VG-Wort Pixel

Indirekter Hochzeitszzwang Warum muss ich eigentlich heiraten, um ein Kind zu haben?

Hochzeit und Ehe: Das Thema sehe ich ziemlich ambivalent
Hochzeit und Ehe: Das Thema sehe ich ziemlich ambivalent.
© Andrii Oleksiienko / Adobe Stock
Die Hochzeit ist für viele ein enorm wichtiger Schritt. Für mich ist dieses Thema befleckt, auch wenn ich selbst bald heirate.

Ich bin queer. Als jemand, der nicht der Heteronormativität entspricht, also nicht heterosexuell ist, hat man als queere Person die Wahl: Entweder man zergeht in Selbsthass ob der Tatsache, nach der Definition mancher Menschen nicht "normal", sondern vielmehr "anders" oder schlimmer noch "falsch" zu sein.

Oder man hinterfragt die Legitimität solcher Normen. Dazu gehört die Norm des Patriarchats, nachdem der weiße, heterosexuelle Mann das Machtzentrum der Gesellschaft darstellt und nach der die Frau "das Andere" ist, zusammen mit People of Color, Menschen mit Behinderung und queeren Menschen – dem weißen Mann untergestellt. Dazu gehört die Norm der Monogamie, nach der eine sexuell/romantische Beziehung lediglich zwischen zwei Menschen, bestenfalls einem heterosexuellen Mann und einer heterosexuellen Frau, bestehen darf. 

Die Hochzeit: Der "wichtigste Tag im Leben"

Der Hochzeit wird von manchen eine enorme Bedeutung beigemessen
Der Hochzeit wird von manchen eine enorme Bedeutung beigemessen
© Rawpixel.com / Adobe Stock

Zu den Normen, die einer Hinterfragung mehr als würdig sind, gehört auch die Ehe. Es gibt Menschen, die beschreiben die Hochzeit als den wichtigsten Tag ihres Lebens. Als wäre alles davor im Vergleich unbedeutend gewesen, als würde danach nichts mehr kommen, dass der Rede wert sei. Im Jahr 2021 wurden laut dem Statistischen Bundesamt 357.800 Ehen geschlossen, im selben Jahr 142.800 geschieden – was geschieht dann mit den 285.600 Menschen, die den wichtigsten Tag ihres Lebens schon hinter sich haben und deren Ehe zerbrach? Die im Schnitt 14,5 Jahre mit ihrem:ihrer Partner:in verbracht haben, bevor sie sich für eine Scheidung entschlossen? Haben sie ihr Leben bereits gelebt, ihren großen Tag bereits gehabt? Gleiches gilt für diejenigen, die noch immer in einer Ehe sind. Haben Disney-Klassiker etwa recht? Kommt nichts mehr nach dem "Happy End"?

Für queere Menschen gibt es – wie könnte es anders sein – noch eine andere Statistik: Seit der Einführung der "Ehe für alle" im Jahr 2017 sind bis Ende 2021 65.600 Ehen unter gleichgeschlechtlichen Menschen geschlossen worden. Hierzu wird die Eheschließung zwischen mir und meinem Liebesbeziehungsmenschen nicht zählen: Er:sie ist nicht-binär, ist also keinem der binären Geschlechter zugehörig. Nicht, dass das den Staat interessieren würde, aber das ist ein anderes Thema.

Die Ehe: Ein Lebensmodell der Unterdrückung

Eigentlich ist die Ehe doch nun wirklich nichts Erstrebenswertes: Ein Lebensmodell, dass die Frau im Patriarchat auch im 21. Jahrhundert noch unterdrückt, das heteronormative Bild der Zweierbeziehung aufrechterhält und dessen Rollenverteilung bis heute ziemlich klar in eine Richtung geht – nach der nämlich der Mann der Verdienende und die Frau die Erziehende ist, wenn man denn den nächsten Schritt gehen möchte bzw. kann und Kinder bekommt. Wie die "Welt" es formuliert, sei die Ehe bis heute für Frauen das "wirksamste Instrument der sozialen Absicherung – vor allem, wenn sie Kinder haben".

