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"Ich will zufriedener werden"


Annika Kuchtinow ist Single, 26 Jahre alt, Fremdsprachensekretärin aus Hannover. In ihrem Leben soll sich etwas ändern. Sie sagt: "Ich will zufriedener werden"

Die Ausgangssituation

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Annika liebt ihren Job, setzt sich aber selbst unter Druck, hat oft Angst, Fehler zu machen. Dadurch ist sie häufig unzufrieden und angespannt. Konflikten geht Annika meist aus dem Weg. Neinsagen fällt ihr schwer, deshalb kommen einige Kollegen mit schwierigen oder ungeliebten Aufgaben gern zu Annika. Obwohl es nach außen nicht so wirkt, ist sie in bestimmten Situationen innerlich unsicher und unentschlossen - selbst beim Einkaufen fallen ihr Entscheidungen schwer. Und auch privat ist Annika seit einiger Zeit nicht glücklich. Ihr Single-Leben war zwar nach sechsjähriger Beziehung erst aufregend und neu. Jetzt aber, nach einem knappen Jahr, fühlt sie sich einsam in einem Freundeskreis von Paaren. Außerdem fehlt ihr Abwechslung im Privatleben. Früher machte Annika noch viel Sport, tanzte sehr gern, ging öfter aus. Heute rafft sie sich immer seltener auf und landet abends meist vor dem Fernseher. Es ist eine generelle Antriebslosigkeit, die sie ausbremst. Das alles macht Annika unzufrieden - so soll ihr Leben nicht weitergehen.

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Eines muss sich Annika klarmachen: Hundertprozentige Zufriedenheit lässt sich nicht ins Erwachsenenalter hinüberretten. Dieses Gefühl gelingt nur in der Kindheit: mit der Vorfreude auf einen Pudding oder beim Verlassen der Schule vor den Ferien. Heute, als Erwachsene, geht es für Annika darum, sich trotz Problemen zeitweilig rundum gut zu fühlen. Dazu sollte Annika aktiv am eigenen Glück arbeiten und überlegen: Wie sieht eigentlich ihr Weg, ihre Zukunftsplanung aus? Sie ist ungebunden und braucht neue Eindrücke und Herausforderungen. Vielleicht eine Weltreise oder ein neues Hobby? Langfristig ist es wichtig, sich mit den eigenen Wünschen und Träumen auseinander zu setzen und nicht nur die Vorstellungen der Eltern zu leben. Das macht auf Dauer unglücklich. Kurzfristig kann Annika mit kleineren Veränderungen zufriedener werden. Ein erster Schritt ist sinnvoll genutzte Freizeit. Es darf Abende geben, an denen Annika genussvoll faul ist. Aber dann sollte sie auch Abende planen, an denen sie etwas Neues ausprobiert, am besten allein, um Menschen kennen zu lernen. Um am eigenen Glücksgefühl mitzubauen, hilft außerdem eine selbst erstellte Tagesbilanz. Denn wir behalten oft nur, was schief gelaufen ist, was gut ging, machen wir uns oft nicht bewusst.

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Annika versucht, im Job durch perfektes Funktionieren Kollegen und Chefs keine Angriffsfläche zu bieten. Hinter solch einem Verhalten stecken Ängste, oft sind das unbewusste Gedankenmuster aus der Kindheit wie "bloß nicht blamieren". Darum arbeitet sie hart und stellt höchste Ansprüche an sich selbst. In Situationen, in denen sie diesen Druck spürt, sollte sie sich selbst beobachten und sich fragen: Warum ist es mir so wichtig, perfekt zu sein und was andere von mir denken? Und: Was passiert schlimmstenfalls, wenn ich einen Fehler mache? So lernt Annika nachsichtiger sich selbst gegenüber zu werden. Und niemand wird enttäuscht sein. Eine veränderte Wahrnehmung hilft Annika auch in Konflikten. Sie kann nur sehr schlecht Nein sagen. Dadurch fühlt sie sich oft ausgenutzt. Genau in diesen Momenten muss Annika aber aktiv werden. Sie sollte klar und ohne Aggression äußern, wie sie die Situation empfindet und durchaus auch mal Neinsagen. Nur so merken die Kollegen, dass sie eine selbstbewusste, ernst zu nehmende Person vor sich haben. Und, Annika sollte üben, Entscheidungen zu treffen. Erst kleinere - ein neues Outfit, eine veränderte Frisur -, das macht nach und nach selbstsicherer und selbstbewusster.

