"Ich möchte mich leichter entscheiden können"

Ulrike Wohland, 39, aus Hamburg ist Schulsekretärin und Mutter einer zwölfjährigen Tochter. Sich festlegen zu müssen, mag sie gar nicht: Sie ist unentschlossen, überlegt ewig hin und her, hat Angst, die falsche Wahl zu treffen. Ihr großer Wunsch: "Ich möchte mich leichter entscheiden können".

Ulrike Wohland, Schulsekretärin und Mutter, 39, aus Hamburg

Die Ausgangssituation Seit einem halben Jahr ist Ulrike Single, ihre Tochter erzieht sie allein. Sie hat aber viele Freunde und sitzt beruflich fest im Sattel. Hier arbeitet sie strukturiert und kann den Schülern oft mit Tipps weiterhelfen. Privat aber ist Ulrike alles andere als entscheidungsfreudig. Schon morgens steht sie unschlüssig vor dem Kleiderschrank, weiß nicht, was sie anziehen soll. So geht es weiter: Erdbeer- oder Kirschjoghurt kaufen? Pasta oder Pizza bestellen? Ihrer Tochter erlauben, zu einem Konzert zu gehen, oder nicht? Die Finanzen schonen oder den Geburtstag groß feiern?

Immer wieder wägt sie Für und Wider ab, bezieht alle betroffenen Personen in ihre Entscheidungsfindung mit ein. Spätestens danach weiß Ulrike sowieso nicht mehr, was sie will. Auch über ihre Lebensplanung grübelt sie wochen- und monatelang nach - nicht selten ergebnislos. Ihre Unentschlossenheit versperrt ihr oft einen mutigen Schritt nach vorn. Sie sagt: "Ich habe Angst, die falsche Entscheidung zu treffen, ein wichtiges Argument zu vergessen. Und dann nichts mehr ändern zu können. Ich fürchte mich einfach, meinem spontanen Gefühl zu trauen."

Lesen Sie auf den nächsten Seiten: Das sagt die Psychologin Das sagt der Buddhist Das sagt die Bogen-Trainerin ...und das hat's gebracht

Das sagt die Psychologin

Johanna M. Streike: Dipl.-Psych. und Management-Coach, Gründerin von COATRAIN, Hamburg

Ulrike ist eine lebenslustige Frau, die sich gern viele Möglichkeiten offenhält und flexibel bleibt. Das gehört zu ihr, und gerade für Entscheidungen ist es wichtig, die eigene Persönlichkeit zu akzeptieren. Im Coaching wurde aber auch klar, dass sie Perfektionistin ist und sich damit selbst im Weg steht, permanent nach der besten Lösung sucht. Mit der Entscheidung hört das Grübeln für sie nicht auf.

Davon kann sie sich befreien, indem sie sich von den Ansprüchen anderer löst. Sie sollte sich fragen, was sie selbst wirklich will, und eine einmal getroffene Entscheidung abhaken. Das schafft sie, indem sie sich die möglichen Alternativen nicht mehr nur vorstellt, sondern ganz konkret auflistet und die darin enthaltenen Prinzipien und ihre Bedürfnisse bewertet. Geht es ihr um das Prinzip Vielfalt, feiert sie z. B. ihren Geburtstag als Party mit vielen Gästen, steht das Prinzip Intensität im Zentrum, lädt sie ihre drei besten Freundinnen ein.

Das sagt der Buddhist

Helmut Hoffmann: Buddhismus- und Philosophie-Dozent am Kloster Gerode, Berlin

Die buddhistische Tradition geht davon aus, dass wir unser Leben jeden Tag neu formen. Häufig jedoch fühlen wir uns wie Getriebene und suchen unbewusst nach Möglichkeiten, unser Leben neu auszurichten. Dann gilt es, innezuhalten. Zum Beispiel mit einem geistigen Training aus der buddhistischen Lebenskunst: Eine alltägliche Tätigkeit, wie Anziehen oder Einkaufen, wird Schritt für Schritt gedanklich durchgegangen.

Am folgenden Tag führt Ulrike das in jeder geplanten Einzelheit aus. Sinn dieser Übung ist es, Vorstellungen und Handlungen positiv zu verknüpfen und die Handlung, hier die Entscheidungen, zu erleichtern. Führt Ulrike dieses Gedankenspiel täglich durch, wird sie sich entspannen. Aus diesem positiven Lebensgefühl ergeben sich viele Entscheidungen wie von selbst.

Das sagt die Bogen-Trainerin

Andrea Lohmann: Lehrerin für Intuitives Bogenschießen, Meinerzhagen

Den eigenen Stand finden, das Ziel nehmen, Spannung aufbauen - und loslassen. Meditatives Bogenschießen geschieht in diesem immer wiederkehrenden ritualisierten Ablauf. Der bewusste Atem bestimmt das Tempo, nicht nur im Bogenschießen, sondern in fast allen Lebensbereichen. In einem Seminar erlebt Ulrike die Ruhe und Konzentration beim intuitiven Bogenschießen - und lernt wahrzunehmen, was sie braucht, um ihr Leben gut zu gestalten. Im achtsamen Üben mit dem Bogen kann sie sich selbst erden, mit ihrem natürlichen Atem in Fluss kommen und loslassen, was sie treibt.

