Warum das Wort "immer" Gift für die Liebe ist

"Immer machst du das falsch!" Warum diese Sätze IMMER schief gehen, weiß Paartherapeut Oskar Holzberg.

Wir sollten Verallgemeinerungen meiden

Es fängt harmlos an. Irina sitzt an ihrem Schreibtisch, als Catarina ins Zimmer kommt. "Kann ich mal dein Handy haben? Ich kann meins nicht finden." Catarina öffnet vorsichtig die Tasche ihrer Partnerin, in der sie das Handy vermutet, und sagt: "Ich verschwinde auch gleich wieder." Denn sie weiß, dass Irina an ihrer Doktorarbeit sitzt. "Ja nimm es dir raus", murmelt Irina und fügt hinzu: "Aber wieso weißt du eigentlich nie, wo dein Handy ist?" Und plötzlich verliert Catarina ihre Zurückhaltung: "Wenn dir das schon zu viel ist, dann steck dir doch dein Handy sonst wohin. Und außerdem, wer sucht denn ständig ihren Schlüssel?" - "Was soll das denn jetzt...?"

Ja, was soll das denn jetzt? Scheinbar aus dem Nichts entwickelt sich hier einer jener unsinnigen Streits, wie wir sie aus unseren Beziehungen kennen. Ein Streit, den niemand wollte. Und der dann schnell eskaliert, weil es immer genügend Vorwürfe gibt, die wir einander machen können, wenn wir uns erst einmal verletzt fühlen. Und genau das ist geschehen. Catarina fühlte sich verletzt. Blitzschnell und fast unbewusst. Durch das kleine Wörtchen "nie". Wenn wir das ABC der Kommunikationsregeln kennen, dann wissen wir, dass wir Verallgemeinerungen vermeiden sollten.

Sex am Strand

"Immer" ist nie objektiv

Oskar Holzberg, 61, ist seit 30 Jahren verheiratet. Seit 20 Jahren berät der Psychologe Paare. Dabei stellte er fest, dass einige Sätze für alle Beziehungen gelten. In jeder BRIGITTE stellt er einen davon vor.

Sobald wir "immer", "nie" oder auch nur "häufig" verwenden, wird unser Gesprächspartner sofort darauf reagieren. Er wird versuchen zu beweisen, dass er nicht "immer" empfindlich reagiert und nicht "nie" die Marmeladengläser fest genug zuschraubt. Woraus sich dann eine heftige Diskussion ergeben kann. Bei der es nur vordergründig darum geht, einer objektiven Wahrheit näherzukommen. Denn mit "immer", "nie", "häufig" oder "selten" äußern wir unsere empfunden Wahrheiten und keine objektiv mitgezählten Ereignisse.

Und auch das, worauf wir reagieren, sind nicht Ungerechtigkeit oder Unwahrheit, auch wenn es sich so anfühlen mag. Wir reagieren darauf, wie wir wahrgenommen werden. Wie sieht uns unser Gegenüber? Wer sind wir für den anderen? Dafür sind wir hoch empfänglich. Schon eine Kollegin nimmt es uns übel, wenn wir behaupten, sie würde ja "häufig" mal die Mittagspause überziehen. Selbst wenn wir hinzufügen, dass wir das gar nicht schlimm finden.

Wir wollen nicht in der Achtung des anderen sinken

In Liebesbeziehungen entfalten die kleinen Worte ihre ganze Macht.

In Liebesbeziehungen entfalten die kleinen Worte ihre ganze Macht. Denn gleichgültig worüber wir inhaltlich sprechen: Was wir bewusst und unbewusst am intensivsten hören, sind die Botschaften, die wir über die Beziehung bekommen. Sind wir angenommen, werden wir geschätzt? Oder werden wir abgelehnt, geht der Partner auf Distanz?

Und dann kämpfen wir nur scheinbar darum, nicht ungerecht beurteilt zu werden. Tatsächlich aber darum, nicht in der Achtung des anderen zu sinken. Je heftiger ein Paar über ein "immer" in Streit gerät, umso unsicherer sind sich die Partner vermutlich über die gegenseitige Zuwendung. Dann sind die kleinen Verallgemeinerungen sogar wertvoll, weil sie auf Konflikte und fehlende Gefühle hinweisen. Doch wenn wir etwas klären oder einander nah bleiben wollen, dann sollten wir die Macht er Worte nicht unterschätzen und daran denken, dass "immer" immer schiefgeht.

Ein Artikel aus: Brigitte 04/2015 Text: Oskar Holzberg

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