Einen Gang Runterschalten – Tipps vom Experten

Muße ist, wenn wir uns wieder gestatten anzukommen, statt immer wegzulaufen. Diese Fähigkeit ist vielen von uns verloren gegangen. Der Autor Ulrich Schnabel erklärt warum – und wie wir sie wiederfinden können.

BRIGITTE: Herr Schnabel, hatten Sie heute schon Muße?

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ULRICH SCHNABEL: Nach unserem Gespräch gehe ich noch in eine Generalprobe in der Elbphilharmonie. Das werden zwei Stunden Muße: in der Musik schwelgen, an keine Termine und Verpflichtungen denken.

Ist Muße also so ähnlich wie Nichtstun?

Nicht zwingend. Man kann die Muße ebenso beim Nichtstun erleben wie in der Aktivität. Für die einen heißt es, einem Konzert zu lauschen, andere erleben Muße bei der Gartenarbeit, beim Singen oder beim Tagträumen. Muße hat mehr mit einer inneren Haltung zu tun als mit konkreten Tätigkeiten: Man fühlt sich in Einklang mit den Dingen, die einem wirklich etwas bedeuten, und verbunden mit der Welt. Der Moment, in dem es klick macht: Ah, deshalb bin ich hier.

Muße ist nicht gleich Pause

Muße ist also nicht zu verwechseln mit einer verdienten Pause?

Nein, das wäre die typische Verwertungslogik: Durch Leistung verdiene ich mir das Recht auf eine Pause. Muße ist eine Zeit, in der ich einfach mache, was mir liegt. Ganz gleich, ob ich vorher fleißig war oder nicht. Gerade das macht uns lebendig.

Aber die landläufige Meinung ist doch, dass Freude und Lebendigkeit entstehen, wenn wir unsere Ziele erreichen.

Das ist einer der größten Irrtümer der modernen Zeit: zu glauben, dass wir uns mit uns selbst und der Welt verbunden fühlen, wenn wir erfolgreich sind und unsere Aufgaben gut erledigen. Aber da irren wir uns. Zufriedenheit und das Gefühl von Sinn entstehen, wenn wir mit uns selbst in Kontakt sind. Es ist ein Gefühl von Resonanz mit sich und der Welt. Und das erleben wir in der Muße.

Und wenn wir der Muße keinen Platz in unserem Leben geben, fühlt sich alles sinnlos an?

Das kann passieren.

Woran merke ich, wenn in meinem Leben zu wenig Muße ist?

Sehr viele Menschen haben objektiv viel erreicht, ihr Alltag läuft gut. Und dennoch nagt etwas in ihnen. Etwas fehlt. Sie hoffen, dass der nächste Urlaub das tolle Lebensgefühl auslöst. Oder dass sich alles richtig anfühlen wird, wenn sie im Job etwas ändern. Das ist ein Hinweis auf zu wenig Muße. Der Soziologe Hartmut Rosa hat unseren typischen Lebensstil der modernen Welt einmal sehr schön beschrieben: Wir sind permanent beschäftigt, die Bedingungen für das gute Leben herzustellen – Geld, Arbeit, Wohnung hübsch machen, Haus ausbauen –, aber wir sind unfähig, das gute Leben zu genießen. Wir gestatten uns nie anzukommen. In Mußezeiten gelingt uns das.

Seine ganz persönliche Muße entdecken 

Wie entdecke ich meine ganz persönliche Muße?

Überlegen Sie sich, was Ihnen als Kind Spaß gemacht hat! In der Kindheit bilden sich Vorlieben heraus. Kinder vertiefen sich ganz in die Tätigkeiten, die sie fesseln. Lieblingsbeschäftigungen aus Kindertagen sind ein guter Hinweis, wie man sich wieder mit sich selbst verbinden kann.

Heißt das, unser auf Effizienz gerichteter Alltag killt unsere Mußefähigkeiten?

In gewisser Weise ja. In unserer Gesellschaft ist Leistung der höchste Wert. Erfolgreich ist jemand, der leistet, und nicht jemand, der müßig geht. Und weil wir uns an gesellschaftlichen Normen und unseren Mitmenschen orientieren, ist es gar nicht so leicht, mehr Ruhe und Muße in sein Leben zu bringen. Schnell fühlt man sich "faul" – und streicht seine Mußezeiten wieder auf ein Minimum zusammen.

War das schon immer so?

Nicht immer, aber vermutlich bereits sehr lange. Bis lange ins Mittelalter hinein wurde der Wert des Lebens vor allem über die Verbundenheit mit Gott bestimmt. Wer gottesfürchtig lebte, konnte auf das ewige Leben hoffen. Er machte alles richtig und konnte sich entspannen. Auch wenn die Menschen mehr arbeiteten, waren sie weniger gehetzt, Muße war normaler im Alltag. Dann kam das Industriezeitalter, Religion und Tradition verloren an Bedeutung, an ihre Stelle trat materieller Erfolg. Seitdem ist ein gutes Leben eines, in dem man viel leistet und sich viel leisten kann. Die Muße hat es seitdem schwer.

Man kann sein Leben immer noch verbessern, noch fitter und erfolgreicher werden

Weil wir immer weiter wollen …?

Ja, der Referenzrahmen Leistung kennt kein "gut genug". Man kann sein Leben immer noch verbessern, noch fitter und erfolgreicher werden. Erst vorhin las ich auf einer Zeitschrift die Titelzeile: "War das alles? Nein, natürlich nicht!" Wir sind davon überzeugt, immer noch mehr aus unserem Leben rausholen zu müssen. Die positive Seite der Nachricht ist, dass wir unser Leben gestalten können. Die schwierige Seite, dass es nie reicht.

Wie kann man das für sich ändern?

Wir versuchen häufig punktuell, Zeiten der Ruhe in unser Leben zu bringen. Wir machen Yoga und meditieren. Aber oft bleibt dieser Versuch an der Oberfläche. Wenn man sich von der Hektik und der "Es-ist-nie-genug-Dynamik" wirklich lösen möchte, muss man sich seiner ganz persönlichen Werte bewusst werden und sich grundsätzlich fragen: Wie müsste mein Leben sein, damit ich sage: Jetzt ist es gut. Erst wenn ich das weiß, kann ich meinen Alltag entschleunigen, indem ich mich öfter frage: Muss ich das jetzt wirklich tun? Will ich das? Entspricht es meinen Werten?

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BRIGITTE 16/2019

Wer hier schreibt:

Carola Kleinschmidt
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