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17. Mai – Tag gegen Homophobie "Laut Studie werden 90 Prozent der Straftaten gegen queere Menschen nicht gemeldet"

Wolfgang Appenzeller
© instagram/gaygermancop
"Gaygermancop"  (schwuler deutscher Polizist) – unter diesem Namen findet man Wolfgang Appenzeller auf Instagram. Offen bekennt er Flagge – und zwar die des Regenbogens. Warum Sichtbarkeit bei der Polizei wichtig ist, verrät er im Interview.

Als Wolfgang Appenzeller 1994 zur Bundespolizei kam, gab man ihm einen dicken Ordner mit losen Gesetzestexten. Immer wenn sich etwas im Strafgesetz änderte, kam eine Zusatz-Lieferung mit neuen oder gestrichenen Paragrafen, die die Auszubildenden in ihren Ordnern ein- oder ausheften mussten. Wolfgang Appenzeller war 20 und hatte gerade seine Ausbildung begonnen, als eine neue Lieferung kam. Ein Paragraf musste aus dem Strafgesetz gestrichen werden, hieß es. Als Wolfgang Appenzeller das Blatt Papier aus dem Ordner nahm und den Gesetzestext las, fuhr es ihm eiskalt den Rücken runter. In seinen Händen hielt er Paragraf 175.

Es ist jener Paragraf, der bis 1994 die sexuellen Handlungen zwischen Personen des männlichen Geschlechts unter Strafe stellte. Für Wolfgang Appenzeller war das ein Schock. Ihm war nicht klar gewesen, dass seine Koleg:innen bis vor Kurzem noch die Aufgabe hatten, homosexuelle Handlungen strafrechtlich zu verfolgen. In den nächsten Tagen ließ ihn ein Gedanke nicht los: Kann und will ich bei der Polizei bleiben?

26 Jahre später treffen wir ihn – wenn auch nur virtuell über Video-Call – in seinem Büro. Er trägt Uniform. Die Regenbogenflagge pinnt hinter ihm an der Wand. Wolfgang Appenzeller hat sich damals entschieden, bei der Polizei zu bleiben. Heute ist er Polizeihauptmeister, Mitarbeiter der Gleichstellungsbeauftragten und Ansprechperson für Lesben, Schwule, Bi-, Trans- und Intersexuelle.

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Herr Appenzeller, wie kam es damals zu ihrem Coming-out bei der Polizei?
Wolfgang Appenzeller: Es kam sehr zufällig. Ich saß in der Ausbildungsstätte mit einer Kollegin zusammen. Sie fragte mich, warum ich heute so gut drauf sei und über beide Ohren grinsen würde. Ich hatte mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorgenommen, mich im Beruf zu outen. Also sagte ich pauschal, ich habe da jemanden kennengelernt. Plötzlich fragte sie, wie ER denn hieße. Ich dachte zuerst, ich habe mich verhört. Wenn ich daran denke, fährt es mir immer noch eiskalt den Buckel runter.

Wie haben Sie reagiert?
Ich habe mich ertappt gefühlt. In meinem Kopf waren tausend verschiedene Stimmen. Währenddessen rutschte es mir einfach raus: "Er heißt Stephan!".  Sie hatte sich für mich gefreut. Anschließend hat es sich sehr schnell rumgesprochen. Ich persönlich fand das damals okay. Das hat mir viele Gespräche erspart.

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Gibt es etwas, dass sie gerne vor ihrem Coming-out gewusst hätten?
Ich kam mir damals vor wie der bunte und einzige Schwule. Jetzt weiß ich, dass ich das natürlich nicht war. Man geht davon aus, dass rund 10 Prozent unserer Gesellschaft queer sind. Wenn man das auf die Bundespolizei umlegt, könnte es schätzungsweise ca. 5000 LGBTQIA+-Polizist:innen geben. Es ist fast unmöglich, in seinem Arbeitsgebiet der/die einzige queere Polizist:in zu sein. Ich hätte damals den Wunsch gehabt, auch andere Kolleg:innen wie mich zu kennen, Vorbilder zu haben. Deswegen ist mir Sichtbarkeit so wichtig.

Ist das auch der Grund, warum sie auf ihrem Instagram-Kanal „gaygermancop“ so offen mit ihrer Sexualität umgehen?
Genau, ich will für Sichtbarkeit innerhalb der Polizei sorgen. Darüber hinaus geben mir die sozialen Medien aber auch die Möglichkeit, mich außerhalb in der LGBTQIA+-Community zu repräsentieren. Ich möchte Vorurteile abbauen und zeigen, dass wir uns für queere Menschen einsetzen und auch bei uns schwule, lesbische, bi und trans Polizist:innen arbeiten: Polizei in der Community und Community in der Polizei, sozusagen. 

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Sie haben auch auf dem Christopher Street Day in München mit einem Infostand Präsenz gezeigt. Wie kam das an?
Es kamen Leute, die einen um den Hals gefallen sind mit Tränen in den Augen. Besonders in Erinnerung blieb mir ein Mann, der mit seiner lesbischen Tochter an den Infostand kam. Als ich ihm meine queeren Kolleg:innen vorstellte, kamen ihm vor Freude die Tränen. Da kriege ich jetzt noch Gänsehaut!

Ein toller Moment, der vor einigen Jahren so nicht denkbar gewesen wäre. Ist die Polizei in Sachen Toleranz am Ziel angekommen?
Es kommt drauf an, wen man fragt. Manche sagen, das geht schon zu weit. Andere sagen, das geht noch nicht weit genug. Letztendlich ist die Polizei dafür da, die öffentliche Sicherheit und Ordnung aufrecht zu erhalten. Dabei ist es wichtig, dass Personen aus der LGBTQIA+-Community sich trauen, Anzeige zu erstatten. Aus einer Studie der "European Union Agency for Fundameltal Rights" ging 2020 hervor, dass in Deutschland 81 % der Fälle hassmotivierter physischer oder sexueller Übergriffe gegen lesbische, schwule und trans Personen nicht angezeigt werden. Bei Belästigungen oder Beleidigungen zeigen die Opfer sogar die Tat in 91 % der Fälle nicht an. Der Gedanke, dass die Polizei damals der böse Verfolger war, ist wohl noch immer tief im kollektiven Gedächtnis der LGBTQIA+-Community verankert. Ich möchte, dass queere Menschen wissen, dass sie zu uns kommen können. Wir helfen, egal wem – das ist unser Job! 

Verwendete Quellen: Interview

Brigitte

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