Mehr Gelassenheit: "Ich will Erholungszeit, ohne vorher krank zu sein"

"Bitte Ruhe!", möchte unsere Autorin Karina Lübke ihrem Leben entgegen brüllen. Der Job, die Kinder, die alten Eltern, die Schwiegereltern, der Haushalt, der Mann – wir kümmern uns gefühlt um alles. Nur um uns selbst nicht. Ein Plädoyer für mehr Gelassenheit.

Ich träume davon, Rentnerin zu sein

Alles, was ich immer nahtödlich langweilig fand, wird plötzlich zur Endstation Sehnsucht: Wohnen in schöner Natur am Rand der Stadt, Nachbarn, die nach mir schauen, wenn sie mich länger nicht sehen, ein Hund, ein Kamin und eine Tageszeitung zum Kaffee im Sitzen statt to go. Ich habe überlegt, ob es auch reichen könnte, einfach reich zu sein statt Rentnerin. Doch nein, das würde mir zwar finanzielle Sorgen abnehmen, nicht aber die großen Erwartungen von außen oder - noch schlimmer - an mich selbst, was ich jetzt mit meinem Leben Geniales anfange, da ich es ja nicht mehr müsste.

Frauen mit diesem Job gehen besonders oft fremd

Frauen kümmern sich um das Wohlbefinden aller – bis auf das eigene

Es braucht keinen Therapeuten, um das zu deuten: Ich will Ruhestand, aber ohne dafür alt sein zu müssen. Erholungszeit, ohne vorher krank zu sein. Guten Gewissens nichtsnutzig nichts tun. Auf Pause drücken statt immer weiter aufs Gaspedal. Oft möchte ich auf die Straße treten und der ganzen Welt ein wütendes "RUUUHE!" entgegenbrüllen, wie einst der Spießer im Treppenhaus, wenn die Studenten-WG nach Mitternacht unbekümmert die Partymusik aufdrehte.

Und damit geht es mir wie den meisten Frauen ab 40: Jede zweite bezeichnet sich laut einer Forsa-Umfrage der Krankenkasse Knappschaft als stark oder sehr stark gestresst - aber nur 42 Prozent der Männer. "Viele Frauen sind beruflich eingebunden. Zum anderen müssen sie sich um den Haushalt kümmern, und von ihren Männern erfahren sie da nicht die nötige Entlastung", so Sozialpsychologe Dieter Frey von der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Was er nicht sagt: Natürlich kümmern sich Frauen auch um die Kinder. Um die Freunde. Um die alten Eltern – ja, auch die des Partners. Und um den natürlich auch. Eigentlich um das Wohlbefinden aller - bis auf das eigene. Weit häufiger als Männer leiden Frauen unter körperlichen Stresssymptomen wie Schlafstörungen, psychischen Problemen, Rücken- oder Kopfschmerzen. Und schämen sich dafür, dass sie vermeintlich zu schwach sind. "Die anderen" schaffen es doch auch, oder? Überraschung: Nein, die sind auch völlig geschafft. Man sieht es ihnen auf Instagram nur selten an.

Wann kommt die lang ersehnte Erlaubnis zum Runterschalten?

Jede Frau ab 40, die ich kenne, sehnt sich nach einem Satz von Mann, Kindern und Arbeitgeber. Und das ist nicht "Ich liebe dich" oder "Hast du abgenommen?". Sondern: "Danke, es reicht." Oder noch besser: "Du hast wirklich lange genug mehr als genug getan. Super gemacht. Ruh dich aus, wir schaffen den Rest allein." Schon wenn ich das schreibe, steigen mir Tränen in die Augen. Denn es ist zu schön, um wahr zu sein. Sie wird nie kommen, die ersehnte Erlaubnis zum Runterschalten. Genauso wenig wie die Anerkennung von außen, nach der wir schon in der Kindheit konditioniert wurden zu streben.