Damit die Leute das System Ehe bei all der Unterdrückung noch mitmachen, gibt es Vorteile vom Staat

Denn bis heute verdienen Frauen pro Stunde 18 Prozent weniger als Männer, wenn sie dann noch ein Kind bekommen, dürfen sie sich im Durchschnitt von gar 80 Prozent verabschieden ("Child Penalty" nennt sich das Phänomen, also "Geldeinbußen durch Kinder"). Damit dieses System überhaupt noch jemand mitmacht, verspricht die Ehe einige Vorteile: Beim Thema Vaterschaft läuft alles – ungewöhnlich für Deutschland – ziemlich unbürokratisch ab, wenn die Eltern verheiratet sind (der Mann muss nicht einmal der biologische Vater sein). Steuertechnisch kann es große Vorteile haben, gerade wenn beide unterschiedlich viel verdienen (was bei Mann und Frau ja gerne mal der Fall ist). 

Wenn der Staat deine Liebe absegnet

Mit einer Unterschrift ist die Liebe vom Staat "abgesegnet"
Mit einer Unterschrift ist die Liebe vom Staat "abgesegnet"
© Alexander Johl / Adobe Stock

Für queere Menschen gibt es noch einen weiteren "Bonus": Sie dürfen ein Kind adoptieren. Bei meinem Liebesbeziehungsmenschen und mir ist das der entscheidende Faktor. Wenn der Staat unsere Liebe absegnet und "offiziell" macht, ist es uns erlaubt, einen kleinen Menschen großzuziehen. Natürlich werden im Laufe des Adoptionsprozesses noch weitere Faktoren entscheiden, ob wir das Recht auf ein Kind haben oder nicht. Doch der Grundstein muss die Ehe sein, das wurde uns sehr deutlich gemacht.

Wieso sind wir eines Kindes würdiger, wenn wir einen Vertrag unterschreiben?

Und so stehe ich der Ehe überaus ambivalent gegenüber. Auf der einen Seite empfinde ich es als enorme Einmischung des Staates in das individuelle Leben (nicht nur queerer) Menschen. Wieso steht die Ehe und Familie unter dem "besonderen Schutz der staatlichen Ordnung" und jede andere Beziehungsform ist dem untergestellt? Warum hat der Staat das Vorrecht auf die Definition des Begriffs "Familie"? Wieso werden mein Liebesbeziehungsmensch und ich in die heteronormative Schublade gequetscht, aus der wir beide für unser Seelenheil mit aller Macht ausbrechen mussten? Inwiefern sind wir würdiger, ein Kind bei uns aufzunehmen, wenn wir – nennen wir das Ganze doch beim Namen – eine Unterschrift unter einen Vertrag setzen, der zwei Menschen rechtlich aneinanderbindet? Und wieso ist mir die Ehe und ihre hohlen Symbole selbst so wichtig?!

Ein Fest der Liebe

Denn wie gesagt: Ich stehe der Ehe ambivalent gegenüber. Neben meiner kritischen Haltung zu dem Thema muss ich zugeben, dass ich es war, der nahezu darauf bestanden hat, dass eine Eheschließung mit einem Antrag verbunden sein soll. Den gestaltete mein Liebesbeziehungsmensch dann aber nach eigenen Vorstellungen und keinen Klischees aus Film und Fernsehen. Ich bin es ebenfalls, der diese Zeilen tippt und albern grinsend immer wieder den so schön glitzernden Ring an meinem Finger zurechtrückt. Und ich bin auch derjenige, der diese Bestätigung brauchte, dieses Symbol, dass der Welt zeigt: "Ganz recht, ich liebe und werde geliebt." Und darüber ärgere ich mich, schäme mich sogar ein wenig.

Ich bin in gewisser Weise auch ein Opfer der Gesellschaft, schließlich bin ich nicht in einer Blase großgeworden: Ich bin mit Disney-Filmen aufgewachsen, in denen die Hochzeit damals oft den Höhepunkt darstellte, bin gerührt von Anträgen, die in meinen Lieblingsserien stattfinden und ja, ich möchte aus dem Tag, an dem wir unsere Hochzeit mit der Familie und Freund:innen feiern, etwas ganz Besonderes machen. 

Aber an diesem Tag soll nicht die Unterdrückung gefeiert werden, nicht die Heteronormativität und keine verstaubten Traditionen. An diesem Tag feiern wir die Liebe (wie doch eigentlich alle Paare, egal ob queer oder nicht) – zueinander, zu unserer Familie, zu unseren Freund:innen. Und wenn es die Eheschließung sein muss, die uns erlaubt, ein Kind in unserer Familie aufzunehmen – einer Familie, die aus weit mehr Menschen besteht als nur uns beiden und unserer Blutsverwandtschaft – dann bin ich dazu bereit. Nur werde ich das mit einem lachenden und einem weinenden Auge tun.

Verwendete Quellen: destatis.de, zeit.de, bmj.de, lsvd.de, welt.de

Brigitte

Mehr zum Thema