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"Ich möchte aktiver leben"

Aktiv leben
© Alena Ozerova / Shutterstock
Ina Martens ist 37, Bauingenieurin und glücklich verheiratet in Hamburg. Beruflich erfolgreich, fehlt ihr privat der Schwung. Sie sagt: "Ich möchte aktiver leben"

Die Ausgangssituation

Verantwortung, Verlässlichkeit und Termindruck - für Ina selbstverständlich. In ihrem Job gibt sie alles. Abends fühlt sich Ina meist völlig schlapp und leer. Ihre Kraft reicht gerade noch für den Weg zum Sofa. Ina spürt, irgendetwas läuft da falsch. Früher hat sie gern gemalt. Heute scheint jegliche Kreativität verloren. Sie kocht auch gern - eigentlich. Und trotzdem ertappt sie sich spätabends mit ihrem Mann bei Pasta oder Pizza vom Lieferservice. Seit ihrer Heirat vor ein paar Jahren hat sie auch schon fünf Kilo zugenommen. Eigentlich will sie die wieder loswerden. Und eigentlich will sie auch, seit sie 35 ist, raus aus der Fernsehfalle, gesünder essen und mehr Sport treiben - Tennis oder Reiten wäre schön. Aber sie kann sich einfach nicht aufraffen. Selbst Vorsätze, mehr zu lesen oder spazieren zu gehen, scheitern an ihrer "diffusen Müdigkeit". Nicht mal am Wochenende, wenn sie Zeit hat, kann sie sich motivieren. Sie hält dann zwar den Haushalt in Schwung, schläft aber ansonsten einfach nur viel - allerdings oft unruhig und damit kein bisschen erholsam. Warum sie daran nichts ändert? Schulterzucken. Ina braucht einfach einen Schubs.

Für Ina ist der Job zum wichtigsten "Lebenssinn" geworden. Ihre persönlichen Träume, Ziele und Begabungen hat sie ausgeblendet. In ihrer Freizeit fehlt ihr deshalb jede Energie, diese eigenen Potenziale zu aktivieren. Doch um sinnerfüllt zu leben, sollte das Privatleben nicht nur als "Schlaf- und Abschlaffzeit" genutzt werden. Wer seine freie Zeit so missbraucht, riskiert auf Dauer Lebensglück und Gesundheit. Inas "diffuse Müdigkeit" und ihr oft schlechter Schlaf sind Alarmzeichen. Körper und Seele protestieren. Sie kommen zu kurz, wenn nur der Job zählt. Wenn Ina so weitermacht, wird sie sich eines Tages fragen: "Soll das mein Leben gewesen sein?" Ina braucht eine gesunde Work-Life-Balance in ihrem Leben. Dieser "5-Schritte-Plan" hilft ihr dabei: 1. Am besten ein Wochenende nehmen und überlegen: "Wo stehe ich, und was soll in meinem Privatleben noch passieren?" 2. Dann sollte Ina ihre Sehnsüchte notieren, wie etwa die, dass sie gern wieder reiten und malen würde. Als Nächstes muss sie überlegen, wie das alles realisierbar ist. 3. Ina sollte auch beginnen, Pläne zu machen für eine aktivere Freizeit mit Sport und guter Ernährung. Tipp: Sonntags gleich im Voraus die Aktivitäten für die Woche planen. Zum Beispiel Montag: Fitnessclub und gesund kochen (kein Fast-Food!). Dienstag: lesen oder malen (kein Fernsehen!). Mittwoch: eine Ausstellung, eine neue Bar besuchen. Und: Keine Angst vor Freizeitstress - Aktivität weckt neue Aktivität! 4. Ina sollte sich außerdem morgens mental vorbereiten: Was ist mir heute wichtig (zum Beispiel "Projekt X vorantreiben", "Konflikt mit Herrn Y lösen") und wie erreiche ich das? So braucht sie über Projekte, Gespräche oder Ereignisse, die unwichtig sind, nicht mehr nachzudenken und fühlt sich abends nicht ausgelaugt. 5. Negativen Stress kann Ina abfedern, indem sie erfreuliche Momente sammelt, die den Tag über passieren - auch im Job. Tipp: morgens einige getrocknete weiße Bohnen einstecken und die "Glücksmomente" bewusst zählen, indem für jeden eine Bohne von der rechten in die linke Jackentasche wandert. So erlebt Ina die Zeit als "reicher", Arbeit und Leben als positive Einheit.

