Mein Kind heiratet: Mama, das wird mega!

Wenn die Kinder heiraten, planen sie nur zu gern ein prunkvolles Spektakel. Dessen Kosten bescheren sogar großzügigen Brauteltern heftiges Herzflimmern, wie BRIGITTE WIR-Autorin Evelyn Holst selbst erfahren hat. Sie erinnert sich: Früher war weniger Pomp.

Früher: Hochzeitsmotto - weniger ist mehr 

"Nicht dein Ernst, Mama", rief meine Tochter, als ich ihr kürzlich von meiner Hochzeit vor 32 Jahren erzählte. 5. Juni 1986, Standesamt in Altona. Die Braut aufgebrezelt im altrosa Leinenkostüm, der Bräutigam in Jeans. Der Standesbeamte murmelte etwas von Licht und Schatten, dann gingen wir mit den Trauzeugen zum Griechen um die Ecke. Als wir abends nach Hause kamen, war unser Klo verstopft. Vermutlich aus Protest.

Ich schmunzelte, während ich in Erinnerungen schwelgte, meine Tochter dagegen war fassungslos. Keine Feier, kein Brautkleid? "Warum habt ihr überhaupt geheiratet?", wollte sie wissen. "Wegen der Steuer", fiel mir wieder ein und merkte selbst, wie glanzlos und gestrig es klang. Aber wir, die Babyboomer, sind keine Romantiker. In Weiß, bis dass der Tod uns scheidet? Schon deshalb ein Witz, weil in Deutschland zwar rund 400 000 Paare jährlich heiraten, aber 40 Prozent wieder scheitern. Wenn überhaupt Ehe, fanden wir damals, dann doch besser eine wilde.

"Legt schon mal ein Sparkonto für meine Hochzeit an", meinte meine Tochter sonnig, "unter 30 000 läuft da gar nichts... Kleiner Scherz Mama"

Was zu meiner Zeit eine überschaubare 
Feier mit Freunden und Familie war, ist heute mindestens ein Event mit 80 bis 100 Gäs
ten. Genau wie Halloween ist die Megahochzeitswelle aus Amerika zu uns herübergeschwappt, spätestens seit Kate Moss 2011 dem Musiker Jamie Hince das Jawort gab. Kate in einem Hauch aus Chiffon und Pfauenfedern, umringt von einer Kinderschar in Rüschenkleidern. Dauer: drei Tage und Nächte, Kosten: sechsstellig. Scheidung: vier Jahre später.

Heutzutage: Hochzeitsmotto - weniger gibt´s nicht!

"Legt schon mal ein Sparkonto für meine Hochzeit an", meint meine Tochter sonnig, "unter 30 000 Euro läuft da gar nichts ... Kleiner Scherz, Mama." Über den ich irgendwie nicht lachen kann. Natürlich müssen wir im Ernstfall, der jederzeit eintreten kann, denn sie ist glücklich liiert und genau in dem Alter, wo es biologisch ernster wird, nicht alles bezahlen. Aber mit einer großzügigen Beteiligung wird gerechnet. Mein zweites Kind ist ein Sohn. Ich hoffe, er heiratet keine Nepalesin wie der Sohn einer Freundin. Sie durfte, so ist es in Nepal üblich, ihre Schwiegertochter mit echtem Gold überschütten. Ein alter Brauch, um sie im Falle einer Scheidung finanziell abzusichern.

"Wie viel?", frage ich einen Kollegen, dessen Sohn gerade auf Ibiza geheiratet hat. 120 Gäste, der Pastor, ein Freund der Familie, wurde eingeflogen und sprach den Segen am Strand. Danach hatte sich die Braut "etwas Einfaches am Meer" gewünscht. Wer sich auskennt, weiß: Auf Ibiza ist sogar das Pinkeln teuer. "45 000 Euro", seufzt er, "das zieh ich ihm vom Erbe ab.

"Eine Art Ausflippen aus dem sonst so effizienten Alltagsleben nennt derart pompöse Feiern die Soziologin Dorothea Bührmann. Laut einer Studie der Kölner Universität hält eine Ehe umso länger, je üppiger die Hochzeit war. Die Scham vor dem Scheitern wirkt offenbar als Beziehungskitt. Wäre ja auch etwas ärgerlich, wenn man noch die Feierkosten abstottert, während das große Kind bereits die Scheidung einreicht. Meine Tochter hat eine Eventagentur, somit allerbeste Verbindungen zu Caterern, Stylisten und Locationscouts, ständig ist sie deshalb für ihre Freundinnen im Einsatz, die Uhr tickt also. Mein hoffentlich dann noch aktueller Schwiegersohn wäre mir zwar sehr willkommen, aber bis die beiden - natürlich in einer rosa Plüsch-Limo - zum Flughafen in die Flitterwochen nach Aruba fliegen, wird es heftig. Wird es mega. Es ist der Stress, die Organisation, die riesige Erwartungshaltung, dass die Hochzeit der schönste Tag des Lebens werden muss, die ein mittelschweres Herzflimmern bei mir auslösen. Weil mein Laisser-faire ("Lad doch einfach alle in ein gemütliches Landhaus ein") und ihr Perfektionsanspruch ("Stretch-Limo, Styling vom Pro, drei Locations für Polterabend, Hochzeitsfeier, Brunch am nächsten Tag") sich so harmonisch zusammenfügen wie Israel und Palästina.

Kürzlich habe ich mal vorgefühlt, wie sich meine Tochter ihre Hochzeit vorstellt. Mir wurde schwindelig: Opernsängerin in der Kirche, Junggesellinnenabschied in Venedig im Partyboot mit zwei scharfen Skippern und Champagner satt. Einladungskarten, auf denen die Bankdaten der Brautleute stehen, weil Geschenke out sind. Dresscode entweder Smart Casual oder Black Tie. Ich kann es kaum erwarten. Mein altrosa Leinenkostüm, vor 32 Jahren zum letzten Mal getragen, passt sogar noch.

Hier gehts zum passenden Heft: http://www.brigitte-wir.de/

Brigitte WIR 02/2018

Wer hier schreibt:

Evelyn Holst
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Mein Kind heiratet: Mama, das wird mega!

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