"Hilfe, Kotelett-Knie!": Kleine Makel nagen am Selbstwertgefühl

Busen zu klein, Haare zu dünn: Irgendwas ist immer verkehrt. BRIGITTE-Autorin Kathrin Tsainis über unser Schönheitsideal und den Umgang mit körperlichen Makeln.

Sie verderben uns den Spaß an Tiramisu oder tiefen Dekolletés, lassen uns nur hinter vorgehaltener Hand lachen und jagen uns aus Umkleidekabinen - dafür aber bei Wind und Wetter zum Joggen. Ganz abgesehen davon, dass sie diese unerfreuliche Fähigkeit zur Metamorphose haben: Ist man eine in ihrer Gestalt als Rettungsring endlich losgeworden, taucht sie plötzlich als schlackerndes Kehlläppchen wieder auf.

Promi-Frauen und ihre Schönheitsmakel

Augenfarbe: Frau verdeckt Gesicht

Makel sind eben echte Biester. Und doch pflegen die meisten von uns ein intensives und langjähriges Verhältnis zu ihnen. Würden wir auf unsere Allgemeinbildung ebenso viel Energie verwenden wie auf die Geißelung unserer optischen Defizite, wir könnten uns bei Günther Jauch wahrscheinlich reich brillieren - und bräuchten nicht mal den Telefon-Joker. Wobei es gar keine Rolle spielt, dass manches, was uns regelmäßig auf die Stimmung schlägt, für andere absolut nicht als Makel erkennbar ist. Nehmen wir nur mal Gretas Schenkel. Betrachtet Greta ihre Schenkel, genau genommen ihre Schenkelinnenseite, sagt sie in der Regel: "Ich hasse meine Schenkel! Und hier....", sie zerrt an für mich völlig normal aussehendem Fleisch, "Kotelett-Knie!!!" Betrachte ich Gretas Schenkel, sage ich in der Regel: "Für solche Beine würde ich nackt auf der Straße tanzen!!!"

Gegen liebende Blicke haben Makel keine Chance

Es ist wie mit so vielem im Leben: Man träumt von dem, was man nicht hat, und wünscht sich das, womit man ausgestattet ist, ganz anders. Die Macken lassen uns einfach nie gut genug sein, zumal ihr Einfluss viel zu oft nach der einfachen mathematischen Regel funktioniert, laut der Plus mal Minus immer noch Minus ist. Anders ausgedrückt: Die Wangenknochen können noch so toll sein, große Poren bleiben nun mal große Poren. Schon allein, weil sie derart viel Aufmerksamkeit binden, dass man die hübschen Wangenknochen gar nicht wahrnimmt - geschweige denn entsprechend zu würdigen weiß.

Aber manchmal, ja manchmal passiert es, dass sich die Macke im wahrsten Sinne des Wortes in Wohlgefallen auflöst. Was habe ich unter meinen Wurstfingern gelitten! Pianistinnenhände wollte ich haben, filigran und schmal. Bis aus den "fetten Metzgerpratzen", wie meine Geschwister sie nachhaltig eindrücklich zu titulieren pflegten, "niedliche Affenpfotschen" wurden - so nannte sie ein wichtiger Mann in meinem Leben. Nicht auf Nachfrage übrigens, er fand meine Hände wirklich süß, und ich fing an, sie buchstäblich mit neuen Augen zu sehen. Ja, die Finger haben in der Tat an Breite einiges abbekommen, was ihnen an Länge fehlt. Was soll's? Ich habe mich an sie gewöhnt, es sind gute, starke Hände, die ich mit klobigen Ringen inzwischen sogar betone, und wenn sie frisch manikürt sind, finde ich sie hinreißend - obwohl bewusster Mann in meinem Leben längst keine Rolle mehr spielt.

Gegen liebende Blicke haben Makel keine Chance, und hin und wieder hilft es auch schon, wenn Vorbilder auftauchen, die die vermeintliche Macke in einen Vorzug verwandeln. Geht es ums Aussehen, können sich nun mal die wenigsten von äußeren Einflüssen frei machen. So gilt spätestens seit Lauren Hutton und Jane Birkin eine Zahnlücke als sexy, und was die Werbekampagne eines großen Kosmetik-Herstellers für das Selbstbild von Frauen mit Hüftgold getan hat, lässt sich wohl kaum ermessen. Tina dagegen würde nie etwas auf Kate Moss kommen lassen - Skandale hin, schlechter Männer-Geschmack her.

Das Katastrophengebiet verwandelt sich in eine zumindest halbwegs befriedete Zone

Ich kenne Tina noch als "Holland-Tina". Den Spitznamen trug sie zu Schulzeiten, weil sie obenrum recht flach geraten war. Daran hat sich trotz zweier Kinder nichts geändert, nur machen ihr die fehlenden Rundungen längst nichts mehr aus. "Für mich war es damals wie eine Erlösung, dass so ein Zaunpfahl wie die Moss plötzlich als schön gilt. Abgesehen davon, dass ich heute ganz froh darüber bin, dass bei mir nicht allzu viel da ist, was nach unten streben könnte..." Umdeutung nennen das Psychologen: An den Tatsachen ändert sich nichts, aber daran, wie man über sie denkt und spricht, und das wiederum verändert nach und nach das Gefühl. Es fällt nun mal deutlich leichter, einen "eleganten Schwanenhals" anzunehmen als einen, mit dem man "aus der Dachrinne trinken kann". Manchmal ist es auch viel profaner. "Öde" Augenfarbe? Kein Problem, schließlich gibt’s Kontaktlinsen von knallblau bis nougatbraun. "Zu kurze" Beine? Rauf auf die hohen Hacken! Und wo man selbst nicht weiterkommt, helfen Profis des Vertrauens. So fühlt sich eine Kollegin mit ihrer nicht wirklich Boutiquen-tauglichen Taillen-Hüft-Proportion sehr viel besser, seit sie diese tolle Schneiderin kennt.

Gewusst wie/was/und wo vermag der Macke ihren Schrecken zu rauben: Das Katastrophengebiet verwandelt sich in eine zumindest halbwegs befriedete Zone. Das ist schon mal nicht schlecht - und nicht zuletzt Ergebnis einer gewissen Lebenserfahrung. Die lehrt auch, sofern man dazu bereit ist, das eigene Aussehen überhaupt etwas relativer und mit mehr Wohlwollen zu betrachten. Ich jedenfalls möchte nicht mehr 20 sein. Damals hatte ich zwar deutlich weniger Cellulite, aber über das Wenige habe ich mich deutlich mehr aufgeregt. Wahrscheinlich, weil man erst mit zunehmendem Alter zu kapieren beginnt, dass Schönheit auch eine Frage der Einstellung ist und Macken nur die Macht haben, die man ihnen zugesteht.

Wir können immer sofort springen, wenn sie uns wieder piesacken wollen, oder ihnen einfach mal ein "Halt die Klappe!" entgegenschleudern. Sicher, es ist bestimmt nicht alles perfekt, es gäbe immer irgendwas zu tun - oder zu lassen. Aber sich davon den Tag versauen lassen? Dazu ist das Leben doch viel zu kurz, oder?

Text: Kathrin TsainisFoto: iStockphoto.com
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