Online-Dating ist frustrierend: Wir verlieben uns nicht effizient!

Liebe ist die Antwort auf alle Fragen? Nicht ganz. Sie stellt auch ziemlich viele. Psychologe und Paartherapeut Oskar Holzberg beantwortet sie alle.

Warum ist Online-Dating so wahnsinnig schrecklich? Weil niemand wirklich gern im Supermarkt einkauft ... Die große Liebe im virtuellen Partner-Shopping-Center finden zu wollen ist natürlich eine super unromantische Angelegenheit. Schließlich hatten ja auch weder die Minnesänger noch die Dichter der Romantik WLAN und konnten sich überlegen, ob sie lieber dieses holde Fräulein anklicken sollten oder jenes. Oder doch lieber dieses? Wir suchen die große Liebe im großen Gefühl. Es soll uns von den Füßen holen, der Blitz soll in unser Gefühlszentrum einschlagen. Wir möchten überwältigt werden. Und nicht im Restaurant zusammenzucken, weil unser Date seinem Foto kaum ähnlich sieht. Wir wollen der Liebe begegnen und uns nicht stundenlang damit quälen, wie wir uns am besten beschreiben, um nicht als Ladenhüter im Supermarktregal der Bindungswilligen zu verstauben. Die spontane Verzauberung durch eine zufällige Begegnung ist nicht nur aufregender, sie nimmt uns auch die Verantwortung für die Liebe ab: Wir haben es nicht geplant, aber nun haben unbewusste Gefühlsmächte für uns entschieden.

Früher Rendezvous – heute Einstellungstest 

Online-Dating ist dagegen so spontan wie Zähneputzen. Wir treffen uns mit der Absicht, die erste Wahl für den Bund des Lebens zu sein und selbst den Top-Kandidaten dafür zu finden. Was Menschen früher ein Rendezvous nannten, ähnelt heute mehr einem Einstellungsgespräch. Und wir hassen es, so auf dem Prüfstand zu stehen und zu schauen, ob wir miteinander ins Liebesgeschäft kommen. Vielleicht sieht er sogar hinreißend aus, ist witzig, einfühlsam und intelligent. Nur irgendwie will sich das Kribbeln, die Verliebtheit nicht einstellen.

Ist er einfach nicht unser Typ? Oder können wir einfach keine Gefühle entwickeln, weil alles so zwangsläufig und geplant ist? Und dann ist es auch noch wie mit den Marmeladen: Je mehr zur Auswahl stehen, um so unwahrscheinlicher ist es, dass wir zugreifen. Vor allem wenn ja vielleicht gleich noch ein besserer Prinz online geht. 

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Reale Partys sind chaotisch, wir reden hier, flirten dort, verschwinden, um uns Wein zu holen, beginnen ein neues Gespräch, bis vielleicht irgendwann mit irgendwem unsere Hormone zu sprudeln beginnen. Die Online-Dating-Party gleicht da mehr einer Excel-Tabelle. Erst filtern, dann vergleichen, dann einen treffen, abhaken, dann den Nächsten, auch kein Knüller, dann noch einen. Wenn wir Online-Dating schrecklich finden, dann fühlen wir im Grunde unsere Abneigung gegen die Zielgerichtetheit und Effizienz, in die wir verwickelt werden. 

Oskar Holzberg, 66, berät seit mehr als 20 Jahren in seiner Hamburger Praxis Paare und bekommt immer wieder Beziehungsfragen gestellt. Sein aktuelles Buch heißt: "Neue Schlüsselsätze der Liebe" (242 S., 20 Euro, Dumont).

Doch natürlich haben sich mittlerweile sehr viele Paare so kennengelernt. Und ich habe immer wieder Singles in Therapie, die ihre Abneigung gegen die gezielte Liebessuche ablegen und im Netz dann auch einen Partner finden. Susanne, eine Journalistin Mitte fünfzig, allerdings kündigte ihr Abo auf der Partner-Plattform. Sie fand genau dieses zielgerichtete Abchecken und Abgechecktwerden unerträglich. Doch vorher vereinbarte sie noch ein paar Dates, um Material für einen Artikel über den Frust des Online-Datings zu sammeln. Nun, dieser Artikel wurde nie geschrieben. Gleich beim ersten dieser Dates endete ihr Single-Leben. Seitdem ist sie schwer verliebt.

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BRIGITTE 04/2020

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