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Küssen in der Öffentlichkeit mit über 50 – ja oder nein?

Küssen in der Öffentlichkeit mit 50+ - ja oder nein?: Küssendes Paar
© wavebreakmedia / Shutterstock
Wir sollten im öffentlichen Raum unbefangen unsere Liebe zeigen. Auch jenseits der 50, sagt Judka Strittmatter, die schon immer leidenschaftliche Alte besser als langweilige Junge fand.

Neulich bei mir im Kiez: Ich bin geschieden und habe nach langer Zeit endlich mal wieder ein Date. Alles läuft prima, der Mann gefällt mir, er ist frech und bringt mich zum Lachen, klug ist er auch. Aufgekratzt mäandern wir durch den Abend, trinken zu viel und sitzen um zwei Uhr nachts knutschend am Tresen meiner Lieblingsbar. Dann bringt er mich brav nach Haus. Am nächsten Morgen fühle ich mich glücklich und beschwingt, bis ich gewahr werde: Hey, Moment mal, du bist Anfang 50! Es ist nicht mehr 1990, als du noch jung und haltlos warst und es quasi deine Bestimmung war, küssend durch die Nacht zu taumeln. Bestimmt haben in deinem Hipster-Kiez, in dem du ein Fossil bist, alle mitleidig geguckt: Hey, Oldies – get a room!

Mit Anfang 50 wild rumknutschen: Ekelalarm?

Nun steht es mir frei zu behaupten, dass wir beiden Schamlosen noch ziemlich flotte Typen sind, aber selbst wenn nicht, warum eigentlich sind wir so klemmig, wenn Alter und Amouröses aufeinandertreffen? Oder bin ich es nur allein? Warum ist unser Denken da so evolutionsgesteuert: Der Jugend wird die Arterhaltung zugerechnet, ergo der Sex, die Alten haben dahingehend ausgedient. Oder: Rummachen ist für alle unter 40 abonniert, die darüber dürfen nur noch händchenhaltend auf der Parkbank sitzen. Sonst: Ekelalarm!

Hinzu kommt, dass eine Optimierungsgesellschaft das Ganze nicht besser macht, da sind herzhaft Küssende mit Falten natürlich extra bäh. Ich will aber nicht bäh sein, denn mein mittelaltes Leben fühlt sich mit all der Erfahrung, die es auf dem Buckel hat, auf vielen Enden besser an. Zudem sind wir, die Babyboomer, demografisch in der Überzahl. Und bald ist der Planet, menschlich gesehen, sowieso mehr alter Sack als jugendlicher Hüpfer. Sollte diesen Fakten nicht das Leben folgen?

Hat die Jugend das Flirten verlernt?

So wie die sogenannte Body Positivity für unperfekte Körper wirbt, was Zeit wird, möchte ich eine Lanze für alle Angegrauten brechen, die ihren Gefühlen freien Lauf lassen. Wir brauchen eh wieder mehr gute Emotionen im öffentlichen Raum, zu oft wird da der Frust über die Weltlage abgelassen. Und ganz ehrlich, die Jugend hat das Flirten längst verlernt, Gefühle passen nicht zum Coolseinwollen, wenn überhaupt, wird digital geschäkert.

Ich weiß nicht, wann ich in meinem Hipster-Kiez zuletzt zwei Youngster sah, die leidenschaftlich auf ihrer Wolke sieben schwebten. Ich meine das herzrührende Verliebtsein, das niemanden kalt lässt, das jedem Beobachter einen Seufzer abringt. Ich meine nicht drogenindiziertes Vögeln, das man in meiner Stadt Berlin inzwischen in der voll besetzten S-Bahn sehen kann. Ja, willkommen in der Gegenwart! 

Öffentliche Liebesbekundungen – für alle bitte!

Wir "Best Ager" werden gerade überall gefeiert, es lässt sich ordentlich Geld mit uns verdienen, wir sind die Shabby-Chic-Fraktion des Liebesmarktes. Aber sexuelle Wesen sollen wir nicht sein. Und wenn, dann bitte nur im Dunkeln. Dabei sind wir sind gut in Form und haben vielleicht noch 30 bis 40 Jahre auf der Erde. Sollen wir die zölibatär verbringen?

Es geht nicht um nerviges Zurschaustellung, es geht um zufälliges Knutschen, weil es der Moment so will. Und weil es bei uns auch nicht verboten ist, so wie in Russland oder Indien. Selbst die Franzosen (!) hinken dem deutschen Laisser-faire da hinterher: Seit 1910 sind Abschiedsküsse an Bahnsteigen in Frankreich verboten. Zu viele Zugverspätungen in verflossenen Zeiten, weil die Liebenden sich nicht trennen mochten. Ich wette, es gibt auch heutzutage noch Verstöße gegen das Gesetz. Auch von Alten. Ich wär sofort dabei.

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BRIGITTE 26/2019

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