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Psychologie "Expertin für Neuanfänge" verrät: Wo du in einer Krise Zuversicht und Hoffnung finden kannst

Zuversicht: Glückliche Frau in der Natur
© oatawa / Shutterstock
Hoffnungsfroh in die Zukunft zu blicken ist eine nicht zu unterschätzende Stärke. Aber woher nehmen? Coach und Autorin Anastasia Umrik über die festeste und beste Überzeugung ihres Lebens.

Die einen sind zuversichtlich, andere eher nicht. Woher kommt’s?

ANASTASIA UMRIK:Zuversicht ist erst mal ein Geschenk, das wir im Herzen tragen, wenn wir auf die Welt kommen – und zwar wir alle. Und dann wird diese Zuversicht durch unsere Erfahrungen gefestigt: Wenn wir Dinge ausprobieren und dabei lernen, wo unsere Möglichkeiten liegen. Wenn wir problematische Situationen erleben und sie anschließend auch noch lösen. Stück für Stück wird aus dem einst kindlichen Gefühl eine feste Überzeugung, und schließlich eine Art "Ausrüstung" für alle möglichen Krisen. Oder eben auch nicht. Ich beobachte in mir selbst zwei Stränge der Zuversicht. Einer davon besteht aus dem "kosmischen" Urvertrauen, dass man vom Leben selbst getragen wird und sich die Dinge schon richten werden. Der andere Strang besteht aus den bisher gesammelten Lebenserfahrungen und dem offen-sichtlichen Beweis, dass ich stark genug bin, das Leben mit all seinen Hürden zu wuppen, ganz egal was noch kommen mag.

Was unterscheidet Zuversicht vom positiven Denken?

Gute Frage. Oft wird Zuversicht mit "positivem Mindset" verwechselt. Das eine sind leere, schöne Worte. Das andere ist echte innere Stabilität, eine tiefe Überzeugung in uns, "dass es schon irgendwie gut gehen wird".

Aber auch Sie haben die Zuversicht schon mal verloren.

Mit 29 Jahren wäre ich fast gestorben. Ich bin bei einem Abendessen beinahe erstickt. Darauf folgte eine lange Zeit, in der ich depressiv am Fenster saß oder stundenlang im Bett lag – nichts ging mehr. Anstatt mich zu freuen, dass ich überlebt hatte, dachte ich oft: Fast zu sterben ist eigentlich schlimmer als das Sterben an sich. Denn mit dem Danach muss ich zurechtkommen. Welchen Sinn hat das Dasein bisher gehabt und welchen soll es noch haben? Lohnt sich das alles hier noch? Es gab schon viele Ereignisse davor in meinem Leben, die mich hätten zerstören oder gar umbringen können, etwa eine elfstündige Operation an der Wirbelsäule. Doch diesmal hatte es mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Dass ich in einer ernsten Krise gelandet war, wollte ich nicht wahrhaben.

Viele Menschen erleben zumindest einmal im Leben eine tiefe Sinnkrise – beispielsweise durch eine Kündigung, eine Trennung, eine Krankheit. Was hat Ihnen damals geholfen?

Fast ein Jahr nach diesem Vorfall landete ich durch einen Zufall bei einer "Holistic-Breathwork"-Therapeutin. Nach etwa einer Viertelstunde bewussten Atmens brach etwas Hartes in mir auf und ich weinte mehrere Stunden am Stück. Ich habe mich daraufhin jeden Tag im bewussten Atmen geübt und versucht, weder meine Tränen noch meine Verzweiflung zu bewerten. Die Gefühle kamen wie eine Welle hoch, ich bemerkte sie, ließ sie in Ruhe und atmete bewusst und ruhig weiter, bis sie wieder nachließen. Wenn man mich also fragt, was mich "gerettet" hat, sage ich: das tägliche bewusste Atmen und die dadurch gesteigerte Verbindung zu mir selbst hatte einen großen Anteil. Aber das Allerwichtigste war: Ich machte jeden Tag eine kleine Handlung, die mich erfreute. Ich kaufte Blumen oder kochte mir ein gutes Essen. Eine kleine Sache, die mir bewies, dass dieses Leben schön sein kann. Und mit der Zeit merkte ich, dass ich wieder öfter lächelte und weniger weinte. Die Zuversicht ist ein "Ja!" zum Leben – trotz allem. Daran muss man sich immer wieder erinnern.

Was raten Sie jemandem, der sich gerade akut hoffnungslos fühlt?

Es gibt einen Ort, der in jedem von uns existiert, an dem es still und friedlich ist. An diesem kleinen Ort ist die Zuversicht zu Hause. Erlaube dir, einen Besuch an diesen friedlichen Ort zu machen. Atme fünf Mal bewusst ein und wieder aus. Fühle: Es ist alles in Ordnung. Das, was dir Sorgen bereitet, liegt weit in der Zukunft. Es ist nur eine Idee davon, was passieren könnte. Es ist nicht real. Wenn es so weit ist, wirst du ganz genau wissen, was zu tun ist. Oder du hängst in der Vergangenheit fest. Auch das ist nicht mehr real - es ist doch längst vorbei. Jetzt, in dieser Sekunde, ist alles in Ordnung. Du bist sicher. Sollten die Zweifel zurückkehren – und das werden sie –, dann erinnere dich immer und immer wieder daran: Du hast bis zu diesem Moment unheimlich viele Hürden und Herausforderungen überwunden. Jedes Mal dachtest du zu Recht, so schwer war es noch nie. Und es hat dich keiner auf den Arm genommen und bis hierher getragen – das warst du ganz allein! Warum solltest du den Rest nicht auch noch schaffen?

Anastasia Umrik, 34, ist "Expertin für Neuanfänge": Mit sieben Jahren kam sie mit ihren Eltern aus Kasachstan nach Deutschland, kurz darauf wurde bei ihr die Diagnose Spinale Muskelatrophie gestellt. Sie kämpfte sich von der Sonderschule auf die Universität, initiierte u. a. das inklusive Designlabel "Inkluwas" und arbeitet heute als Coachin, Rednerin und Autorin. Ihr aktuelles Buch heißt: "Du bist in einer Krise. Herzlichen Glückwunsch" (240 S., 15 Euro, Fischer TB).

Brigitte

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