Die Frau im Dauerstress ist viel zu nützlich, als dass man sie aus dem Hamsterrad entlassen könnte. Sie muss wegschaffen, was gesellschaftlich und politisch seit Jahrzehnten verbockt wird. Die Arbeitswelt sollte finanzielle Sicherheit und Zukunftsperspektive bieten, stattdessen gibt es befristete Verträge und vielleicht einen Achtsamkeitskurs, damit wir lernen, Stress besser zu bewältigen, statt ihn zu reduzieren. Hausarbeit und Care-Arbeit für die Kinder erledigen Frauen dazu überwiegend allein und gratis.

Laut jüngsten Daten der EU zur europaweiten Verdienststruktur entgeht ihnen dadurch im Laufe des Berufslebens durchschnittlich ein Einkommen von knapp 500.000 Euro. 91 Prozent der Alleinerziehenden sind Mütter. Und das sprichwörtliche Dorf, das man nicht nur braucht, um Kinder großzukriegen, sondern auch für die eigene seelische Stabilität und Gesundheit? Wo ist es? Unbekannt verzogen.

Menschen fühlen sich nicht mehr wirklich sozial integriert

Dabei betont Stressforscher Professor Gregor Hasler, Autor des Buchs "Resilienz: Der Wir-Faktor", dass der "gefühlte Stress" größtenteils daher rührt, dass viele sich nicht sozial integriert und unterstützt fühlen. Sein Rat: Umzüge möglichst vermeiden. Dabei verliere man viele alltägliche Sozialkontakte in der vertrauten Nachbarschaft. "Die Bedeutung solcher Beziehungen wird deutlich unterschätzt. So führen häufige Umzüge nicht zu einem akuten Stresserleben, sondern zu einer schleichenden Schwächung der psychischen Widerstandskraft", so Hasler.

Karriere wird aber nun meistens nicht da gemacht, wo man geboren wurde. Das heute propagierte Ideal ist der moderne Nomade, der überall auf der Welt zu Hause ist und so routiniert mit dem Flieger unterwegs wie einst Menschen mit dem Fahrrad ins Nachbardorf. Die Sehnsucht nach Verbindung über soziale Medien stillen zu wollen ist ähnlich kontraproduktiv, wie bei Durst Salzwasser zu trinken, denn Facebook und Instagram bedrohen die Fähigkeit, in der Gegenwart und im Kontakt mit echten Menschen präsent zu sein. Durch Internet und ständige Verfügbarkeit per Smartphone geht zudem alles viel zu schnell für unsere Körper, die sich biochemisch in den letzten 150 000 Jahren kaum verändert haben.

Verstreutheit, Erschöpfung, Schlaflosigkeit

Und wer tatsächlich mal Zeit für sich hat, soll die dann richtig effizient nutzen. "Echt, eine Woche allein?", fragen Freundinnen. "Dann müssen wir uns treffen!" Und ich murmele etwas von "ganz viel arbeiten", weil ich mich danach sehne, einfach stumm auf dem Holzfußboden zu liegen und das Schattenspiel der Bäume auf der Zimmerwand anzusehen, bis es dunkel ist. Nicht reden. Nicht reagieren. "Default mode" wird der erholsame Ruhezustand des Hirncomputers genannt.

In Alphawellen zu planschen ist wie ein Back-up der Festplatte. Man macht es zu selten. Mein Kurzzeitgedächtnis speichert schlecht – typisch bei Dauerstress. Ich frage meinen Freund etwas, und während er antwortet, grübele ich parallel über andere Probleme nach. Wenn ich ihn nach zehn Minuten wieder etwas frage, sieht er mich merkwürdig an und sagt: "Genau dasselbe hast du mich gerade schon gefragt." Und, ach ja, dann fällt es mir auch wieder ein.

