbei am Big Sur und nach Santa Barbara war soweit geplant. Eine Stippvisite in Las Vegas war nicht vorgesehen, aber plötzlich total naheliegend. 

Nun würde ich gerne sagen, dass es genau so ist, wie es in Hollywood so gerne dargestellt wird: Man fährt in einer pinkfarbenen Limousine spontan und leicht beschwipst vor die "Little White Chapel", gibt sich vor Elvis das Jawort und lässt es anschließend im Casino so richtig krachen. Ganz so spontan sieht die Realität nicht aus. Es ist ein bisschen Recherche und Vorbereitung gefragt. Welche Kapelle soll es werden – ich habe es gerne unkitschig, was die Hälfte der Chapels in Las Vegas schon mal ausschließt – und hat die Auserwählte dann auch einen Termin frei? Möchten wir uns von einem Elvis-Imitator trauen lassen oder doch lieber von einem Reverend? Wir entschieden uns – ebenfalls aufgrund meiner Kitsch-Abneigung – für letzteren. Und: Man braucht für eine Las-Vegas-Hochzeit einen Trauzeugen, der allerdings auch über die Kapelle gemietet werden kann. Ein Fakt, der mich bis heute zum Schmunzeln bringt. Wer wäre es geworden? Der Hausmeister? Der Gärtner? 

Vor der Hochzeit muss vor Ort im Marriage License Bureau eine Heiratslizenz ("marriage license") beantragt werden, die man glücklicherweise nach Vorlage der Reisepässe und dem Ausfüllen eines Formulars sofort erhält. Dann steht der "spontanen" Vermählung nichts mehr im Wege. 

Plötzlich fiel unser Trauzeuge aus

Wir weihten kurz vorher nur unsere engsten Mitmenschen ein. Mein Schwager zögerte nicht lange und buchte direkt einen Flug, um als unser Trauzeuge dabei zu sein. Mein Hochzeitskleid, wadenlang, rückenfrei, mit Tüllrock und Pailletten – es ging immerhin nach Las Vegas – schoss ich günstig über einen Onlineshop. Die alten, silbernen Stilettos warteten schon eingelaufen im Schrank auf ihren erneuten Einsatz. Dann ging es los: Viva Las Vegas!

Vor dem Flug über den großen Teich legten wir einen Zwischenstopp für eine Hochzeit von Verwandten in London ein. Dann der Schock: Der Bruder meines Mannes, unser Trauzeuge, kam uns mit zwei eingegipsten Armen entgegen. Bei einem Fahrradunfall hatte er sich beide Handgelenke gebrochen, musste auf einen OP-Termin warten und durfte nicht fliegen. Wir aber saßen am nächsten Tag wieder im Flieger – ohne Trauzeugen. Hoffentlich hatte der Gärtner noch nichts vor. Nach elf Stunden Flug, in denen keiner von uns ein Auge zumachte, landeten wir gegen 22 Uhr am Flughafen von Los Angeles. Insgesamt zwei Stunden und diverse Körper- und Gesichtsscans, Passkontrollen und Gepäckschlangen später hielten wir endlich den Autoschlüssel unseres Leihwagens in der Hand: ein quietschgelbes Ford Mustang Cabrio.

In Las Vegas sagten wir "I do"

Vom Los Angeles International Airport nach Las Vegas sind es etwa viereinhalb Autostunden. Angesichts der Tatsache, dass wir gefühlt seit zwei Tagen nicht mehr geschlafen hatten, zog sich der lange Weg auf dem Highway schier endlos hin. Dann jedoch sahen wir am Horizont das Glitzern der Stadtlichter von Las Vegas und unsere Herzen hüpften. Gegen vier Uhr nachts fielen wir in unserer Hotelsuite in Fremont, dem alten Teil von Las Vegas, völlig übermüdet ins Bett, um nur wenige Stunden später bereits im Marriage License Bureau unsere Lizenz zum Heiraten zu beantragen. Alles verlief reibungslos und so langsam realisierten wir: Wir werden gleich heiraten!

In der "Wee Kirk o' the Heather" auf dem Las Vegas Boulevard gaben wir uns das Jawort.
In der "Wee Kirk o' the Heather" auf dem Las Vegas Boulevard gaben wir uns das Jawort.
© evenfh / Shutterstock

Zurück im Hotel schlüpften wir in unsere Hochzeitsoutfits. Die Vorfreude und Aufregung ließ uns die wenigen Stunden Schlaf völlig vergessen. Rettung für unser plötzliches Trauzeugenproblem nahte in Form einer Freundin, die ebenfalls gerade in den USA urlaubte. Mit unserem quietschgelben Mustang fuhren wir pünktlich um 14 Uhr zu unserer Kapelle. Die "Wee Kirk o' the Heather" war (sie wurde im Oktober 2020 leider abgerissen) die älteste Wedding Chapel in Las Vegas und führte hier 1940 die erste Hochzeit durch. In dem kleinen weißen Häuschen mit Turm und lilafarbenen Verzierungen wartete Van auf uns, ein freundlicher, weißhaariger Reverend, der sich gut zwischen Rudi Carrell und Dieter Thomas Heck hätte einreihen können. Als Van in schmalzigem Amerikanisch von der wahren Liebe erzählte und ich meinem schon baldigem Ehemann in die ganz leicht glitzernden Augen blickte, vergaß ich alles um mich herum. Da waren nur noch wir – und meine plötzlich gar nicht mehr so große Abneigung für Kitsch. Ich schaffte es zu meiner eigenen Überraschung, das Ehegelübde fehlerfrei auf Englisch nachzusprechen, wir hauchten unser "I do", steckten uns gegenseitig die Ringe (handgefertigt bei Etsy bestellt) auf und wurden von Van zu "husband and wife" erklärt. 

Im Valley of Fire, knapp eine Stunde von Las Vegas entfernt, schossen wir in der Abendsonne wunderschöne Hochzeitsbilder. Über den Dächern von Las Vegas dinierten wir in einem Rooftop-Restaurant mit Blick auf die funkelnde Stadt. Und im berühmten Casino des Ceasars Palace auf dem Strip versuchten wir unser Glück an den "einarmigen Banditen". Gewonnen haben wir nichts, aber wir hatten ja schon alles, was wir brauchten. Und wenn wir heute an unsere Las-Vegas-Hochzeit zurückdenken, hüpfen unsere Herzen noch immer.

Brigitte

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