Ina ist abends zu nichts mehr zu bewegen. Das liegt auch an ihrer Ernährung: Sie frühstückt kaum, trinkt zu wenig, isst oft den ganzen Tag über gar nichts, dafür abends viel. Weil Ina während der Arbeit lange nichts zu sich nimmt, senkt der Körper den Stoffwechsel und verbrennt weniger Kalorien. Durch die langen Nahrungspausen verwehrt sich Ina tagsüber die Energie, die sie abends für Sport oder Kreatives bräuchte. Tipp: Von morgens an alle drei bis vier Stunden eine kleinere Mahlzeit essen und viel trinken, am besten Wasser oder zuckerfreien Kräuter- oder Früchtetee. Alles bis 2,5 Liter ist prima. Abends können Kohlenhydrate wie Nudeln, Brot oder Obst schwer im Magen liegen. Eiweiße von Pute, Quark oder Fisch hingegen aktivieren den Stoffwechsel, tun dem Körper eher gut. Aber bei Ina geht es nicht nur um die richtige Ernährung. Sie bewegt sich auch zu wenig. Um Ihren körperlichen Zustand zu beurteilen, machte ich mit ihr einen Fitness-Test an der "Polar BodyAge Station". Dieses spezielle Gerät misst das biologische Alter. Das Ergebnis: Inas Körper ist elf Jahre älter, als er sein sollte. Sie hat einen zu hohen Fettanteil, geringe Muskelkraft und muss dringend ihre Beweglichkeit verbessern. Ich plane darum drei circa 90-minütige Trainingseinheiten pro Woche mit Ina. Zum Fettabbau und für die unterschiedlichen Muskelgruppen jeweils 45 Minuten Ausdauertraining an drei von fünf Ausdauergeräten (Rad, Stepper, Crosstrainer, Laufband oder Ruderergometer). Zur Abwechslung Ausdauerkurse wie Spinning, Step, Aerobic oder Aqua-Fit. Zum Aufbau von Muskulatur und für eine bessere Körperhaltung dann noch bei jeder Einheit einen Kurs mit intensivem Muskel-Workout oder Krafttraining an den Geräten und Hanteln.

*Aktuelles Buch: "Sei gut zu dir, wir brauchen dich. Vom besseren Umgang mit sich selbst." Campus Verlag.

... und das hat's gebracht:

Nach einer Woche Dass mein Körper elf Jahre zu alt sein soll, hat mich total geschockt. Trotzdem war es schwer, meinen inneren Schweinehund zu überwinden: Den ersten Termin mit Lena habe ich abgesagt. Beim zweiten - also dem ersten richtigen - habe ich dann gemerkt, wie sehr ich jemanden brauchte, der mich mitzieht. Lena motiviert mich wirklich klasse. Dreimal die Woche zu trainieren ist allerdings hart. Da muss ich erst mal sehen, ob ich das wirklich durchhalte. Richtig erstaunt war ich darüber, wie falsch es war, tagsüber nichts zu essen. Ich wusste nicht, dass der Körper dadurch kein Fett, sondern Stoffe abbaut, die er eigentlich dringend braucht. Kritisch wurde es für mich bei dem Gespräch mit Horst Conen. Das war eine echte Kopfwäsche. Danach hab ich mich schlecht gefühlt und war auch richtig eingeschnappt: Ich höre eben keine Alarmglocke, und sowieso bin ich doch privat gar nicht unglücklich. Aber zugegebenermaßen habe ich wohl wirklich das eine oder andere schleifen lassen. Und durch seinen Anstoß habe ich mir jetzt mal wieder meine private Zeit und meine Ziele bewusst gemacht. Ich versuche jetzt auch, mir morgens auf dem Weg ins Büro in der U-Bahn meine tägliche Besinnungsphase zu nehmen. Und auf einem Wochenendtrip an die Ostsee habe ich wieder damit angefangen, Landschaften zu skizzieren - "einfach so". Ist mir ewig nicht passiert. Mein Mann fand's Klasse. Eine Skizze hängt jetzt in seinem Büro.

Nach einem Monat Was war ich skeptisch! Und wie froh bin ich jetzt, das Ganze durchgezogen zu haben! Ich esse inzwischen regelmäßig und habe dadurch abends nicht mehr diesen Heißhunger. Dann schaffe ich es auch, selbst zu kochen, und es gibt anstatt Pizza Salat mit Pute oder Tomaten mit Mozzarella. Ich fühl mich viel wohler und wacher und habe sogar ein sichtbares Ergebnis: Vier hartnäckige Kilo sind endlich verschwunden! Durch die festen Termine mit Lena stellte sich irgendwann gar nicht mehr die Frage: "Sport - ja oder nein?" Selbst mein Mann trainiert fleißig mit. Er sagt, ich sei echt viel fitter geworden. Das motiviert mich natürlich ungemein. Und tatsächlich: "Aktivität weckt neue Aktivität". Der "5-Schritte-Plan" hat mir den nötigen Anschub gegeben - ich stehe mir jetzt nicht mehr so sehr selbst im Weg. Ich habe wieder kreative Einfälle und zeichne viel. Und eine Reitschule ganz in meiner Nähe habe ich auch entdeckt. Ich bin endlich wieder geritten. Das war Klasse! Auch aus dem "Wollten wir nicht seit Jahren Tennis spielen?" ist ein Anfang geworden. Mein Mann und ich haben die ersten Stunden miteinander gespielt. Meinen Tag versuche ich jetzt besser einzuteilen, und am Abend zähle ich die positiven Erlebnisse. Irgendwie bin ich lockerer geworden: Wenn ich Mist gebaut habe, kann ich neuerdings sogar über mich selbst lachen.

Text: Stefanie Wiggenhorn. BRIGITTE Balance 02/2005

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