Zerstreutheit, Reizbarkeit, Schlaflosigkeit, Schreckhaftigkeit, Heißhunger auf Süßes sowie nie auszuschlafende Erschöpfung sind typische Symptome, schreibt die australische Biochemikerin Dr. Libby Weaver in ihrem Buch "Das Rushing Woman Syndrom". Frauen geht das moderne Leben viel stärker an die Nieren als Männern, genauer gesagt: die Nebennieren. In unserem hauseigenen Drogenlabor schüttet der Sympathikus Adrenalin und Cortisol zum Stress-Doping aus. Fühlt sich eine Weile gut an. Anschließend muss allerdings der Parasympathikus die Systeme runterfahren und das Adrenalin aufwischen. Aber dazu kommt es heute nicht mehr, weil das Leben eine einzige, nie endende To-do-Liste geworden ist. Man surft erfolgreich den Tsunami, bis er über einem zusammenbricht.

Stopptaste drücken und sich fragen: Will ich das überhaupt?

Das Wichtigste ist, sich und sein Wohlbefinden endlich wichtig zu nehmen. Zu erkennen, wie irre das alles ist, was man Körper, Seele und Hirn damit antut. Dass es vielleicht üblich, aber nicht normal ist, nur mit literweise Kaffee wach zu werden und ohne zwei Gläser Wein abends nicht abschalten zu können. Dass man leben statt abgestumpft funktionieren will. Eine Frau muss ihre eigene Security sein, um sich vor (Über)Forderungen zu schützen. Die Wechseljahre, die einen zumindest aus dem reproduktiven Stress entlassen, sind ein guter Zeitpunkt zur Abgrenzung und zum Neubeginn.

"Wir nehmen uns aber keine Zeit mehr für Übergänge im Leben. Dabei gibt es gerade für Frauen, vom Einsetzen der Menstruation, von Schwangerschaft, Geburt, den Wechseljahren bis hin zum Altern, so viele Abschiede. Denen man sich aus lauter Zeitnot gar nicht mehr widmen darf, von betrauern ganz zu schweigen", sagt Katja Beran. Also sich bewusst werden. Sich spüren.

Wie das geht? Immer wieder die Stopptaste drücken und Ansprüche hinterfragen: Will ICH das? WILL ich das? Will ich DAS? Morgens am offenen Fenster tief ein- und noch tiefer mit ffffff auszuatmen. Kopf und Körper bei Qigong und Yoga verbinden. Traumhaft schlafen lernen. Gegen Angst laut singen oder summen. Und statt das sprichwörtliche "Heulen und Zähneklappern" bei Überlastung zu unterdrücken, lieber bewusst das "neurologische Zittern" forcieren, mit dem unser kluger Körper Stress und Spannung aus den Zellen schüttelt. Wild tanzen, stampfen und mit allem herumschlackern, denn aus Anspannung hat sich noch niemand herausgegrübelt. Tagebuch schreiben, mit Stift auf Papier. Akuten Stress reduziert die EFT-Klopftechnik (EF für Emotional Freedom), die man sich eben auch im Internet beibringen kann. Hauptsache, man fängt irgendwo an. Bei sich selbst.

Wie wir es schaffen, gelassen zu bleiben?

Na, indem wir Dinge lassen – liegen lassen oder gleich sein. Und Glaubensmuster neu bewerten: Wer es sich leicht macht, ist nicht faul, sondern klug. Mittelmäßig ist befriedigend. Kinder wie mein Sohn werden in der Schule "Underachiever" genannt, weil sie mit etwas mehr Anstrengung super Noten kriegen könnten. Auf meine Motivationssprüche sagte er: "Wenn ich alles zeige, was ich könnte, wird das standardmäßig erwartet. Lieber halte ich die Erwartungen niedrig, so verlangt keiner immer mehr von mir, sondern lobt, was gut läuft." Ich war sprachlos, wie schlau das Kind ist. Das ist also mit dem Jesus-Zitat "Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen" gemeint. Ich werde künftig auf meinen inneren Rentner hören: abwarten und Tee trinken. Ach, und der wichtigste Tipp zur Stressbewältigung: Noch nie in der Geschichte der Menschheit hat sich eine Frau dadurch beruhigt, dass ihr ein Mann gesagt hat, sie solle sich doch einfach nicht so aufregen.

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BRIGITTE WOMAN 02/2019

Wer hier schreibt:

Karina Lübke
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