Neu verlieben nach großer Enttäuschung - geht das?

Liebe ist die Antwort auf alle Fragen? Nicht ganz. Sie stellt auch ziemlich viele. Psychologe und Paartherapeut Oskar Holzberg beantwortet sie alle.

Man kann ohnehin nicht zweimal in denselben Liebesfluss steigen. Und schon gar nicht, wenn man schon einmal fast ertrunken wäre.

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Svenja fragt sich, was sie falsch macht. Sie lebt, abgesehen von ein paar One-Night-Stands und kurzen Affären, schon jahrelang als Single. Alle scheinen passende Partner zu finden, nur ihr gelingt es nicht. Was stimmt mit ihr nicht? Gibt es etwas an ihr, das Männer nicht mögen? Tritt sie vielleicht zu selbstbewusst auf, ist sie beruflich zu erfolgreich, sodass die Herren der Erschöpfung vor ihr fliehen? Doch Svenja macht nichts falsch. Svenja hat Angst. Ihre Eltern trennten sich, als sie ein kleines Mädchen war. Ihr Papa hatte bald eine neue Familie und keine Zeit mehr für sie, ihre Mutter war pessimistisch und ängstlich. Svenja fällt es nicht leicht, Beziehungen zu vertrauen, zuversichtlich und optimistisch zu sein. Und dann gab es da noch Alessandro. Ihre erste große Liebe. Drei Jahre waren sie ein Paar. Wollten eine Familie gründen und zusammenziehen. Da verschwand Alessandro ohne jede Erklärung von einem Tag auf den anderen. Ging zurück in sein Heimatland, heiratete dort blitzschnell seine erste Freundin und ließ eine am Boden zerstörte Svenja zurück.

Verlust- und Trennungsangst 

Die große Enttäuschung gehört zur Liebe wie die Krankheit zum Körper: Wir können nie sicher sein, dass es gerade uns nicht trifft. Ob ein jahrelanges Doppelleben auffliegt oder sich ein Partner dem anderen Geschlecht zuwendet, ob wir geghostet werden oder die Liebste doch wieder zu ihrem Ex zurückkehrt. Der Schmerz ist grausam. Verlust- und Trennungsängste gehören zu den tiefsten Ängsten, die wir haben. Nach einer großen Enttäuschung fürchten wir sie noch mehr als vorher. Und vermeiden sie. Wir lassen erst gar keine Beziehung entstehen, damit wir kein schmerzhaftes Ende erleben müssen. 

Oskar Holzberg, 66, berät seit mehr als 20 Jahren in seiner Hamburger Praxis Paare und bekommt immer wieder Beziehungsfragen gestellt. Sein aktuelles Buch heißt: "Neue Schlüsselsätze der Liebe" (242 S., 20 Euro, Dumont).

Die Angst, die uns bestimmt, zeigt sich allerdings nicht offensichtlich. Uns durchfährt nicht plötzlich ein riesiger Schreck, wir rennen sehr selten in Panik davon. Stattdessen erleben wir uns voller Zweifel, halten kritische Distanz, haben riesige, oft unrealistische Ansprüche, Unlustgefühle oder einfach ein unbestimmtes Unwohlsein, dass die Schmetterlinge im Bauch schnell flügellahm macht. Deshalb ist es so wichtig, dass wir uns unserem Schmerz und der entstandenen Angst bewusst stellen. Denn unsere Angst hat sich nicht irgendwann einfach aufgelöst. Sie bleibt, und wir bleiben zwischen ihr und unserer Liebessehnsucht hängen. Solange wir unsere Angst leugnen, werden wir uns nie sicher genug fühlen, wieder zu vertrauen. Erst wenn wir sie annehmen, können wir uns auf eine neue Liebe einlassen. Indem wir MIT unserer Angst in die Beziehung gehen.

Weiter lieben 

Meistens müssen wir uns dazu wieder mit unserer großen Enttäuschung auseinandersetzen. Svenja schrieb Alessandro schließlich einen Brief und bat ihn nach all den Jahren um eine Erklärung seines damaligen Verhaltens. Seine Antwort war ausweichend und wenig befriedigend. Aber Svenja hatte sich ihren Ängsten gestellt und begann danach, sich wieder vorsichtig auf Beziehungen einzulassen. Wenn wir in der Liebe schmerzhaft verletzt wurden, können wir vielleicht nicht genauso weiterlieben wie zuvor. Aber wir können weiter lieben.

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BRIGITTE 02/2020

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