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Kopfkarussell Wie Social Media unsere Glücksgefühle raubt

Frau auf dem Bett, traurig mit Smartphone
© LIGHTFIELD STUDIOS / Adobe Stock
Welcome to the Goodlife: Und das findet offline statt, findet unsere Autorin. Sie selbst ertappt sich ständig dabei, wie Insta-Stories anderer Personen ihr ihre eigenen Glücksmomente klauen und damit soll endlich Schluss sein. Ein Plädoyer ans Real-Life.

Gestern hatte ich einen wunderschönen Tag. Vormittags habe ich gemütlich mit meinem Freund gefrühstückt, war dann auf einer interessanten Veranstaltung, habe viele Menschen getroffen, die ich lange nicht mehr gesehen hatte und abends habe ich mich mit ein paar Freund:innen auf leckere Drinks getroffen. Ich fühlte mich toll. Überrollt von Glücksgefühlen, die ich während der Lockdowns so schrecklich vermisst hatte. Ich kam aus dem Strahlen gar nicht mehr raus. Es ging sogar so weit, dass meine Wangen mir wehtaten, da ich den Tag über anscheinend ein Dauergrinsen aufgesetzt hatte. Eigentlich ein perfekter Tag – bis ich zu meinem Handy griff.

F*ck FOMO

Denn dann war sie wieder da: FOMO. Fear of missing out (dt. Angst etwas zu verpassen) tritt bei mir oft ein, wenn ich eine der unzähligen Social-Media-Apps auf meinem Smartphone öffne und sehe, wie vermeintlich wunderbar das Leben aller anderen Personen in meinem Feed zu sein scheint. Sie treffen noch mehr Leute, noch (vermeintlich) interessantere Leute und scheinen noch mehr Spaß zu haben als ich. Wie absurd. Habe ich doch gerade den wunderschönsten Tag seit langem erlebt, eine so hohe Erlebnisdichte gehabt, wie seit zwei Jahren nicht mehr und trotzdem kickt jetzt ein schlechtes Gefühl rein, welches ich nicht abwehren kann. Ich sehe Stories von Freund:innen, Bekannten und Prominenten, die dieselbe Veranstaltung besucht haben und ärgere mich plötzlich im Nachhinein darüber, welche Vorträge ich NICHT gehört habe, welche Personen ich NICHT getroffen habe und welche Dinge ich vor Ort NICHT erlebt habe. Was mir in dem Moment nicht einfällt, ist, dass ich während der Zeit halt gerade anders beschäftig war und andere – für den Moment für mich wichtige und schöne Dinge – erlebt habe, über die ich doch vor zehn Sekunden auch noch unglaublich glücklich war.

Manchmal wünsche ich mir die Zeit ohne Social Media zurück

In diesen Momenten wünsche ihr mir die Zeit zurück, in denen es keine Smartphones und vor allem kein Social Media gab. Da habe ich Abende mit meinen Freund:innen am See verbracht, Musik gemacht, gegrillt und endlos lange Gespräche geführt. Wir waren baden und haben das Leben unbeschwert genossen. Dann haben wir vielleicht noch ein paar Erinnerungsfotos gemacht und am nächsten Tag anderen Freund:innen davon berichtet, aber das war’s. Und das hat so glücklich gemacht. Ich wusste nicht, was Person XY aus meiner Parallelklasse am Wochenende unternommen hat und es war mir auch egal. Ich war ganz bei mir und meinen eigenen Erlebnissen.