Übertragen auf den Alltag heißt das: Lernt Ulrike, zu fühlen, wo sie innerlich steht, kann sie auch Entscheidungen treffen. Sie ordnet sich selbst, erfährt, wo sie hinwill. Das Bogenschießen zeigt auch, wie es sich anfühlt, ein Ziel vor sich zu sehen und loszulassen.

Und das hats gebracht

Nach einer Woche Schon der erste Coaching-Termin hat mir richtig viel gebracht. Mir ist klar geworden, dass ich jahrelang gegen meinen Typ angearbeitet habe und mich auch deshalb oft schlecht entscheiden konnte. Ich bin eigentlich ein Gefühlsmensch. Ich nehme meine Umwelt intuitiv wahr, teilweise auch bildhaft. Wenn das Wort Apfel fällt, sehe ich Bilder und assoziiere ihn mit Wilhelm Tell oder dem leckeren Apfelkuchen meiner Oma, denke nicht analytisch "rund, rot, mit Kernen".

Es ist also fatal, wenn ich aus gesellschaftlichen oder partnerschaftlichen Gründen eher der analytische oder realistische Typ sein will. Denn das kollidiert mit meinen intuitiven Gefühlen, und die Verwirrung ist komplett. So war es jedenfalls in den vergangenen Jahren. Ich habe versucht, anders zu sein, als ich bin, weil ich dachte, ich würde im Leben mehr erreichen, wenn ich, wie viele in meinem Bekanntenkreis, analytisch, konsequent, zielsicher und gradlinig wäre.

Dadurch aber war ich innerlich zu zerrissen, um Entscheidungen treffen zu können. Ich wusste einfach nicht mehr, ob ich auf meine Intuition oder meinen Verstand hören soll. Ich habe mich auch schlichtweg nicht mehr getraut, meiner inneren Stimme zu vertrauen.

Jetzt endlich habe ich kapiert, dass kein Persönlichkeits-Typ der bessere oder schlechtere ist. Ich möchte versuchen, wieder zu mir zu stehen, und zwar so gefühlsbetont und spontan, wie ich bin. Die Tipps des Buddhisten umzusetzen, dazu bin ich leider noch nicht gekommen, dafür war die Zeit mit Job und Tochter zu turbulent. Und vom Intensivkurs Bogenschießen, der noch bevorsteht, erwarte ich erst mal gar nichts, um hinterher nicht enttäuscht zu sein. Ich lasse mich überraschen.

Nach einem Monat Das Bogenschießen im Garten des Klosters Gerode war unglaublich intensiv und beeindruckend. Das Eintauchen in diese ruhige Klosteratmosphäre, einen Bogen halten und schießen zu können, schon das allein ist super. Diese Tage haben aber auch den Blick auf mich selbst gelenkt und mich dermaßen gestärkt, dass ich die zu Hause folgenden Alltagskatastrophen - meine Tochter mit einem verstauchten Fuß auf Krücken und mein Auto, das morgens nicht ansprang - ruhig und gelassen regeln konnte.

Die Worte der Bogen-Trainerin "finde deinen Stand"gehen mir immer wieder durch den Kopf. Dann spüre ich meinen Atem, merke, wie ich mich erde, klarer werde und so auch entscheidungsfreudiger und entschlossener. Meine Angst, falsche Entscheidungen zu treffen, wird immer weniger.

Alte Denkmuster wie "Das wird sowieso nichts" lasse ich los. Auch der buddhistische Gedanke, dass das Leben jeden Tag aufs Neue formbar ist, tut mir gut. Kleine Entscheidungen wie die Kleider- oder Essensauswahl fallen mir so viel leichter, schließlich lege ich mich damit nicht für die Ewigkeit fest. Ich traue nun endlich wieder meinem Bauchgefühl, und es klappt.

Auch was meine Lebensplanung insgesamt, aber ebenso die kleineren Projekte betrifft, komme ich voran: Ich habe nicht mehr scheinbar unerreichbar große Ziele vor Augen, sondern sehe den Weg als Ziel. Wochenlang hab ich zum Beispiel überlegt, ob ich meinen Geburtstag groß feiern soll. Jetzt haben mir Coaching und Bogenschießen vermittelt, wie ich wirklich vorankomme: indem ich ganz gelassen Schritt für Schritt die realen Bedingungen prüfe. Und siehe da - der Raum, in dem ich gern gefeiert hätte, war nicht zu bekommen, und damit hat sich das ganz große Fest von selbst erledigt. Jetzt feiere ich deutlich kleiner, und das fühlt sich überschaubar und für mich perfekt an.

Die drei Experten haben mir vor allem vermittelt, dass ich auf meine Intuition vertrauen kann. Aber auch, dass es bei Entscheidungen oft um das Überprüfen vorhandener Möglichkeiten geht. Dann kann ich schrittweise die Lösung finden, die am besten zu mir passt. Aus mir ist wieder eine positive Person geworden, mit mehr Selbstvertrauen und vor allem einer Klarheit, mit der ich mich auf kommende Heraus-forderungen freue und keine Angst mehr vor der Zukunft habe.

BRIGITTE BALANCE Heft 04/07 Fotos: 3 Privat, Mauritius, Max Missal Text: Stefanie Wiggenhorn

Wer hier schreibt:

Stefanie Wiggenhorn
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