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"Ich will mehr Energie"


Annette Ruf ist 39 Jahre alt und schläft beim Tatort noch vor dem Mord ein. Ihr dringender Wunsch: "Ich will mehr Energie."

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Das ist Annette Ruf, 39, aus Calw, verheiratet, zwei Kinder, 3 und 6 Jahre alt. Annette kommt morgens kaum aus dem Bett, mittags fällt sie in ein Loch und abends schafft sie den "Tatort" nicht mehr, weil sie vor dem Mord schon einschläft. Der Arzt hat sie bereits durchgecheckt: Ihr geht's gut. Das beruhigt, aber hilft nicht. Ihr dringender Wunsch: "Ich will mehr Energie"

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Annette fehlt einfach der Spaß: Das komplette Familienleben lastet auf ihren Schultern. Ihr Mann ist im Job ziemlich unter Druck und kommt abends selten vor 21 Uhr nach Hause. Für sie selbst bleibt zwischen Kinderversorgen, Einkaufen und Kochen wenig Zeit. Ihr Tag besteht im Grunde vor allem aus Arbeit und Pflichterfüllung. Da fragt man sich nach gewisser Zeit schon: Wozu eigentlich - was ist der Sinn? Wer dauerhaft keine Antwort auf diese Frage bekommt, der kann sogar depressiv werden. Jeder braucht Freude, Genuss und gute Gefühle - das sind Energiespender. Es müssen keine aufwendigen Dinge sein: Es sind die kleinen Freuden des Alltags, die zählen und oft große Wirkung haben. Annette sollte sich Zeit für sich allein schaffen. Sei es morgens schon den Duft eines besonderen Duschgels zu genießen, sich eine halbe Stunde über Mittag mit einem Buch oder guter Musik und einer Tasse Tee aufs Sofa zu setzen oder mit einer Freundin zu telefonieren. Aber es muss auch Zeit mit dem Liebsten geben. Es kann einen richtigen Energiekick für die Partnerschaft geben, einmal pro Woche nur zu zweit "etwas loszumachen", wie in alten Zeiten. Hört sich ein bisschen retro an, wirkt aber. Gleichzeitig wäre es klug, wenn Annette ihre inneren Kraftquellen wecken würde. Ein guter Weg: autogenes Training, Progressive Relaxation oder Meditation (siehe auch Seite 58). Mit diesen Methoden kann sie in kurzer Zeit tief entspannen und aus sich selbst heraus Kraft tanken. Der anfängliche Zeitaufwand für das Erlernen eines solchen Entspannungsverfahrens beträgt ungefähr zehn Minuten tägliche Übungszeit. Am besten vorher einen Kurs machen. Die Krankenversicherungen bezuschussen entsprechend qualitätsgesicherte Angebote.

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Annette hat beste Voraussetzungen für Bewegung in ihrem Leben: Sie hat viele Treppen im Haus und zwei Kinder - das hält doch schon ganz schön auf Trab. Außerdem - da erst einmal ein Lob an Annette - walkt sie bereits zwei- bis dreimal wöchentlich 30 Minuten. Das ist eine tolle Sache. Damit trimmt sie ihr Herz-Kreislauf-System und stärkt das Immunsystem. Das Workout, das ich vorschlage, soll Annette natürlich nicht als zusätzliche Belastung empfinden. Darum empfehle ich Übungen, die wenig Zeit brauchen und ihren Alltag einfach zum Sportprogramm umfunktionieren. Der Morgen startet gleich besser mit dem Sonnengruß Surya Namaskar, einer Hatha-Yoga-Übung. Diese Bewegungsabfolge weckt alle Lebensgeister, trainiert einen Großteil der Muskeln und fördert außerdem die Gelenkigkeit. Der Sonnengruß nimmt nicht mehr als zehn Minuten Zeit in Anspruch, und Annette startet in den Tag mit dem guten Gewissen, schon etwas Besonderes für sich und ihren Körper getan zu haben. Danach kann Annette ihre Energiespeicher mit einer einminütigen Fingerakupressur aufladen - die Ushas Mudra bringt eine neue Antriebskraft, Frische und wunderbare Klarheit. So geht's: Verschränken Sie die Finger beider Hände ineinander. Ihre Hände bilden so eine Art Halbkugel. Der rechte und der linke Daumen berühren sich an den Kuppen und drücken sanft gegeneinander. Darüber hinaus ist es wichtig, auch etwas für die Ausdauer zu tun. Am besten an der frischen Luft. Annettes Walking-Runden sind da klasse. Weiter so und langsam die Dauer der Läufe auf 60 Minuten erhöhen! Und noch ein Outdoor-Tipp: Annette sollte ruhig öfter mal mit den Kindern Seil springen oder aus dem Stand nach oben hüpfen. Das macht fit und gute Laune. Es ist nicht nur ein prima Herz-Kreislauf-Training, sondern stärkt auch die Bein- und die Rumpfmuskulatur. Durch eine gut trainierte Muskulatur kommt es zu einer erhöhten Sauerstoffverwertung im Muskel, und Annette wird sich bald nicht mehr so erschöpft fühlen.

