"Allein unter Freundinnen": Leseprobe

Freundinnen sind immer auch Rivalinnen, sagt Eva Meschede. Deshalb hat sie über die Rivalität unter Freundinnen ein Buch geschrieben. Hier lesen Sie ein Kapitel aus "Allein unter Freundinnen".

Eva Meschede

Eva Meschede, 49, wusste schon in der ersten Klasse, das Mädchen untereinander immer auch Rivalinnen sind. Ihre Freundinnen darauf angesprochen hat die Journalistin und Mutter sie aber erst bei den Recherchen für ihr Buch "Allein unter Freundinnen". Viele der befragten Frauen erzählten nur zögern, wie es unter Verbündeten wirklich zugeht. Und wie viel Neid zum Beispiel beim Klettern aufkommt.

Die eine Hose ist eine geflickte, ausgewaschene, knallenge Jeans, Größe 34. Die andere eine (noch) hautenge glänzende, schwarze Stretchsatin-Hose, Größe 36. Letztere, die etwas größere, gehört meiner Freundin Bille. Und ich glaube, es war ihre Idee, dass wir die Hosen tauschen sollten. Es ist meine Lieblingsjeans, aber Bille ist meine beste Freundin im Wissenschafts- und Partydschungel der Universitätszeit, eben wichtiger als dieses zerfetzte Kleidungsstück. Ich willige ein: "Für vier Wochen", dann sollen die Hosen zurückgegeben werden. So ist es ausgemacht, denke ich. Und in dem Moment, in dem Bille mit meiner Hose abzieht, tut es mir schon leid. Vielleicht hätten wir es gelassen, wenn wir gewusst hätten, dass diese Aktion uns an den Rand unserer Freundschaft treiben sollte. Dass für immer so etwas wie eine ausgelassene Naht zwischen uns stehen würde.

Die Hosen waren im Grunde nur ein Symbol für unsere nicht eingestandene Rivalität. Eine schwarze Satinhose, die um einen 34er-Hintern schlabbert, sieht nicht sexy aus. Und eine 34er-Jeans, in die ein 36er-Hintern gequetscht wird, führt zu Atemnot. Keine passte in die Hose der anderen. Bille hungerte, um in meine Hose hinein zu kommen. Ich legte ihr gutes Satin-Teil unter die Nähmaschine, und schneiderte es enger. Trotzdem sah ich in der sexy Hose aus wie eine Kandidatin der Mini-Playback-Show. Nach drei Wochen wollte ich meine Gammel-Jeans zurück, zumal es Bille noch nicht geschafft hatte, sie länger als eine Stunde am Stück zu tragen. Ich ließ die Naht an der Satin-Hose wieder aus und forderte meinen Fetzen retour. Nun war Bille richtig beleidigt, ihre eigene Hose gefiel ihr nicht mehr. "Man sieht die ausgelassene Naht", behauptete sie. Sie würde sie nie wieder anziehen. Jahre später wird sie sagen, ich hätte ihr diese alte Jeans doch gönnen können.

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Meine Freundschaft zu Bille ist schon lange vorbei. Es gab keinen großen alles beendenden Krach, kein dramatisches Finale. Nach der Sache mit den Hosen versuchten wir so weiter zu machen, als wäre nichts geschehen. So wie Liebespaare manchmal vergeblich versuchen über einen Seitensprung hinweg zu kommen. Nach der Hosensache haben wir aber angefangen, uns langsam aus unserer Freundschaft fort zu schleichen, wie es so häufig in Frauenfreundschaften geschieht. Ich hatte Bille zum ersten Mal in einem Seminar für Kommunikationswissenschaften gesehen. Wir waren beide gerade 19 Jahre alt und zum Studieren von Zuhause weggegangen. Beide auf der Suche nach neuen Freunden. Dass es so einsam sein könnte an der Uni, in einer neuen Stadt, in der ersten eigenen Wohnung, das hatten wir vorher nicht geahnt: Freundin verzweifelt gesucht, war unser Motto. Bille fiel mir auf, weil sie im Erstsemester-Seminar sogar schon wusste, was Systemtheorie ist. Sie hatte schon einige Bücher der Literaturliste gelesen, und der Dozent kannte sie bereits nach der zweiten Stunde mit Namen:

"Frau Schmitt", sagte er immer, ansonsten kannte er keine andere Studentin mit Namen, nur noch zwei ältere männliche Seminarteilnehmer. Bille war hier eine Ausnahmeerscheinung: sexy, damenhaft gekleidet und schon mal mit einem auffälligen Simone de Beauvoir- Turban auf dem Kopf, geschminkt, mit lackierten Fingernägeln. Ich dagegen war eher eine unauffällige Erscheinung, angepasst im Späthippie-Stil, mit Jeans und blauem, schwarzem oder grauem T-Shirt, wie die meisten Studenten, mal abgesehen von den Strebern in Anzug. Oder den Verrückten - wie Bille eine war. Sie hatte etwas zu sagen, sie war laut, an ihr kam keiner vorbei. Die, die so anders war als ich, interessierte mich: "Die will ich kennen lernen", dachte ich. Und das sollte ich schon bald. Gesucht und gefunden, wir sahen uns oder telefonierten fast jeden Tag. Wir meldeten uns zusammen für die Zwischenprüfung an, fielen zusammen durch, lernten zusammen und feierten Studentenpartys.

