Günther kann kaum darüber sprechen. Zum einen aus Scham. Und auch, weil er es immer noch nicht wahrhaben will. Das ist er nicht. So ist er nicht. Und doch hat er Katrin gestern gegen die Tür gestoßen. Sie bekam Nasenbluten. Nicht so schlimm? Ja, nicht so schlimm, hat selbst Katrin dann gesagt. Doch Günther weiß, es ist schlimm. So etwas darf nicht passieren, so etwas will er nicht. Das ist nicht der Mann, der er zu sein glaubt. Aber er war so wütend. Nein, kein Aber! Es gibt keine Entschuldigung dafür. Er war wütend, so wütend wie damals, als der Vater ihm eine Ohrfeige gab. Und jetzt, jetzt tut er es selbst. "Dabei liebe ich sie doch. Mehr als irgendjemand sonst", sagt er. Katrin aber wollte die ganze Liebe hinwerfen. Erst argumentierte er noch, flehte, dann schrie er: "Dann geh doch, geh doch!" Und dann hat er sie gestoßen. Er fühlte sich so hilflos, wie er sich nicht fühlen wollte. Das war seine Wut.
Liebe ist unsere beglückendste Emotion. Dass wir Liebe oft weniger als Gefühl verstehen, sondern eher als Zustand, als überirdische Macht, liegt für den Primaten- und Emotionsforscher Frans de Waal daran, dass wir der Liebe keinen eindeutigen Gesichtsausdruck zuschreiben können. Das leicht debile Dauergrinsen auf den Gesichtern Verliebter ist jedenfalls nicht der Gesichtsausdruck der Liebe.
Wir erleben Liebe als überwältigend intensive Emotion. Wenn sie in uns ausgelöst wird – das, was wir Verliebtheit nennen –, beherrscht sie uns. Wenn wir sie aufgeben müssen – das, was wir Liebeskummer nennen –, beherrscht sie uns auch. Liebe macht uns süchtig nach dem anderen. Positiv betrachtet bindet sie uns fest aneinander. Aber dabei macht sie uns abhängig vom Liebespartner. Sie liefert uns aus. Dadurch sind wir verletzbar. Und wenn unsere Liebe bedroht ist, versetzt uns das augenblicklich in den höchsten Alarmzustand. Wir kämpfen, fliehen oder erstarren. Und in diesem Zustand tauchen unsere dunklen Seiten auf.

Die dunklen Seiten unseres Selbst sind die nicht bewältigten Gefühle und die nie verdauten Konflikte, die wir aus unserer Lebensgeschichte in uns tragen. Je unsichtbarer sie für uns sind, desto größer ist die Gefahr, dass sie uns bestimmen. Unbewältigte Gewalt führt zu Gewalt oder Unterwerfung. Unerfüllte Bedürfnisse zu hoffnungslosem Hoffen, der Unfähigkeit sich zu trennen und endlosem Liebeskummer. Verdrängte Angst zu Eifersucht, Liebeswahn, Stalking und Aggression. Wir sehen gerade in der Krise, in der wir leben, wie zerstörerisch diese Gefühlskonflikte in Paaren eskalieren. Verletzte Menschen verletzen Menschen. Wir können Liebe nicht kontrollieren und reagieren deshalb aggressiv oder verzweifelt, verloren, brechen zusammen.

Liebe bindet uns aneinander. Seitdem es uns Menschen gibt, ist das existenziell für uns. Dadurch leben und überleben wir. Deshalb ist die Liebe so intensiv, so absolut. Deshalb erleben wir sie als etwas, das größer ist als wir selbst. Etwas, das wir kaum aushalten. Denn Liebe, das vergessen wir in unserer Begeisterung für sie, verlangt uns alles ab.
In dieser kleinen Kolumne finden Beziehungsprobleme ihren Platz. Aber die Liebe ist auch für diese Kolumne zu groß. Liebe kann alles in uns hervorbringen. Auch unsere dunkelsten Seiten.
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