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Zu essen gibt es für Annette zur Zeit nur, was schnell geht und nicht zum Zwergenaufstand am Tisch führt: morgens Nutella, mittags Nudeln mit Soße und abends Brot mit Aufschnitt. Ernährung ist zur Nebensache geworden, etwas, was man tun muss. Dabei könnte sie gerade daraus sehr einfach Energie ziehen. Sie ernährt sich so vor allem von Kohlehydraten aus Brot, Nudeln und Nutella - alles schnelle Power, die nicht lange bleibt. Dazu gibt es Fett in Form von Butter, Wurst, Käse oder Soße und Gemüse höchstens in Form von Tomatensoße auf den Nudeln. Da fehlen Vitamine, sekundäre Pflanzenstoffe und Mineralien, die den Stoffwechsel auf Trab bringen. Auf der Suche nach dem Wach-Kick greift Annette dann zum Kaffee. Statt aber durch Koffein munterer zu werden, vermindert der Kaffee die Eisenaufnahme und macht Annette noch schlapper. Nicht zu vergessen, dass Kaffee die Wasserausscheidung des Körpers fördert, und Annette trinkt ohnehin viel zu wenig. Ein prima Start in den Morgen ist Obst. Besonders gut sind Apfel, Birne, Pfirsich. Noch besser: das Obst klein schneiden und mit Naturjoghurt mischen, dazu Vollkornhaferflocken mit rein, und fertig ist der Power-Mix. Wenn es geht, sollte Annette ihr geliebtes Nutellabrot nur jeden zweiten Tag essen. Der hohe Fett- und Zuckergehalt macht schnell wieder müde, da nach dem Kick der Blutzuckerspiegel rasch absinkt. Als energiereiche und gesunde Zwischenmahlzeit eignet sich Studentenfutter mit Nüssen, Mandeln, Sonnenblumenkernen und wenig Rosinen. Gut sind auch Eiweißsnacks wie ein Buttermilch-Shake, je nach Saison mit pürierten Erdbeeren, Bananen, Pflaumen oder Birnen. Beim Mittagessen kann Annette ihre Speisekarte noch ordentlich aufpeppen: Nudeln, Kartoffeln, Soßen - da fehlt einfach Gemüse. Auch wenn die Kinder das nicht essen, kann Annette es nur für sich kochen. Die Kinder dürfen dann keins essen, vielleicht macht es ihnen das sogar schmackhaft. Gut geeignet sind Paprika, Tomaten, Fenchel und Kürbis. Als Gewürze bringen Ingwer und Meerrettich Schwung, sie kurbeln den Stoffwechsel an. Und eins noch: trinken, trinken, trinken! Mineralwasser, verdünnte Obstsäfte oder Wasser mit einem Esslöffel erfrischendem Apfelessig.

* Vereinigung für unabhängige Gesundheitsberatung. Infos unter www.ugb.de

... und das hat's gebracht:

Nach einer Woche Es hat schon sehr gut getan, mir einfach mal meiner Situation bewusst zu werden. Wie Karin Joder sagt, besteht mein Tag aus viel Pflichterfüllung, aber ich habe mir jetzt ein paar kleine Freiräume geschaffen. Und das tut gut. Auf einmal ist das Telefonat mit meiner Schwester nicht mehr Alltag, sondern eine nette Pause, und das Zeitunglesen, wenn alle aus dem Haus sind, ist eine Wohltat. Ich versuche gerade auch die ersten Meditationsübungen, es fällt mir aber noch schwer, dabei nicht zu lachen. Mit dem Sonnengruß habe ich auch so meine Schwierigkeiten, ich kann mir den Ablauf einfach nicht merken. Dafür hüpfe ich mich jetzt glücklich - das finden die Kinder klasse -, und ich habe den Eindruck, es wirkt. Die Essensumstellung war am einfachsten. Bei uns gibt's jetzt morgens Müsli, und die Kinder sind begeistert. Es ist auch gar nicht so schwer, jeden zweiten Tag auf Nutella zu verzichten. Ich trinke insgesamt mehr, dafür aber weniger Kaffee. Nüsse und Buttermilch zwischendurch schmecken spitze. Ich habe viel weniger Japp auf Süßes und falle mittags nicht mehr so in ein Loch.

Nach zwei Monaten Kaum zu glauben, ich habe mich mit dem Sonnengruß angefreundet. Die Regelmäßigkeit beruhigt mich, und ich komme viel schneller in Gang. Zum Meditieren finde ich aber nicht die Ruhe. Dafür schaffe ich 45 Minuten Walking jetzt locker. Ich freue mich richtiggehend darauf, weil es mir viel leichter fällt. Die kleinen Momente für mich sind eher wieder seltener geworden, dafür unternehmen mein Mann und ich jetzt einmal in der Woche etwas gemeinsam. Das ist so viel Abwechslung für uns beide und tut auch unserer Beziehung gut. Was die Ernährung betrifft, haben wir uns extrem umgestellt. Es gibt während der Woche gar keine Nutella mehr, nur am Wochenende. Und zum Mittagessen schneide ich Gemüse in die Tomatensoße. Anfangs gab's Proteste bei den Mädels, aber der Trick "Das ist nur für mich, ihr dürft nicht" hat wirklich geholfen. Sie essen jetzt Brokkoli, Möhren und Zucchini.

Mir geht es unterm Strich deutlich besser, weil ich einfach viel mehr auf mich achte. Wenn ich mal ganz schlapp bin, nehme ich mir einfach einen Moment für mich, und dann kommt ein wenig Energie zurück. Abends allerdings schaffe ich den "Tatort" immer noch nicht - aber vielleicht liegt das ja auch daran, dass ich Krimis eigentlich gar nicht leiden kann.

BRIGITTE Balance 01/2004

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