So bunt, so laut, so unreal – Insta-Stories

Das Schlimmste daran ist, dass das Unglücklichsein nach dem Konsum von Insta-Stories kein unbekanntes Phänomen bei mir ist. Trotz tollen Momenten, vielen Urlauben, Zeit mit Freund:innen und meiner Familie ertappe ich mich immer wieder, wie ich in den 15-Sekunden-Snippets anderer Lieblingsmomente hängen bleibe und jedes Mal denke, dass alle anderen bessere (was soll das überhaupt bedeuten) Leben führen. Man hat so schnell das Gefühl, dass alle auf Social Media mehr erleben, tollere Dinge unternehmen, erfolgreicher sind, mehr Freund:innen und viel mehr Spaß haben. Dabei vergisst man schnell, dass Menschen nur die besten zwei Minuten aus ihrem täglichen Leben zeigen und vor allem immer nur dann posten, wenn sie gerade etwas vermeintlich Interessantes erleben. Außerdem schaut man sich diese 15-Sekunden-Eindrücke immer nur dann an, wenn man selbst gerade nichts Aufregendes erlebt – denn sonst hätte man das Handy vermutlich nicht in der Hand. Es sind Momente, in denen man entspannt im Bett liegt, weil man heute endlich mal nichts tun wollte oder solche, in denen man nach einem langen Tag in der Bahn nach Hause sitzt und gerade sowieso nichts anderes tun kann oder welche, in denen man gerade nicht in der besten Stimmung ist. Dann ist Social Media einfach Gift für die eigene Seele.

Aber warum tun wir uns das trotzdem an und warum lassen wir zu, dass uns etwas so runterzieht? Dabei wissen wir doch selbst nur zu gut, wie unser eigenes Postingverhalten ist. Man lädt nicht hoch, wie man gelangweilt im Bett liegt, in der Bahn sitzt oder gerade eine schlechte Zeit hat. Man postet auch nicht, dass man gerade Herpes oder einen riesigen Pickel auf der Stirn hat, der einen unsicher fühlen lässt. Man postet auch nicht, wenn man Streit hat, Angst um seinen Job oder generell mit dem Leben strugglet. Es sind Geburtstage, Konzerte, Festivals, Picknicks und Strandausflüge, Urlaube, Hochzeiten, Geschenke und Café-Besuche, die es auf die Screens unserer Follower:innen schaffen. Unser Feed ist voll von schönen Urlaubsfotos, Konzert-Reels und Party-Snaps.

Einmal machen, was Mama schon immer predigt: Legt das verdammte Handy beiseite!

Macht es euch einfach und legt euer Handy öfter mal ganz beiseite. Ruft lieber eure beste Freundin oder den besten Kumpel an und erzählt von eurem tollen Tag. Schließt diese Momente ganz für euch ein und genießt sie, statt sie auf Instagram und Co. zu teilen ­– lieber ganz im Hier und Jetzt. Ja, ich merke auch, wie ich mich wie meine eigene Mutter anhöre, aber wenn wir ehrlich sind, hat sie doch Recht. Unser Leben ist so viel wunderbarer und wir würden es auch mehr so empfinden, wenn wir es nicht ständig mit Millionen anderen vergleichen würden. Früher gab es die Möglichkeit gar nicht, vor allem Superreichen so privat in ihren Alltag schauen zu können. Und heutzutage können wir uns nicht nur mit unseren Bekannten vergleichen, sondern auch mit wildfremden (Halb-)Prominenten, die auf ihren Yachten chillen, übertrieben selbstdarstellerische Partys zelebrieren, fünf Flaschen Champagner köpfen und die nächste gesponsorte Designertasche in die Kamera halten. Dass sie aber auch viele Stunden am Tag langweilig im Bett rumliegen, sich mit ihren Partner:innen streiten, Stunden haben, in denen sie sich selbst und ihr Leben doof finden, vergessen wir gern dabei.

Also hier nochmal ein kleiner Reminder: In Momenten, in denen ihr euch einsam fühlt, nichts zu tun habt oder auch nichts zu tun haben wollt, ihr aber ein paar Glücksgefühle gebrauchen könntet, solltet ihr lieber eure alten Fotoalben rauskramen, lieben Freund:innen eine Nachricht schreiben oder einfach eine Runde spazieren gehen. Denn euer Leben ist das beste, denn ihr seid es, die es leben. Hört auf, euch zu vergleichen und seid lieber öfter glücklich über die schönen kleinen Momente, die ihr erlebt und seid dankbar für Menschen, die euch umgeben. #mehrRealitätImEchtenLeben

Brigitte

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