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Wir wurden innige, enge Freundinnen, fanden die Mehrzahl unserer Kommilitonen blöd, Nina Hagen, Punk und Frank Zappa toll, das Studium langweilig, Party bis zum Morgengrauen super. Allerdings waren wir auch Rivalinnen. Uneingestanden. Bille nannte die vielen Dates, die sie hatte, "Kerben ". Kerben, die man in den Bettpfosten schnitzt: "Verstehe gar nicht, wie du so ganz ohne Kerben auskommen kannst", sagte sie zu mir. Der Stachel saß, war ich doch viel harmloser in dieser Beziehung und eher auf der Suche nach Mr. Right als nach Kerben. Jedenfalls zog ich eines Nachts im Fasching los, ohne Bille zu informieren. Kostümiert im Geisha-Look gab es ein klares Ziel für diesen Abend: Die Aufmerksamkeit einer von Bille bisher vergeblich anvisierten Kerbe zu erregen. Der Kerl war ein dummer, arroganter, großer, langhaariger Typ, Student mit Cowboystiefeln und weißen Jeans; eigentlich gar nicht mein Fall. Doch ich erreichte mein Ziel und noch heute kann ich mich hämisch freuen, wenn ich an das Telefongespräch denke, das ich am nächsten Tag mit Bille führte. "Mit wem hast du eine Verabredung?" rief sie in den Hörer. Ich lachte innerlich schadenfroh. Wir konkurrierten um Männer, um Freunde, um Noten, um wildes Leben und ums Aussehen. Ich wäre gerne so wie Bille gewesen, weiblicher, mit mehr Busen und mehr Hüfte. Ich hätte gerne so glatte schwarze glänzende Haare gehabt wie sie, statt meiner krausen brauen. Ich wäre aber vor allem auch gerne so auffällig gewesen wie sie, so extrovertiert. Mich übersah man eher.

Bille machte in einer Bar bei einem Wettbewerb mit; Leute kopierten ihre Stars. So eine Art: "Der Club um die Ecke sucht den Superstar." Bille sang also in einer verrauchten Rockkneipe auf der Bühne Nina Hagen, wackelte mit dem Hintern, stolzierte mit High-Heels über die Bühne: "Warum soll ich meine Pflicht als Frau erfüllen, für wen?" Ich wusste nicht, wie ich das fand. Peinlich oder gut? Zudem kannte sie den Text nur von mir, ich sang ihn immer, es war mein Lied. Was Musik anging, hatte Bille gar keine Ahnung. Das wäre eigentlich meine Show gewesen. Oder nicht?

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Bille gewann und ich sagte ihr, dass ich mich in der Öffentlichkeit nie so produzieren würde. Das stimmte zwar, aber nur deshalb, weil ich mich nie getraut hätte. So ein Auftritt lag einfach nicht im Bereich meiner Möglichkeiten, schon allein die High-Heels hätten mir damals Probleme bereitet. Ich musste es noch ein paar Jahre üben. Nachdem ich ihr erklärt hatte, dass ich sie irgendwie peinlich fände, kam sie mir beleidigt vor. War ich neidisch? Das kann man wohl sagen. Wir waren beide neidisch. Ich wollte so sein wie Bille. Und Bille wollte wie ich sein, dünn, zierlich, mädchenhaft eben. Sie wollte vor allem jemand sein, für den das Wort Diät ein Fremdwort ist. Bille hungerte, um in meine geflickte Jeans zu passen. Ich wusste diesen Erfolg zu verhindern und nahm ihr die Hose wieder weg.

Schluss, Aus und Ende haben wir nie gesagt. Lange fragte ich mich, warum wir dann gar keinen Kontakt mehr hatten, waren wir doch einmal unzertrennlich gewesen. Viele Jahre, ein paar Männer und Kinder später, trafen wir uns nach langer Pause ein einziges Mal wieder. "Die Hose", sagte Bille, "die Hose hättest du mir doch lassen können." Ganz sicher hätte sie irgendwann hineingepasst. In meine Hose.

Allein unter Freundinnen Rivalität zwischen Frauen Eva Meschede 176 Seiten Herder Verlag Preis: 12,95 Euro

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