"ICH hätte sowas nie getan!" Warum dieser Vorwurf in der Liebe sinnlos ist

Wir alle haben die Sehnsucht, dass unser Liebster so tickt wie wir selbst. Doch das ist eine Illusion - zum Glück.

Ein Klassiker in (fast) jeder Beziehung

Kathrin spricht nicht einfach nur. Kathrin wettert. "Ehrlich, ich konnte ja verstehen, dass du viel arbeiten musstest. Das fand ich schon schwer. Aber wenn du dann endlich mal vier Tage am Stück zu Hause bist, und du gleich am ersten freien Abend deinen Arbeitskollegen mit zum Essen bringst, dann..."

Paul wirft die Hände in die Luft: "Arbeitskollegen? Zufällig ist er auch mein bester Freund!" Aber Kathrin ist nicht zu halten. "...dann frag ich mich wirklich, was mit dir los ist. Willst du unsere Beziehung überhaupt noch?" Sie starrt ihn an. Schließlich sagt sie: "Wenn ich endlich mal Zeit mit dir haben könnte, dann würde ich doch nie gleich an unserem ersten gemeinsamen Abend meine Freundin mitbringen."

"Okay, Sie würden das nicht tun", unterbreche ich. "Aber was wollen Sie Paul damit sagen?" Mir ist schon klar, dass ich provoziere. Aber manchmal werden auch Therapeuten ungeduldig. Und den "Ich an deiner Stelle hätte das nie getan"-Vorwurf höre ich ständig. Und genauso ständig macht er keinen Sinn.

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Der Vorwurf ist sinnlos

Oskar Holzberg ist seit über 30 Jahren verheiratet, seit mehr als 20 Jahren berät der Psychologe Paare. Dabei stellte er fest, dass einige Sätze für alle Beziehungen gelten. In jeder BRIGITTE stellt er einen davon vor.

"Das hätte ich an deiner Stelle nie getan!" - das ist ja nicht einfach eine wertfreie Feststellung. Sondern ein moralisches Urteil: Richtig ist es so, wie ich es machen würde, falsch ist, wie du es machst. Worauf sich der Beurteilte sofort dagegen wehrt, falsch zu sein, was zu dem üblichen, völlig sinnlosen Streit aus Vorwürfen und Rechtfertigungen führt.

Eine andere Variante des moralischen Appells lautet übrigens: "Das hätte ich nie von dir gedacht!" Das scheinbare Erstaunen kann nicht verdecken, dass auch hier die Vorstellungen des Anklagenden das Maß aller Dinge sind. Doch dahinter ist die Enttäuschung zu spüren, um die es tatsächlich geht.

Wir suchen uns vergeblich im Anderen

Wir haben eine tiefe Sehnsucht, dass unser wichtiger Anderer so sein soll wie wir selbst

Zunächst ist es Kathrins Gefühl, Paul nicht wichtig zu sein. Hier schwingt aber eine noch viel grundlegendere Enttäuschung mit: Sie erlebt, dass ihr Liebster anders ist als sie selbst. Unbewusst aber haben wir eine tiefe Sehnsucht, dass unser wichtiger Anderer so sein soll wie wir selbst. Eine Art innerer Zwilling, der genauso denkt wie ich, so fühlt wie ich. Dann würden wir uns nie mehr allein fühlen.

Wenn wir sehr verliebt sind, baden wir in diesem Einheitsgefühl aus frühen Kindertagen. Wir schweben auf der rosa Wolke der Übereinstimmung und sind uns gewiss, dass unsere Seelen im Gleichtakt schwingen. Zurück in der Realität werden wir aber immer wieder enttäuscht, weil uns unser Geliebter fremd sein kann und für uns unverständliche Dinge tut. Wir sind dann irritiert, wir protestieren dagegen.

Doch es geht darum, unsere Enttäuschung zu spüren. Wenn wir diese Enttäuschung über seine Fremdheit, sein Anderssein ausdrücken, dann können wir uns einander annähern. Letztlich suchen wir uns im Anderen vergeblich. Wir finden uns nicht in ihm wieder. Aber durch unsere Unterschiedlichkeit reiben wir uns aneinander.

Der Philosoph Theodor Adorno hat geschrieben: „Liebe ist die Fähigkeit, Ähnliches im Unähnlichen wahrzunehmen.“ Auf diesem Wege finden wir zu uns. Ich bin nicht du. Du bist nicht ich. Und das ist auch nicht nötig. Nein, es ist gut so.

Oskar Holzberg

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