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"Ich brauche stärkere Nerven"


Melanie Zimmermann, 32, ist selbständige Friseurmeisterin. Sie lebt glücklich mit Mann und dreijährigem Sohn in Fulda. Manchmal aber wächst ihr alles über den Kopf. Dann weiß sie: "Ich brauche stärkere Nerven"

Die Ausgangssituation

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Melanies Tag ist ganz schön voll: Morgens führt sie ihren eigenen Friseursalon, zusammen mit ihrem Mann. Hier soll sich jeder wohl fühlen, Kunden wie Mitarbeiter. Harmonie ist Melanie wichtig. Sie fühlt mit, wenn Kunden erzählen. Probleme der Mitarbeiter gehen ihr nahe. Es fällt ihr aber schwer, die Chefin zu sein, Angestellten Prioritäten vorzugeben. Wenn Kunden an vollen Tagen Zusatzbehandlungen möchten, kann sie schlecht Nein sagen. Äußerlich freundlich, wird sie innerlich immer angespannter. Der Nachmittag gehört dann ihrem Sohn, aber auch dem Haushalt. Viel Geduld für den Sohn ist dann nicht mehr übrig. Wenn er sich nicht anziehen lässt oder einfach nicht hören will, wird sie schnell laut und explodiert. Am Abend fühlt sich Melanie ausgelaugt. Sie friert, ist körperlich verspannt, möchte sich am liebsten in sich selbst verkriechen. Melanie wünscht sich dann einfach mehr Gelassenheit und stärkere Nerven in Job und Privatleben, damit ihr Tag nicht mehr so viel Kraft kostet.

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Melanie bewältigt eine vierfache Belastung: Sie ist Mutter, Ehefrau, selbständige Friseurmeisterin und macht auch noch die Hausarbeit. Ihre gereizte Stimmung zeigt: Die Batterien sind leer. Sie gibt zu viel Energie an andere ab. Drei Dinge können das verhindern: 1. Melanie muss sich gegen Energieräuber abschotten. Frauen wie sie sind stets ansprechbar, hören zu und nehmen jedes Gespräch in sich auf. Das ist Kraft raubend. Ich rate Melanie, sich abzugrenzen. Sie muss nicht immer auf andere eingehen. Wenn ihr Konflikt- oder Krankheitsgeschichten zu viel werden, kann sie das Gespräch auf Erfreuliches lenken. 2. Sie sollte einen gesunden Egoismus entwickeln. Das bedeutet, dass Melanie die Ansprüche an sich selbst runterschraubt - die Betten müssen nicht jeden Tag gemacht werden und eine Bio-Tiefkühlpizza ist auch mal okay. Das schafft Raum für Pausen und die braucht Melanie dringend. 3. Melanie darf sich nur Tragbares aufladen. Dazu muss sie dringend üben, Nein zu sagen. Lächelnd abzulehnen ist nicht unhöflich.

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Nach chinesischer Lehre ist Melanie ein kardialer Menschentyp. Das bedeutet, sie ist sehr kontaktfreudig und macht gern viele Dinge auf einmal. Die Kehrseite: Melanie übernimmt sich schnell und zehrt sich auf. Weiterer Grund für Melanies Gereiztheit ist ihr "Xue-Mangel". Xue ist zirkulierende Flüssigkeit im Körper, unter anderem Blut oder Lymphe. Wer zu wenig Xue hat, ist schnell erschöpft, hektisch und leicht aufbrausend. Ich rate Melanie deshalb als Teil einer chinesischen Gesamttherapie zu einem Energie stärkenden Dekokt (Abkochung) aus Kräutern wie chinesischem Engelswurz, Liebstöckel und der Wurzel der weißen Pfingstrose. Zu stärkeren Nerven führt auch eine Massage der Mittellinien der Handinnenfläche. Und die neue Do-it-yourself-Handakupressur mit "Zen-Ringen"*. Dabei werden die Akupressurringe rhythmisch über einzelne Finger gerollt. Das stimuliert zahlreiche Akupressurpunkte. Zwei- bis dreimal täglich fünf Minuten, vor allem über Daumen und kleine Finger streifen, ist ideal. Ihr Energiefluss wird sich nach und nach verbessern.