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Annika war jahrelang im Fitness-Studio aktiv und hat leidenschaftlich getanzt. Diese Freude an der Bewegung wiederzubeleben lohnt sich. Denn: Tanz regt den individuellen Ausdruck an und verführt zu stimmungsabhängigen Bewegungen. Eigene Bedürfnisse werden dabei deutlicher spürbar. Der Tanz-Tipp für zu Hause: Nach der Arbeit die Lieblingsmusik anstellen und - tanzen. Ein, zwei Stücke lang, ganz, wie es gefällt. Das entspannt und bringt neue Energie. Empfehlenswert für Annika sind außerdem Aerobic-Kurse mit Tanzelementen. Und: Gelegenheiten zum Dampf ablassen wie "Fight Fit"-Kurse. Auch fünf bis zehn Minuten "Luft-Kickboxen" zu Hause ermutigen, sportlich-spielerisch die eigenen "kämpferischen" Impulse zu entdecken: leicht auf der Stelle joggend, nacheinander mit lockeren Fäusten in die Luft boxen, mit den Füßen in die Luft kicken oder treten. Zwischendurch immer wieder joggen und lockern. Mit jedem Schlag und Kick wird ausgeatmet, am besten mit einem lauten "Ha!" - das fördert den befreienden Effekt.

* FVM: Forschungsgruppe Verhaltensbiologie des Menschen

... und das hat's gebracht:

Nach einer Woche Puh, das sind ganz schön viele Tipps auf einmal. Ich habe deshalb beschlossen, mit der Selbstbeobachtung zu beginnen. Es ist ungewohnt, viel auf mich zu achten. Ich finde es auch schwierig, die eigenen Fehler zu analysieren. Aber ich denke so mehr über mich nach und versuche, mir weniger daraus zu machen, wie die anderen mich und mein Verhalten einschätzen. Ich spüre, dass dadurch der Druck abnimmt, mein ganzer Tagesablauf wird etwas angenehmer. Ich habe es außerdem geschafft, zu einem Kollegen im Büro nett, aber bestimmt Nein zu sagen, und er hat es akzeptiert. Das hat mir gezeigt, dass ein berechtigtes Nein auch anerkannt wird. Kleine Entscheidungen gelingen mir auch schon besser: Ich habe beim Lebensmitteleinkauf endlich einmal nicht hin- und herüberlegt, sondern gezielt gekauft, was auf meinem Zettel stand. Das war toll und vor allem: schön schnell! Auch abends ganz bewusst genussvoll faul zu sein, ein heißes Bad zu nehmen und einfach nur zu relaxen - das hat erstaunlich gut getan. Sehr schön fand ich auch die Idee, zu Hause Musik anzustellen und durch die Wohnung zu tanzen. Das bringt Spaß und macht gute Laune. Das "Luft-Kickboxen" ist ebenfalls witzig und wirkungsvoll. Bei jedem "Ha" fällt Anspannung von mir ab. Hinterher bin ich total befreit und schon viel zufriedener.

Nach einem Monat Ich bin wirklich überrascht, wie viel diese vier Wochen gebracht haben. Ich nehme mir längst nicht mehr alles so zu Herzen, versuche Konflikte zu lösen, anstatt sie zu verdrängen. Im Büro habe ich erkannt, dass man, um nicht unter Zeitdruck zu geraten, die Vorgänge zügiger bearbeiten sollte. Meine Bedenken, dabei nicht hundertprozentig perfekt zu arbeiten, sind schon fast verschwunden.

Ich stelle jetzt auch meine Bedürfnisse mehr in den Vordergrund, und mache es nicht mehr nur allen anderen recht. Privat plane ich meine Abende jetzt besser: Ein-, zweimal war ich allein unterwegs, dabei habe ich mich aber nicht wohl gefühlt. Dafür erobere ich jetzt zusammen mit einer Freundin neue Bars und habe so den Spaß am Single-Leben wiederentdeckt. Ich flirte und merke, ich kann auch allein ohne Partner zufrieden sein. Außerdem bin ich etwas wagemutiger geworden, habe meine Wohnung neu dekoriert, mein Äußeres verändert: eine neue Frisur. Und ich freue mich jedes Mal über ein gelungenes Nein oder eine schnelle Entscheidung im Job, beim Einkauf oder im Restaurant. Auch Sport gehört jetzt wieder zu meinem Leben. Das genieße ich sehr, mittlerweile auch allein. Nach einem "Fight Fit"-Kurs oder Salsa-Aerobic habe ich den Stress des Tages vergessen und bin viel ausgeglichener.

Insgesamt bin ich wesentlich kontaktfreudiger und zufriedener geworden. Das ist neu und unglaublich schön.

Text: Stefanie Wiggenhorn BRIGITTE Balance 01/2005

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