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"Heißhunger auf Süßes" fiel mir sofort bei der Analyse von Melanies Ernährungsprotokoll auf, das sie vier Wochen führte. Nach fernöstlicher Ernährungslehre ist das ein Zeichen für fehlende Energie. Qi-Mangel kann trotz ausgewogener Ernährung entstehen. Wenn zu viele auskühlende Lebensmittel gegessen werden. Bei Melanie sind das Kaffee, Zitrusfrüchte und Milchprodukte. Alle Lebensmittel haben nämlich eine thermische Wirkung auf den Körper, die nicht von ihrer eigentlichen Temperatur abhängt. Selbst heiße Getränke wie Kaffee können demnach auskühlen, Verdauung und Energie schwächen. Deshalb rate ich Melanie, die wärmende Wirkung von Zimt und Kardamom zu nutzen und durch Zugabe dieser Gewürze den Kühleffekt ihres Kaffees zu neutralisieren. Ergänzend kann Ingwertee diese innere Erwärmung unterstützen. Zum Frühstück empfehle ich Melanie gekochtes Getreide mit Trockenfrüchten und Nüssen. Außerdem sollte sie als Vegetarierin viele Hülsenfrüchte essen, um ihren Eiweißbedarf zu decken. Proteine sind wichtig für gute Nerven.

** Aktuelles Buch: "Sanfte Selbstbehauptung. Die 5 besten Strategien, sich souverän durchzusetzen", 180 Seiten, Kösel-Verlag, 16,95 Euro * www.zen-link.net, Zen-Akupressur-Ringe 14,80 Euro

... und das hat's gebracht:

Nach einer Woche Erstaunt hat mich, wie einig sich die Experten über meine Stärken und Schwächen waren und wie sehr ich mich in ihren Analysen wiedergefunden habe. Neu war mir der Gedanke, mein dünnes Nervenkostüm könnte vielleicht an zu viel Aktivität liegen. Aber viele Dinge, die ich ahnte, sind mir jetzt bewusst. Ich versuche, nicht mehr so schnell Ja zu sagen und zwischendurch aufzutanken. Noch fällt mir das schwer – aber ab und zu klappt es sogar schon ganz gut. Ein Ernährungsprotokoll zu führen, also genau aufzuschreiben, was ich wann gegessen und getrunken habe, war zwar anstrengend, aber schaffte Klarheit: Ich habe jede Menge Süßigkeiten im Auto gegessen. Damit ist jetzt Schluss. Jetzt ernähre ich mich noch bewusster und versuche, weniger als vier Tassen Kaffee am Tag zu trinken. Stilles Wasser ersetze ich nun durch 1 bis 2 Liter warmes Ingwerwasser. Die Wärme tut mir gut. Aufgrund der morgendlichen Eile habe ich es erst einmal geschafft, warm zu frühstücken, aber das fand ich bereits ziemlich angenehm. Die Zen-Ringe nutze ich ein- bis zweimal täglich. Sie beleben die Hände und führen mich für ein paar Minuten zu mir selbst zurück. Das empfinde ich als sehr entspannend und wohltuend.

Nach einem Monat Es geht mir viel besser. Mein Tag fühlt sich weniger anstrengend an. Als ich begonnen habe, die Kräuter gegen den Xue-Mangel zu nehmen, war ich erst mal erschöpft, habe schlechte Haut bekommen. Aber solche ersten Verschlechterungen kenne ich aus der Homöopathie. Das hat mich nicht beunruhigt. Nach dieser "ersten Reinigung" fühle ich mich nun stabil. Ich hab ein wohliges Körpergefühl und strahlende Haut. Zur Handakupressur komme ich nur noch phasenweise, aber wenn, dann durchbluten Zen-Ringe oder Massage meine sonst oft kalten Hände und anschließend fühle ich mich deutlich entspannter. Konfliktgeschichten meiner Kunden nehme ich weiterhin ernst, versuche aber meist, das Gespräch in eine positive Richtung zu lenken. Die Kunden scheint das nicht zu stören - im Gegenteil. Es gelingt mir auch deutlich besser, die Probleme anderer mit mehr Abstand zu betrachten. Generell überdenke ich mein Handeln stärker als vorher, bleibe auch bei Wutattacken meines Sohnes ruhiger, beobachte und überlege, wie ich am sinnvollsten reagiere. Auch mich und meine Ernährung nehme ich bewusster wahr. Klar, die Ernährungsempfehlungen bedeuteten schon eine Umstellung. Anstatt Müsli oder Obstquark, gibt es jetzt gedünstete Äpfel mit Haferflocken und Nüssen, abgelöscht mit Apfelsaft und Zimt. Das macht satt und gibt tatsächlich innere Wärme für den Tag. Ich fühle mich wirklich besser damit. Kaffee mit Kardamom schmeckt mir auch klasse und mit zwei Tassen ist mein Kaffeedurst jetzt gelöscht. Es ist schon fast unheimlich, wie gut das alles funktioniert hat: Ich bin Energie geladener und insgesamt deutlich gelassener geworden und darum möchte ich diesen Weg auch weiter gehen.

Text: Stefanie Wiggenhorn BRIGITTE Balance 01/2006

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